Xis Plan
Wie China vom Iran-Konflikt profitiert
Während die USA im Nahen Osten gebunden sind, stärkt Peking seine Position – durch Ölreserven, Geheimdiensterkenntnisse und eine unsichtbare Flotte vor Taiwan.
Die chinesische Wirtschaft hat sich im ersten Quartal trotz der Störungen im internationalen Handel wegen des Krieges im Nahen Osten gut entwickelt. Die Wirtschaftsleistung stieg im Vergleich zum Vorjahresquartal um 5,0 Prozent, wie das Statistikamt in Peking am Donnerstag mitteilte. Foto: CN-STR/AFP
Während Donald Trump seinen Krieg gegen den Iran führt, sitzt Xi Jinping in Peking – und wartet. Nicht tatenlos, sondern mit der Geduld eines Schachspielers, der die nächsten Züge längst gesehen hat. Wirtschaftsexperten des Peterson Institute for International Economics bringen es auf den Punkt: „China geht als strategischer Gewinner hervor.“
Die Zahlen stützen diese These. China hatte sich auf Versorgungsunterbrechungen vorbereitet: Allein im Januar und Februar steigerte es seine Ölimporte um 16 Prozent. Die kombinierten strategischen und kommerziellen Reserven decken nun rund vier Monate an Importen ab – aufgefüllt, als russisches Öl noch stark rabattiert war. Über die Straße von Hormuz flossen vor dem Krieg täglich rund 5,4 Millionen Barrel in Richtung China. Auch seit Beginn des Konflikts gelangte weiterhin Öl nach Peking, das die Passage durch direkte Diplomatie mit Teheran sicherte – ohne Washington dabei zu helfen.
Auf der anderen Seite des Pazifiks sieht die Lage düsterer aus. US-amerikanische Luftabwehrsysteme wurden aus Japan und Südkorea in den Nahen Osten verlegt. Flugzeugträger umgeleitet. Und laut Bloomberg wird es bei normalen Produktionsraten fünf Jahre dauern, bis die USA ihren Vorrat an weitreichenden Marschflugkörpern wieder aufgefüllt haben.
Peking profitiert bereits
Der Vorteil ist nicht nur materiell. China seinerseits hat sich auf ein Szenario wie die aktuelle Krise im Persischen Golf vorbereitet. Chinas Präsident Xi Jinping, so Jocelyn Chey, Gastprofessorin an der University of Sydney und frühere australische Diplomatin in China und Hongkong, habe die psychologische Haltung verinnerlicht, Krisen in Chancen zu verwandeln – das sei der Kern von Chinas langfristiger Wirtschaftsplanung. Zu den üppigen Ölreserven kommen ein fast vollständig autarkes Stromsystem und die weltweit meisten Elektrofahrzeuge hinzu. Gleichzeitig nutzt Peking die Gelegenheit, seine Position als verlässlicher regionaler Handelspartner auszubauen. Es lieferte 19 LNG-Schiffsladungen an Nachbarländer wie Südkorea, Japan und die Philippinen – und bot Taiwan eine zuverlässige Energieversorgung an, falls es sich Peking anschließt.
Hinzu kommt eine geheimdienstliche Dimension: Die Beobachtung von US-Marineoperationen am Golf in Echtzeit – Flugzeugträgerbewegungen, Raketenabfangmuster, Logistikströme – ist für China von strategischem Wert. „Je mehr die USA ihr operatives Handbuch und ihre Schwachstellen am Golf offenlegen, desto besser kann Peking seine eigene Planung für eine militärische Übernahme Taiwans kalibrieren“, so die Experten des Peterson Institute for International Economics.
Fischerboote, Fähren, Lastkähne – die unsichtbare Flotte
Genau diese Planung scheint längst angelaufen zu sein, wie eine investigative Recherche des australischen Senders ABC zeigt. Im Dezember vergangenen Jahres versammelten sich demnach 2.000 chinesische Fischereifahrzeuge in einer langen, schlangenförmigen Formation nördlich von Taiwan. Kein Fischereimuster, kein Zickzackkurs – sondern stabile Positionen, über Stunden. Im Januar wiederholte sich das Manöver mit über 1.200 Schiffen. Thomas Shugart, ehemaliger US-Marineoffizier und Senior Fellow am Center for a New American Security, nennt das „beispiellos“: „Wenn man Hunderte oder sogar Tausende von Schiffen koordiniert ins Wasser bringen kann, erzeugt man Reibung, Staus und Verwirrung – ohne jemals eine Blockade auszurufen“, erklärte er gegenüber dem australischen Sender.
