Sicherheit
Das Weinfest Picadilly zwischen Rausch, Tradition und der Angst im Hinterkopf
Jedes Jahr am zweiten Augustwochenende strömen Tausende nach Stadtbredimus, um beim Picadilly das Leben zu feiern. Doch im Schatten dieser fröhlichen Feierstimmung gab es im vergangenen Jahr einen Vorfall, der die Atmosphäre und das Sicherheitsgefühl vieler Besucherinnen nachhaltig erschütterte.
Das Picadilly ist bekannt für seinen erfrischend süßen Wein, der in Strömen fließt Fotos: Carole Theisen
Es gehört zu den größten Ereignissen des Jahres: Das Wein- und Winzerfest Picadilly in Stadtbredimus an der Mosel, das Menschen aus ganz Luxemburg und darüber hinaus anzieht. Ein Wochenende voller Geselligkeit, mit toller Musik und natürlich reichlich Wein – vor allem „Picadilly“, der erfrischend spritzige und süße Wein, der oft direkt aus der Flasche genossen wird.
„Es ist wie eine Tradition“, erklärt Teresa Soares (50), die das Weinfest seit Jahren besucht. „Ich bin von hier, aus ,Briedemes‘, und es ist einfach ein Teil meines Lebens.“ „Es ist das perfekte Wochenende, um Freunde wiederzusehen und einfach zu feiern“, sagt Carole (19) und bringt damit den Charme des Picadilly auf den Punkt. Für viele ist das Festival ein jährliches Highlight. „Man kennt alle, man trifft alte Bekannte, und die Stimmung ist einfach unschlagbar.“
Der Schatten des Vorjahres
Doch im Jahr 2024 kam es zu einem dramatischen Vorfall, der den idyllischen Ruf des Festes infrage stellte. Eine 17-jährige Frau meldete der Polizei in der Nacht vom 10. auf den 11. August, dass sie auf dem Picadilly von einem unbekannten Täter sexuell angegriffen worden sei. Die Polizei nahm Ermittlungen auf, doch der Fall konnte nicht aufgeklärt werden. Der Täter blieb anonym und der Fall wurde im Juli 2025 zu den Akten gelegt. Der Vorfall ging durch die Medien, sorgte für Bestürzung und ließ viele Frauen mit einer Frage zurück: Wie sicher ist es wirklich, auf solchen Großveranstaltungen unterwegs zu sein?
Johanna (17), Lilly (16) und Lena (16) besuchen das Fest regelmäßig, schätzen die einzigartige Atmosphäre und die Zeit, die sie mit ihren Freunden verbringen. Doch die Angst, dass einem möglicherweise etwas in den Drink gemischt werden könnte, ist für sie eine allgegenwärtige Realität. „Es macht schon Angst. Deshalb trifft man einige Vorsichtsmaßnahmen, aber trotzdem möchte man auch Spaß haben“, erzählen die Freundinnen.
Auch Teresa Soares äußert Bedenken: „Das lässt einen nicht kalt. Ich habe selbst eine Tochter und es kann immer etwas passieren. Wenn man sieht, wie schnell jemand den Drink manipulieren kann oder wie leicht man selbst die Kontrolle verliert, ist das beunruhigend.“
Diese Sorgen teilen viele Frauen, vor allem bei großen Feiern und Veranstaltungen. „Ich denke, das könnte überall passieren“, sagt Carole (19). „Es muss nicht unbedingt beim Picadilly passieren. Es könnte auch bei mir zu Hause oder auf der Straße sein. Das ist etwas, worüber man ständig nachdenkt.“ Trotz der ständigen Ängste bleibt für viele die Freude am Feiern ungebrochen. „Man muss einfach darauf achten, dass man nicht alleine ist, dass man immer mit seinen Freunden zusammen bleibt. Dann ist es okay“, so Carole weiter.
Die Ängste der Frauen haben auch zu einer gewissen Sensibilisierung der Festorganisatoren geführt. So berichtet Louis Muacho, einer der Organisatoren des Picadilly und aktiver Barkeeper, dass die Sicherheitsvorkehrungen kontinuierlich verbessert wurden.
Frauen helfen sich gegenseitig
In den Gesprächen mit jungen Frauen wird immer wieder deutlich, wie wichtig das Gefühl der Gemeinschaft und des Aufeinander-Achtens ist. Für Julia (18) und ihre Freundinnen Sarah (17) und Julie (17) ist klar, dass niemand auf dem Picadilly oder bei anderen Events alleine unterwegs sein sollte. „Wir passen immer aufeinander auf“, erzählt Julia. „Wir achten auf unsere Getränke, halten unsere Hände immer über das Glas, und wenn uns etwas merkwürdig vorkommt, sprechen wir es sofort an.“
Auch Mara (19) kennt das Gefühl der Unsicherheit. „Ich habe von dem Vorfall letztes Jahr gehört, und es macht einem schon Angst. Aber gleichzeitig weiß ich, dass ich nicht allein bin. Wenn ich mit meinen Freunden unterwegs bin, dann ist das für mich das Wichtigste: Wir sind immer zusammen. Und zusammen fühlt man sich einfach sicherer.“
Sicherheit als kollektive Verantwortung
Feste wie das Picadilly sind somit ein Spiegelbild der Herausforderungen, denen Frauen in einer Gesellschaft gegenüberstehen, in der ihre Sicherheit häufig als selbstverständlich angesehen wird. Louis Muacho bringt es auf den Punkt: „Es ist nicht nur ein Problem des Picadilly oder eines einzelnen Festivals. Es ist ein gesellschaftliches Problem. Wir sehen es überall – in Bars, Clubs, auf den Straßen. Wir müssen aufeinander achten, insbesondere auf die Frauen. Und genau das ist unser Ziel hier: Wir möchten, dass sich jeder sicher fühlt und dass jeder versteht, dass wir Verantwortung übernehmen.“
Trotzdem ist sich Muacho auch der Grenzen bewusst: „Bei so vielen Menschen können wir nicht jeden einzelnen Moment überwachen, aber wir achten darauf, dass niemand zu viel trinkt. Wenn wir sehen, dass jemand übermäßig Alkohol konsumiert, bieten wir Wasser an und versuchen, ihn vom weiteren Trinken abzuhalten“, erklärt er.
Auch die Frauen selbst sind sich ihrer Verantwortung bewusst. Sie haben ihre eigenen Strategien entwickelt, um sich zu schützen und einander zu unterstützen – doch sie wünschen sich, dass diese Verantwortung nicht nur auf ihren Schultern liegt. Julia bringt es auf den Punkt: „Es geht nicht nur darum, wie wir uns schützen, sondern auch darum, dass sich alle bewusst sind, was passieren kann.“ Es braucht mehr als ein bloßes Bewusstsein für die Gefahr – es erfordert eine aktive Verantwortung, die nicht nur bei Festorganisatoren oder der Polizei liegt, sondern bei uns allen.