Ungarn

Tisza-Chef Peter Magyar benötigt als Regierungschef rasche Erfolge

Nach dem Erdrutschsieg seiner Tisza-Partei dürften Ungarns künftigen Premier Peter Magyar außer der miesen Wirtschaftslage vor allem die hohen Erwartungen zu schaffen machen. Erste Absatzbewegungen gibt es hingegen bei den Wahlverlierern der Fidesz-Partei von Noch-Premier Viktor Orban.

Peter Magyar spricht mit dem ungarischen Präsidenten, um schnell den Regierungsauftrag zu erhalten.

Peter Magyar will so schnell wie möglich vom ungarischen Präsidenten den Regierungsauftrag erhalten Foto: Attila Kisbenedek/AFP

Verlierer haben selten Grund zum Feiern. „Schluchzende Menschen, leere Bierstände“, vermeldeten in Ungarns langer Wahlnacht die lokalen Reporter des Portals des HVG-Magazins von der tristen Wahlparty der Fidesz-Partei in der Balna-Halle am Budapester Donauufer.

Unerwartet früh und kurz räumte Noch-Premier Viktor Orban unter dem Beifall seiner betreten dreinblickenden Mitstreiter bereits kurz vor halb zehn Uhr seine „schmerzhafte, aber klare“ Niederlage ein und kündigte den Wechsel in die Opposition an: „Wir geben niemals auf.“

Ausgelassene Partystimmung war hingegen nach Schließung der Wahllokale drei Kilometer flußaufwärts am Batthyany Ter angesagt. Als Jugendlicher hatte sich Peter Magyar einst ein Poster von Viktor Orban an die Zimmerwand gehängt. Nun zelebrierte der 45-jährige Chef der konservativen Tisza-Partei mit der Landesfahne in der Hand am Donauufer gegenüber dem erleuchteten Parlament die Entthronung seines 17 Jahre älteren Ex-Vorbilds unter dem ohrenbetäubenden Jubel von Zehntausenden seiner Anhänger: „Ungarn, ihr habt Geschichte geschrieben – und das Wunder vollbracht.“

Einen steigenden Forint-Kurs und einen auf einen neuen Höchststand gekletterten Bux-Index vermeldete zu Wochenbeginn die Budapester Börse. Eine „Erleichterung“ sei es, dass Orban mit der raschen Anerkennung seiner Niederlage nach dem hitzigen Wahlkampf eine weitere Polarisierung vermieden habe, erklärt der Analyst Richard Demeny vom renommierten Political-Capital-Institut das Ausbleiben der vorab befürchteten Nachwahlturbulenzen: „Orban realisierte vermutlich schon früh am Wahlabend, dass bei einem derart großen Rückstand irgendwelche Einsprüche keinerlei Sinn machen.“

„Die Realität wird ihn einholen“

Für Magyar ist laut Demeny nach der erfolgreichen Wahlschlacht nun weniger die von ersten Zerfallserscheinungen geplagte Fidesz als die drängende Zeit und rasch benötigte Erfolgsnachrichten das Problem: „Die Erwartungen seiner wenig homogenen Wählerschaft sind sehr groß. Relativ schnell dürfte er neben der zur Priorität erklärten Reform der Schüsselinstitutionen vor allem die Freigabe der eingefrorenen EU-Gelder in Angriff nehmen.“

Er rufe Präsident Tamas Sulyok dazu auf, ihn als Wahlgewinner sofort mit der Regierungsbildung zu beauftragen und dann abzutreten, „wie alle Marionetten, die uns die Machthaber in den letzten 16 Jahren in den Nacken gesetzt haben“, gelobte Magyar bereits auf seiner Wahlparty: „Wir werden das System der Gewaltenteilung wiederherstellen und garantieren, dass die Demokratie in unserem Land funktioniert.“

Magyar könne „jetzt noch feiern, aber die Realität wird ihn bald einholen“, unkt angsichts der „enormen Probleme der ungarischen Wirtschaft“ am Montag das HVG-Magazin: „Magyar kann mit einer größeren Fraktion im Rücken regieren, als Orban sie je hatte. Aber wird er der Versuchung der Macht widerstehen können, Kontrollen und Gegengewichte schaffen und aufrechterhalten, selbst dann, wenn das Regieren schwierig wird?“

Keine lange Übergangsperiode

Am Tag nach der historischen Wahlnacht sorgen neben der wilden Tanzeinlage des künftigen Tisza-Gesundheitsministers Zsolt Hegedüs jedoch vor allem die Spekulationen über die von Fidesz installierten Amtsträger für Schlagzeilen, denen als erste nach Vollzug des Machtwechsels die Entlassung drohen könnten.

