Luxembourg Philharmonia
30 Jahre Chefdirigent: Martin Elmquist im Gespräch
Am 26. April feiert das Luxembourg Philharmonia sein 30. Jubiläum unter der Leitung des Chefdirigenten Martin Elmquist. Im Tageblatt-Interview zieht er Bilanz und zeichnet nach, wie er von Italien nach Luxemburg kam.
Er leitet das Luxembourg Philharmonia seit 30 Jahren: Martin Elmquist Foto: Claude Lenert
Tageblatt: Martin Elmquist, Sie sind mittlerweile 30 Jahre lang der Chefdirigent des Luxembourg Philharmonia. Was ist Ihre persönliche Bilanz nach all den Jahren?
Martin Elmquist: Ich glaube, es ist einfach nur schön, zu sehen, wie sich das Orchester weiterentwickelt hat, wie es gewachsen ist und mit welcher Freude die Musiker noch immer zur Sache gehen. Wir sind ja ein reines Amateurorchester und da ist es schon eine Leistung, auf einem solch hohen Niveau die Konzerte zu absolvieren. Nach 30 Jahren ist natürlich auch ein Punkt gekommen, über eine Nachfolge nachzudenken. Und hier ist es wichtig, jemanden zu finden, der die gleiche Philosophie, die gleiche Lust und die gleiche Ernsthaftigkeit vereint, das Orchester sicher in die Zukunft zu führen.
Das Orchester wurde 1979 gegründet. Wissen Sie, was damals den Ausschlag dazu gegeben hat?
Soweit ich weiß, hat die Europawahl 1979, die in Luxemburg stattfand, den Ausschlag gegeben, dass sich vor allem englische Musiker, die in Luxemburg lebten, zusammentaten und ein kleines Orchester im Sinne des europäischen Gedankens bildeten. Es sollte eigentlich nur bei einem Konzert bleiben, aber die Musiker hatten Lust auf mehr bekommen, sodass sich das Luxembourg Philharmonia nach und nach fest etablieren konnte. Damals bestand das Ensemble aus vielleicht 15 Musikern, heute sind wir 90 und sehr international besetzt. Anfang der neunziger Jahre befand sich das Orchester in einer ziemlich katastrophalen Situation und man suchte einen Chefdirigenten, der das Orchester wieder in die Spur bringen sollte und vor allem bereit war, es längerfristig zu begleiten und aufzubauen. Einige Musiker, die bei mir Geigenunterricht hatten, wussten, dass ich als Dirigent in Italien gearbeitet hatte, und sie fragten mich, ob ich nicht Lust hätte, das Luxembourg Philharmonia zu übernehmen. Ich hatte dann eine Probe mit den damals 30 Musikern und es hat geklappt. Wir haben uns auf Anhieb verstanden und das hat sich eigentlich bis heute nicht geändert.
Sie waren damals aber auch international als Dirigent unterwegs ...
Ja, ich habe damals vor allem in Italien gelebt und dirigiert, aber auch in Deutschland und in Dänemark. Aus persönlichen Gründen habe ich Italien verlassen und bin durch Familienangehörige in Luxemburg gestrandet, wo ich als Geigenlehrer von Marc Jacoby am Ettelbrücker Konservatorium eingestellt wurde. Schnell kam dann der Dirigentenposten beim Luxembourg Philharmonia hinzu. Und das passte für mich sehr gut. Im internationalen Betrieb geht es leider relativ hart zu und es wird mit Ellenbogen gekämpft. Das ist aber überhaupt nicht mein Ding und entspricht auch nicht meiner Persönlichkeit. Und deshalb bin ich in Luxemburg geblieben und habe diese Entscheidung der Doppelfunktion als Lehrer und Dirigent nie bereut.
Eigentlich sind Sie durch Sergiu Celibidache zum Dirigieren gekommen.
(Lacht) Ja, aber nicht so wie Sie denken. Ich hatte nie Unterricht bei ihm. Aber als Junge von 13 Jahren habe ich ein Konzert mit ihm in Kopenhagen erlebt. Nach dem Konzert war ich fassungslos und konnte gar nicht begreifen, was ich da gehört hatte. Celibidache kam dann öfters nach Kopenhagen und ich war bei jedem Konzert dabei. Ich bin dann ins Kopenhagener Konservatorium gekommen und mein Lehrer war Konzertmeister beim Rundfunkorchester. Durch ihn durfte ich dann zu den Proben mit Celibidache kommen, die, wie Sie sich vorstellen können, ganz besonders waren. Aber ich habe nie bei ihm studiert. Dafür aber bei Arvid Jansons, dem Vater von Mariss Jansons. Er war ein exzellenter Dirigent und auch ein sehr guter Pädagoge, sehr menschlich und freundlich. Ich durfte mit ihm arbeiten. Später habe ich auch noch bei Neeme Järvi studiert.
