EU-Kommissionspräsidentin in Australien

Von der Leyen feiert „Social-Media-Bann“ als Vorbild für Europa

Australien hat Social Media für Unter-16-Jährige verboten – und erntet Lob aus Brüssel. Für Europa wird das umstrittene Gesetz zum Testfall: Was funktioniert, was nicht?

Ursula von der Leyen wird in Canberra vom australischen Premierminister Anthony Albanese begrüßt, EU-Australien Treffen

EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen wird in Canberra vom australischen Premierminister Anthony Albanese empfangen Foto: AFP

Es war ein historischer Tag für die Beziehungen zwischen der EU und Australien: Während am Dienstag in Canberra die Tinte unter dem neuen Freihandelsabkommen trocknete, rückte ein anderes Thema in den Mittelpunkt – das australische Social-Media-Verbot für Unter-16-Jährige. EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen sparte bei ihrem Besuch nicht mit Lob – und deutete an, dass Europa dem Beispiel folgen könnte.

„Ihr Social-Media-Verbot war eine von der Gemeinschaft getragene Initiative, parteiübergreifend und bereits in Kraft. Wir wünschen Ihnen viel Erfolg“, sagte von der Leyen am Dienstag in ihrer Rede vor dem australischen Parlament. Die EU beobachte diese „weltweit führende Reform“ sehr genau: „Mehrere unserer EU-Mitgliedstaaten beabsichtigen, diesem Beispiel zu folgen.“

Zwischen Regeln und Realität

Seit dem 10. Dezember 2025 ist Australien das erste Land der Welt, das Kindern und Jugendlichen unter 16 Jahren den Zugang zu Plattformen wie TikTok, Instagram, Snapchat und YouTube gesetzlich untersagt. Klassische Messenger-Dienste wie WhatsApp sind davon ausgenommen.

Gut 100 Tage nach Inkrafttreten zeigt sich ein ambivalentes Bild: Die gesellschaftliche Zustimmung bleibt mit 67 Prozent laut Umfragen des Resolve Political Monitor hoch. Gleichzeitig erweist sich die technische Umsetzung als komplexes Katz-und-Maus-Spiel. Rund 4,7 Millionen Konten von Minderjährigen wurden laut Kommunikationsministerin Anika Wells deaktiviert – ein „riesiger Erfolg“ aus Sicht der Regierung. Doch Fachleute beobachten, dass viele Jugendliche auf Plattformen im ausgeloggten Zustand ausweichen. Dort sind Inhalte oft extremer und schwerer zu moderieren.

Ich bin immer wieder überrascht, wie positiv Kinder auf einen klaren Rahmen reagieren.

Jörg Dopfer

Schulleiter der Deutschen Schule Melbourne

Wie sich das Gesetz im Alltag auswirkt, zeigt sich besonders in Schulen und Familien. Schulleiter wie Jörg Dopfer von der Deutschen Schule Melbourne berichten von positiven Effekten: „Ich bin immer wieder überrascht, wie positiv Kinder auf einen klaren Rahmen reagieren.“ Er beobachtet, dass Schüler wieder mehr Zeit miteinander auf dem Schulhof oder bei Hobbys verbringen. Gleichzeitig kennt er die Grenzen der Regulierung: „Wer es umgehen will, kann es umgehen.“ So habe ein Schüler die Alterskontrolle mit einem aufgeklebten Bild überlistet.

Auch in Familien zeigt sich ein differenziertes Bild. Die Mutter Stefanie Kerr beschreibt das Dilemma einer „Zwischengeneration“: „Mein Sohn ist 14 und nutzt Snapchat, um mit seinen Schulfreunden zu kommunizieren.“ Es falle schwer, ihn aus bestehenden sozialen Gruppen herauszulösen. Bei ihrer elfjährigen Tochter sei die Lage dagegen klarer: „Es wird viel einfacher sein, von Anfang an zu sagen, dass Snapchat & Co. keine Option sind.“

Während die Politik noch mit der Durchsetzung des Social-Media-Verbots ringt, zeichnet sich bereits die nächste Herausforderung ab. Ein am Dienstag veröffentlichter Transparenzbericht der australischen eSafety Commissioner lenkt den Blick auf KI-Begleiter-Chatbots.

Was Europa daraus lernen kann

Demnach nutzen fast 80 Prozent der australischen Kinder und Jugendlichen Angebote von Plattformen wie Character.AI, Chub AI, Nomi oder Chai, die als „KI-Freunde“ vermarktet werden. Die eSafety-Beauftragte Julie Inman Grant bezeichnet diese Angebote als „dodgy by design“ („unseriös durch Design“). Der Bericht warnt, dass Jugendliche dort mit sexuell expliziten Inhalten konfrontiert werden und teilweise sogar zu Suizidgedanken oder Selbstverletzung ermutigt würden. Auch der Experte Uri Gal von der University of Sydney sieht langfristige Risiken: „Diese Systeme beginnen, die sozialen Umgebungen zu verdrängen, in denen junge Menschen lernen, wie sie sich gegenüber anderen verhalten und ihr Verständnis von Werten und Normen entwickeln.“

Für Europa wird Australien damit zum Reallabor digitaler Regulierung. Während von der Leyen die politische Entschlossenheit lobt, warnen Experten vor einer zu einseitigen Verbotsstrategie. Daniel Angus von der Queensland University of Technology plädiert statt „stumpfer Instrumente“ für eine stärkere Verantwortung der Plattformen, etwa durch „Safety-by-Design“.

Auch aus der Praxis kommt ein anderer Akzent. Jörg Dopfer sieht die zentrale Aufgabe in der Bildung: Medienkompetenz müsse fest in den Unterricht integriert werden. „Nicht als Verbot, das von oben kommt, sondern als Kompetenz, die von innen wächst.“ Für Ursula von der Leyen scheinen die australischen Erfahrungen dennoch ein Signal zu sein. Ihr Fazit in Canberra: „In jeder meiner Reden schließe ich mit ‚Lang lebe Europa‘, aber heute möchte ich hinzufügen: Lang lebe Australien.“

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