Iran-Krieg
Welche militärischen Optionen bestehen gegen die Blockade der Straße von Hormus?
Wie lässt sich der Warenverkehr durch die Straße von Hormus zwischen Iran und der arabischen Halbinsel wieder in Gang setzen? Heiß diskutieren Militär-Fachleute diese Frage, nachdem das von den USA und Israel angegriffene Land wieder einmal die Blockade des Nadelöhrs angedroht und durch Angriffe auf zivile Schiffe unterstrichen hat.
Die Meerenge zwischen dem Persischen Golf und dem Golf von Oman ist von höchster geopolitischer und geoökonomischer Bedeutung Foto: The Visible Earth/NASA/dpa
Während US-Präsident Donald Trump nicht nur Verbündete wie Korea, Frankreich oder Großbritannien, sondern auch China zur Mithilfe auffordert, spricht der britische Premier von „einem praktikablen Plan“, der möglichst viele Partner aus Europa und Asien sowie den Golfstaaten einbezieht: „Das ist nicht unkompliziert“, sagt Keir Starmer in schönstem englischem Understatement.
In London kam die Geschäftsführung der internationalen Seeschifffahrts-Organisation IMO zu einer Sondersitzung zusammen. IMO-Boss Arsenio Dominguez hatte kürzlich die militärische Begleitung ziviler Schiffe als „keine Dauerlösung“ für das Problem des Nadelöhrs Hormus bezeichnet. Die UN-Organisation sorgt sich vor allem um das Wohlergehen jener Tausenden von Seeleute, deren Schiffe im Persischen Golf feststecken.
Die Meerenge von Hormus weist an der engsten Stelle eine Breite von lediglich 38 Kilometern auf. Wegen Teherans Drohungen scheuen viele Reeder und Besatzungen vor der Durchfahrt zurück, weshalb sich beiderseits des Nadelöhrs mindestens 1.000 Schiffe, darunter viele Supertanker, stauen. Damit ist eine vitale Arterie des globalen Handels praktisch lahmgelegt: Zwanzig Prozent des Energiebedarfs, rund ein Drittel des weltweit gehandelten Düngers sowie 70 Prozent des Nahrungsbedarfs der Golf-Staaten werden normalerweise durch die Straße von Hormus transportiert. Das hat sich seit Kriegsbeginn geändert.
Allerdings ist der Verkehr keineswegs gänzlich unterbrochen, wie Bridget Diakun von der fast 300 Jahre alten Datenfirma Lloyds List Intelligence (LLI) dem Londoner Thinktank IISS berichtet. Seit Monatsbeginn hätten mindestens 105 Schiffe die Passage durchquert; im Vergleichszeitraum 2025 waren es rund 1.870. Darunter waren ein Öltanker mit Kurs auf Pakistan sowie zwei Tanker mit Flüssiggas für Indien. Ein chinesischer Supertanker nähert sich der Straße aus dem Golf. Die meisten Schiffe gehörten entweder Reedern aus Iran (24 Prozent), Griechenland (18) und China (10) oder fuhren unter deren Flagge; insgesamt fast 60 Prozent sind durch Handel mit Iran verbunden. „Griechische und türkische Reeder haben eine vergleichsweise höhere Risikotoleranz“, erläutert Diakun.
Marines erst Ende des Monats im Einsatz
In den vergangenen Tagen wichen zehn Schiffe von der normalen Route ab und manövrierten zwischen den iranischen Inseln Larak und Qeschm. Dieser „von Teheran genehmigte Korridor“ gebe den Iranern Gelegenheit, die Angaben von Reederei und Besatzung zu überprüfen, heißt es bei LLI.
Die beiden Inseln dürften sich im Visier der US-Marines befinden – wenn diese erst einmal vor Ort eintreffen. Wie wenig die Angriffsstaaten über die Optionen des Mullah-Regimes nachgedacht hatten, verdeutlicht das zunächst komplette Fehlen einer Eskalationsdrohung mit Bodentruppen. Es dauerte beinahe zwei Wochen, bis das Pentagon ein amphibisches Landungsschiff der US-Marines, die „USS Tripoli“, mit Tausenden von Soldaten an Bord in See stechen ließ. Die Fahrt vom Marinestützpunkt Okinawa an den Persischen Golf dürfte zwei Wochen dauern, vor Ende des Monats wäre mit einem Einsatz kaum zu rechnen.
Einstweilen haben dem Pentagon zufolge US-Jets diese Woche mehrere Raketen-Abschusseinrichtungen entlang der Wasserstraße zerstört. Und ein Einsatz der Marines wäre „wirklich außergewöhnlich“, urteilt der frühere Fregattenkapitän Tom Sharpe. Die Einheit gilt als besonders kampfstark, aber: „Wie gehen die mit dem Problem von Raketenwerfern 100 Kilometer landeinwärts um?“ Außerdem müssten 2.200 Soldaten verpflegt und medizinisch versorgt werden.
Kampfdrohnen und Minen
Aus der Luft betrachtet ähnelt die 136 Kilometer lange Insel Qeschm auf verblüffende Weise einem Delfin – oder einem fest verankerten Flugzeugträger, als der sie auch tatsächlich dient. Könnte sie Ziel eines Angriffs der US-Marines werden? „Von dort aus könnten sie ihr erst kürzlich entwickeltes Anti-Drohnen-Radar einsetzen“, glaubt IISS-Analyst Sascha Bruchmann. Das würde die Sicherheit der zivilen Schifffahrt erhöhen, wenn auch nicht unbedingt garantieren.
Schließlich stehe dem Iran neben den hocheffizienten Kampfdrohnen auch „ein erhebliches Arsenal“ von Minen zur Verfügung, wohl zwischen 5.000 und 6.000 Stück, weiß IISS-Mann Nick Childs. Diese könnten von der „sehr fähigen Streitmacht“ schneller, seegängiger Patrouillenboote ins Wasser gebracht werden, „oder Sie rollen die Minen einfach von einer Dau“, einem der winzigen Segelschiffe, die im Persischen Golf verbreitet sind.
Wer könnte die Minen beseitigen? Vor Ort, nämlich in Bahrain, halten sich acht Spezialisten der Royal Navy auf. Sie kontrollieren von dort aus Drohnenschiffe, die auf die Minenjagd spezialisiert sind. Herkömmliche Minensuchschiffe haben sowohl die Briten als auch die Amerikaner in den vergangenen Monaten vom Golf abgezogen. Gegenüber dem bisher unerprobten, in Zusammenarbeit mit Frankreich entwickelten System besteht allerdings bei Fachleuten wie Sharpe erhebliche Skepsis.