Mit einer langen Übergangsperiode rechnet Analyst Demeny nach Orbans Eingeständnis seiner Niederlage nicht mehr. Im Gegensatz zu Polens Premier Donald Tusk, dem seine PIS-Vorgänger bei der Umsetzung seiner Refompläne unendliche Gesetzeshürden hinterlassen hätten, könne Magyar dank der Zweidrittelmehrheit seiner Tisza-Partei die anvisierte Reform der staatlichen Institutionen und des öffentlichen Rundfunks „relativ problemlos“ verwirklichen. Ein Problem seien jedoch die begrenzten Mittel: „Seit vier Jahren stagniert Ungarns Wirtschaft – und hinkt auch im EU-Vergleich weit hinterher.“

Tisza-Chef Peter Magyar benötigt als Regierungschef rasche Erfolge

Die ersten Dienstreisen sollen Ungarns künftigen Premier nach Warschau, Wien und Brüssel führen – genau dieselben Stationen, die einst Orban nach seiner Machtübernahme 2010 ansteuerte. Magyar wolle seinen Wählern demonstrieren, dass er ein ähnlicher konservativer Politiker sei, „wie es Orban früher einmal war“, so Demeny. Gleichzeitig wolle er damit auch die geplante Neuorientierung der ungarischen Außenpolitik demonstrieren: „Er will ein Ungarn, das sich statt nach Osten wieder nach Westen orientiert – und ein konstruktives Mitglied der EU und NATO ist.“

Abrücken von Russland

Eine Kehrtwende bei Ungarns angespannten und von Orban systematisch vergifteten Beziehungen zur Ukraine erwartet der Analyst nicht. Doch auch wenn sich Magyar gegen einen baldigen EU-Beitritt der Ukraine ausspreche und Militärhilfen an Kiew ausschließe, werde er die EU-Politik gegenüber der Ukraine im Gegensatz zu Orban nicht mehr „aktiv unterlaufen“. Gleichzeitig sei zwar nicht mit einem sofortigen, aber entschlossenen und allmählichen Abrücken Ungarns von Russland zu rechnen: „Magyar hat angekündigt, Ungarn bis 2035 unabhängig von russischer Enerige machen zu wollen.“

Doch wird der Donaustaat unter Magyar endlich wieder in ruhigeres Fahrwasser geraten und aus den internationalen Schlagzeilen verschwinden? Unter Orban sei Ungarn ein „Leuchtturm der illiberalen Bewegung“ und „Modell“ und Vorbild für Populisten in aller Welt gewesen, so Demeny.

Doch nun könne das Land zu einem ganz anderen Trendsetter und erfolgreiches Beispiel für ein Land werden, das sich von einem illiberal geführten Staat zurück zu einer Demokratie entwickelt: „Ich glaube, das Interesse wird groß sein, ob Ungarn dieses Ziel mit Magyar gelingt.“

4 Kommentare
Daniel M. Porcedda 14.04.202611:22 Uhr

Magyars Haltung zur Ukraine wirkt bislang eher zurückhaltend. In einem geopolitisch angespannten Umfeld erwarten viele eine klarere Positionierung und mehr Engagement. Magyar hingegen scheint vorsichtig abzuwägen, was sowohl als Besonnenheit als auch als Zögern interpretiert werden kann. Diese Ambivalenz könnte innenpolitisch wie außenpolitisch Folgen haben. Sollte er versuchen, seinen konservativen Kurs zugunsten progressiverer Ansätze zu verändern, wäre dies ein bedeutender politischer Schritt. Gleichzeitig birgt ein solcher Wandel das Risiko, Teile seiner bisherigen Unterstützer zu entfremden. Die kommenden Monate werden zeigen, ob er eher Kontinuität oder Transformation anstrebt. Oder anders formuliert: Wird Magyar sich als neue politische Lichtgestalt erweisen, oder als herbe Enttäuschung?

Die Bedeutung seiner Ukraine-Politik reicht weit über nationale Grenzen hinaus, da sie unmittelbaren Einfluss auf die Perspektiven für Frieden und Stabilität in ganz Europa haben wird.

Daniel M. Porcedda 14.04.202611:13 Uhr

Magyar ist zweifellos als konservativer Politiker einzuordnen, auch wenn sein jüngster Wahlsieg von vielen als Aufbruchssignal interpretiert wird. In der öffentlichen Wahrnehmung scheint dabei häufig unterzugehen, dass seine politischen Grundüberzeugungen weiterhin stark von traditionellen Werten geprägt sind. Gerade in Zeiten des Wandels projizieren Wählerinnen und Wähler oft ihre Hoffnungen auf neue Gesichter, ohne deren ideologische Verankerung ausreichend zu berücksichtigen. Das führt zu einer gewissen Diskrepanz zwischen Erwartung und politischer Realität. Magyar steht damit vor der Herausforderung, nicht nur zu regieren, sondern auch diese Projektionen zu moderieren. Seine Kommunikation wird entscheidend dafür sein, wie seine Politik wahrgenommen wird. Ob er bewusst Spielräume offenlässt oder klare Linien zieht, bleibt abzuwarten. Fest steht jedoch, dass sein konservatives Profil nicht einfach verschwinden wird.

Fraulein Smilla 14.04.202610:17 Uhr

Die armen Ungarn , mussten ja Hoellenqualen unter dem Diktator Orban gelitten haben dass sie ihn 4mal wiedergewaehlt haben . Geopolitisch wird sich was aendern , weg von Russland wieder zurueck an die bruesseler Fleischtoepfe . Bekanntlich freut sich Gott mehr ueber einen reuigen Suender , als ueber hundert Gerechte . Diejenigen , die sich in der Migrationspollitik oder was den Regenbogen angeht irgendwelche Aenderungen erwarten werden wohl nicht befriedigt werden .

Luxmann 14.04.202608:52 Uhr

Gegen einen EU beitritt der Ukraine.
Mal bis 2035 warten um sich von russischer energie zu verabschieden.
Das duerfte der zelenski fangemeinde in Brussel gar nicht schmecken.

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