Im internationalen Betrieb geht es leider relativ hart zu und es wird mit Ellenbogen gekämpft. Das ist überhaupt nicht mein Ding und entspricht auch nicht meiner Persönlichkeit. Und deshalb bin ich in Luxemburg geblieben.
Martin Elmquist
Chefdirigent des Luxembourg Philharmonia
Wie setzt sich das Orchester zusammen?
Das Luxembourg Philharmonia ist ja ein Orchester auf freiwilliger Basis, das heißt, die Musiker werden nicht bezahlt und somit gelten auch andere Kriterien als bei einem professionellen Orchester. Wenn sich jemand meldet und Interesse bekundet, fragen wir natürlich, ob er bereits Orchestererfahrung hat. Aber im Grunde kann jeder bei uns spielen. Was dann auch erklärt, dass das Niveau sehr unterschiedlich sein kann. Wir haben einige ehemalige Profis, aber auch versierte Amateure und eben auch einige nicht ganz so gute Musiker. Aber das ist nicht schlimm. Es soll jedem Spaß machen und jeder, der in unsere Konzerte kommt, weiß, dass er nicht die Berliner Philharmoniker hört. Trotzdem haben wir eine sehr große und treue Zuhörerschaft. Für unser Jubiläumskonzert in der Philharmonie am 26. April sind bereits tausend Plätze verkauft. Und das ist toll.
Als Amateur ist man ja nicht so flexibel wie als Profi. Wie bauen Sie eine Spielzeit auf, wie viele Konzerte spielen Sie?
Wir geben generell vier Konzerte pro Jahr. Im Januar ist es meistens ein sogenanntes Neujahrskonzert mit Musik von Lehar und Strauß. Der Höhepunkt ist das Sommerkonzert, da haben wir dann das ganze Jahr daran gearbeitet. Wenn wir in der Philharmonie spielen dürfen, dann bekommen die Musiker noch einen Extraschub an Energie und geben wirklich alles. Für ein Amateurorchester ist es jedesmal eine große Ehre und Freude, im großen Saald der Philharmonie auftreten zu dürfen. Der Klang ist wunderbar, die Musiker hören sich anders und können sich auch anders einbringen. Es ist wirklich eine tolle Initiative der Philharmonie, die Konzerte für Amateurmusiker zu ermöglichen. Wir brauchen uns wirklich um nichts zu kümmern, der ganze Backstage ist von A bis Z sehr gut durchorganisiert. Und was besonders toll ist, der Erlös der verkauften Tickets geht an das Luxembourg Philharmonia. Damit können wir dann weiterarbeiten. Zu unseren Konzerten in Luxemburg kommen dann auch noch einige Tourneekonzerte im Ausland. Die sind besonders wichtig für die Musiker, weil Sie auch im Ausland zeigen können, was sie können, aber vor allem, weil es die soziale Kommunikation und das Zusammengehörigkeitsgefühl enorm stärkt.
Welche Werke spielen Sie denn beim Jubiläumskonzert in der Philharmonie jetzt am 26. April?
Wir beginnen mit Claude Debussys Prélude à l’après-midi d’un faune, es folgen Noches en los jardines de España von Manuel de Falla und nach der Pause Carl Nielsens 3. Symphonie „Espansiva“, die hier zum allerersten Mal in Luxemburg erklingt. Der Solist bei de Falla ist der junge portugiesisch-luxemburgische Pianist Johan Perdiga, ein riesiges Talent und Gewinner mehrerer Preise. Für uns ist es sehr wichtig, dass wir in unseren Konzerten auch unseren luxemburgischen Musikern die Chance bieten, sich solistisch zu beweisen.
Mit der Nielsen-Symphonie haben Sie aber ein relativ komplexes Werk ausgesucht. Kann man denn schwierige Stücke zufriedenstellend mit einem Amateurorchester aufführen?
Auf jeden Fall; solche anspruchsvollen Werke wecken den Ehrgeiz der Musiker. Und es ist ja nicht ds erste Mal, dass wir uns an ein solch schwieriges Stück wagen. Schon in unserem ersten Konzert in der Philharmonie im Jahre 2006 haben wir Tschaikowskys 6. Symphonie „Pathétique“ gespielt. Dann 2009 Beethovens 9. Symphonie, das Requiem von Verdi 2012, Schostakowitschs 5. Symphonie, sein 2. Klavierkonzert und Sibelius‘ 2. Symphonie nicht zu vergessen. Nächstes Jahr stehen u.a. Brahms‘ Doppelkonzert, das Tripelkonzert und die 5. Symphonie von Beethoven auf dem Programm.
Sie werden also weitermachen?
Auf jeden Fall, meine Liebe zum Orchester und meine Freude an der Arbeit mit den Musikern ist sehr stark und ich habe immer noch Lust auf mehr.
Infos zum Konzert: philharmonia.lu und philharmonie.lu.