Ein Teil dieser Flotte gilt laut Pentagon als staatlich gelenkte Reservetruppe, die für strategische Aufgaben mobilisiert werden kann. Hinzu kommen Dutzende sogenannte Ro-Ro-Fähren, auf die Lastwagen und Panzerfahrzeuge direkt auffahren können. Satellitenbilder zeigen Militärfahrzeuge, die bei Übungen auf kommerzielle Fähren verladen werden. Und schließlich: modulare Landungsbarken mit ausfahrbaren Rampen – zivil aussehend, militärisch verwendbar.
Taiwan-Szenario „keine abstrakte Sorge“
Die Analysten des australischen Thinktanks ASPI warnen in ihrem jüngsten Kompendium zu Taiwan, dass jede Veränderung des Status quo „die regionale Ordnung transformieren, das Gleichgewicht zugunsten autoritärer Macht verschieben und langjährige Sicherheitsvereinbarungen untergraben“ würde. Für Länder wie Australien sei das „keine abstrakte Sorge“ – ein Taiwan-Szenario hätte direkte Auswirkungen auf Handel, Bündnisverpflichtungen und nationale Sicherheit.
Diese Sorgen sind in Washington längst angekommen. Die US-Senatorin Jeanne Shaheen bereiste kürzlich mit einer parteiübergreifenden Gruppe Taiwan, Japan und Südkorea – und hörte überall dasselbe: Beunruhigung über steigende Energiekosten und über den Abzug amerikanischer Raketenabwehrsysteme aus der Region. „Scheitern ist keine Option“, sagte sie anschließend gegenüber der Agentur AP. „Wir wissen, dass China bereits erklärt hat, Taiwan notfalls mit Gewalt einzunehmen, und dass sie einen beschleunigten Zeitplan verfolgen.“
„Vorbereitung ist nicht dasselbe wie Absicht“
Doch nicht alle Experten teilen diese Alarmstimmung. China-Expertin Jocelyn Chey warnt vor voreiligen Schlüssen. Sie sehe „keine Belege“ dafür, dass Peking die US-Ablenkung im Nahen Osten gezielt ausnutze, schreibt sie in einer E-Mail. Als bedeutsameres Signal wertet sie den jüngsten Besuch der taiwanischen Oppositionsführerin Cheng Li-wun in Peking – der erste seit vielen Jahren: Dies deute eher auf Dialog als auf Konfrontation hin. Die Wiedervereinigung mit Taiwan sei zwar ein dauerhaftes Ziel der Kommunistischen Partei, aber Peking bevorzuge eine friedliche Lösung.
Der Pekinger Maritimexperte Hu Bo sieht es ähnlich: „Vorbereitung ist nicht dasselbe wie Absicht“, sagte er bereits im letzten Jahr auf Anfrage des australischen Senders ABC. China bereite sich zwar auf eine „Taiwan-Krise“ vor – das sei „gesunder Menschenverstand“ –, aber das bedeute nicht, dass Peking schnell handeln werde.
Das Gesamtbild bleibt komplex: China setzt auf geduldigen Druck – durch Ölreserven, Diplomatie und eine scheinbar zivile Flotte vor Taiwan. Gleichzeitig birgt diese Strategie Risiken: Ein US-Erfolg im Iran könnte Pekings Einfluss schwächen, eine globale Rezession die eigene Wirtschaft treffen.
In westlichen Militärkreisen gilt genau diese Form des indirekten Vorgehens jedoch als entscheidend. Es gehe darum, so fasst es der Sicherheitsexperte Thomas Shugart zusammen, „das Umfeld zu gestalten, bevor die Schüsse fallen“. Noch ist offen, ob Pekings Kalkül aufgeht. Sicher ist nur: Während andere reagieren, plant Xi Jinping bereits den nächsten Zug.