Krieg in Nahost
Zwischen Bruch und Befreiung: Amir Vesali über den Zwiespalt nach dem Tod des iranischen Diktators
Erleichterung und Angst zugleich: Amir Vesali, der den Iran als Kind verlassen musste, beschreibt das moralische Paradox dieser Tage. Zwischen Jubel über das Ende eines Unterdrückers und der Sorge vor einem regionalen Machtpoker, der die Zivilbevölkerung zermalmen könnte.
28. Februar, Atlanta (Georgia): Ein Mann hält ein Schild hoch mit der Aufschrift „Khamenei ist tot“, während Menschen bei einer Kundgebung iranische Flaggen aus der Zeit vor der Islamischen Revolution von 1979 schwenken Foto: AFP
Beides zugleich ist kein Widerspruch, sondern die Lage, in der man heute über Iran spricht – und vielleicht auch sprechen muss, wenn man es ernst meint und nicht bloß moralische Parolen austauscht. Es fühlt sich surreal an: Ich sitze in Europa, scrolle durch Videos aus Teheran, sehe Menschen tanzen, hupen, „Azadi“ rufen, als hätten sie für einen Moment vergessen dürfen, dass in diesem Land jedes Lachen seit Jahrzehnten einen Preis hat.
Der Mann, der ihr Leben vergiftet hat – der Name, der 45 Jahre lang wie eine Decke auf jede Hoffnung gelegt wurde –, ist tot. Und ich merke, wie schnell in mir zwei widersprüchliche Gefühle gleichzeitig aufsteigen: Erleichterung, fast körperlich, als würde etwas endlich nachgeben; und Angst, kühler, nüchterner, weil Geschichte selten dort endet, wo der Jubel beginnt.
Handlungsunfähige Weltordnung
Ich war zwölf, als ich Iran verlassen musste. Ein Teil von mir ist damals geblieben, irgendwo zwischen den Straßen, die ich noch im Kopf habe, und den Gesichtern, die ich nur noch aus der Ferne sehe. Dieser Teil empfindet heute Erleichterung – nicht triumphierend, eher wie jemand, der nach Jahren wieder Luft bekommt. Ein anderer Teil spürt sofort den Schatten: den amerikanisch-israelischen Poker um mein Herkunftsland, die strategischen Rechnungen im Hintergrund, die Ungewissheit, wer nach dieser Nacht aus den Trümmern aufsteht und welche Ordnung an die Stelle der alten tritt.
Wer über internationales Recht spricht, spricht nicht nur über Staaten, sondern auch über Menschen. Es schützt die Souveränität, aber ebenso das Recht auf Leben, Würde und Freiheit. Genau hier liegt die Spannung: Was geschieht, wenn ein Regime diese Rechte systematisch verletzt? Wenn es schießt statt schützt? Begriffe wie „R2P“, also die kollektive Schutzpflicht der Staatengemeinschaft, existieren. In der politischen Realität waren sie blockiert. Im Sicherheitsrat verhinderten Vetos jede wirksame Resolution. Ein Mandat war faktisch unerreichbar. Das rechtfertigt keinen Angriff. Aber es beschreibt eine Weltordnung, die im entscheidenden Moment handlungsunfähig war.
Amir Vesali

Foto: Editpress/Hervé Montaigu
Amir Vesali ist Luxemburger iranischer Abstammung, ein großer Teil seiner Familie lebt noch im Iran. Vesali ist gelernter Jurist und macht derzeit einen Master im Wirtschaftsstrafrecht mit Fokus auf Geldwäsche, Terrorismusfinanzierung und Korruption. Er arbeitet als parlamentarischer Mitarbeiter in der LSAP-Fraktion.
Zur Wahrheit gehört auch: Dieses Regime hat Protest mit brutaler Gewalt beantwortet. Bei den Niederschlagungen der letzten Jahre starben tausende Menschen. Berichte sprechen von systematischer Folter, von Verschleppungen Verletzter aus Krankenhäusern, von kollektiver Einschüchterung ganzer Stadtviertel. Wer das ausblendet, analysiert nicht, sondern verharmlost.
Ich habe militärische Gewalt nicht befürwortet. Und dennoch erkenne ich an, dass ihr Ausgang für Unterdrückte eine Chance bedeuten kann. Das macht den Angriff nicht richtig. Aber es erklärt die Erleichterung vieler. Sie freuen sich nicht über Raketen. Sie freuen sich über das Ende einer Macht, die sie selbst trotz aller Proteste nicht brechen konnten.
Wer erlebt, dass jeder Aufstand mit Kugeln beantwortet wird, weiß: Mut allein stürzt keine Diktatur. Die Iraner sind immer wieder auf die Straße gegangen. Nicht der Wille hat gefehlt. Es fehlten die Mittel gegen ein System, das bereit war, massenhaft Gewalt einzusetzen. Darin liegt das Paradox dieser Tage: Man kann moralische Zweifel haben und dennoch erleichtert sein. Diese Gefühle schließen sich nicht aus.
Europa darf nicht Zuschauer bleiben
Eine internationale Ordnung, die Schutz verspricht und ihn nicht durchsetzt, verliert Glaubwürdigkeit. Wo Institutionen blockiert sind, entsteht ein Machtvakuum. Und ein Machtvakuum bleibt nie leer. Gefüllt wird es selten von den Hütern des Rechts.
Der reflexhafte Vergleich mit Irak oder Syrien greift zu kurz. Iran verfügt über eine starke nationale Identität und eine breite Einigkeit darin, dass das Regime gehen soll, nicht das Land. Ein automatischer Staatszerfall ist deshalb nicht zwangsläufig. Wahrscheinlicher ist ein innerer Machtkampf, ein Ringen innerhalb der Eliten, dessen Ausgang offen ist.
Gerade deshalb darf Europa nicht Zuschauer bleiben. Demokratie entsteht nicht von selbst. Sie beruht auf Verfahren, Institutionen, Erfahrung. Das iranische Volk wurde Jahrzehnte daran gehindert, sie frei zu entwickeln. Die Europäische Union kann mehr tun als kommentieren: Sie kann exiliranische Kräfte strukturell einbinden, Dialogforen schaffen, Expertise bündeln und Übergänge vorbereiten, bevor sie improvisiert werden müssen. Und sie kann konsequent handeln, wo es um Vermögen geht. Milliarden aus regimenahem Umfeld sind über Zwischenhändler in Europa, auch in Luxemburg, angelegt. Wer von Rechtsstaat spricht, sollte diese Mittel sichern und für den Aufbau rechtsstaatlicher Strukturen in einem künftigen Iran nutzbar machen. Das wäre keine Geste. Es wäre Konsequenz.
Ich schreibe das als jemand, der sein Geburtsland als Kind verlassen musste und nie aufgehört hat, es zu vermissen. Rechtsbruch bleibt Rechtsbruch. Unterdrückung bleibt Unterdrückung. Aber wenn eine internationale Ordnung Schutz verspricht und dieser Schutz in entscheidenden Momenten ausbleibt, dann entstehen Ereignisse, die sich nicht in einfache Kategorien pressen lassen.
Vielleicht war diese Nacht völkerrechtlich ein Bruch – und für viele Iraner zugleich ein Moment der Befreiung. Diese Spannung müssen wir aushalten. Und wir müssen uns ehrlich fragen, warum eine Ordnung, die Schutz verspricht, diesen Schutz nicht einlöst.