Spanien
Sex-Skandale: Vorwürfe gegen Polizeichef, Politiker und ein nationales Idol
Spanien präsentiert sich international gern als Vorreiter im Kampf gegen Machismo und sexualisierte Gewalt. „Nur Ja heißt Ja“ steht im Gesetz – jede sexuelle Handlung gilt als strafbar, wenn keine ausdrückliche Zustimmung vorliegt. Spezialisierte Gerichte, verschärfte Strafnormen und eine politische Nulltoleranz-Rhetorik sollen zeigen, dass Übergriffe konsequent verfolgt werden.
Ein Aufnahme aus dem Jahr 2019 zeigt den Polizeichef José G. (r.) zusammen mit dem spanischen Regierungschef Pedro Sanchez (2. v.l.) sowie dem spanischen Innenminister Fernando Grande-Marlaska (l.) während eines Besuchs des Hauptquartiers der Polizei in Barcelona Foto: Fernando Calvo/La Moncloa/AFP
Doch nun stehen ausgerechnet jene Institutionen unter Verdacht, die Schutz vor Missbrauch garantieren sollen: die Polizeiführung und die großen Parteizentralen.
Am heikelsten ist der Fall an der Spitze der spanischen Nationalpolizei. Gegen den bisherigen operativen Chef der „Policía Nacional“ ermittelt jetzt ein Madrider Gericht wegen des Verdachts der Vergewaltigung. „Die bisherigen Ermittlungen deuten auf mögliche Straftaten sexueller Aggression hin“, heißt es im richterlichen Untersuchungsbericht, aus dem die Onlinezeitung elDiario.es zitiert. Kurz nach Bekanntwerden der Ermittlungen trat der Polizeidirektor José G. von seinem Posten zurück.
Die richterliche Untersuchung wurde ausgelöst durch die Anzeige einer Polizeibeamtin. Die Polizistin beschreibt darin einen Nachmittag im April 2025. An diesem Tag sei sie von ihrem Vorgesetzten José G. angewiesen worden, ihn in einem zivilen Einsatzfahrzeug von einem Restaurant zu seiner offiziellen Dienstwohnung zu fahren. Dort habe er sie sexuell angegriffen und dabei auch körperliche Gewalt angewendet.
In der Anzeige schildert die Frau, dass sie in der Vergangenheit eine Beziehung mit dem Chefkommissar unterhalten habe, diese jedoch dann beendet habe. Von diesem Moment an sei sie Opfer „eines obsessiven Verhaltens“ und fortgesetzter Belästigungen geworden. Am fraglichen Nachmittag, an dem er sie erneut bedrängt habe, sei es dann in der Wohnung zur sexuellen Aggression gekommen. Dabei habe ihr Vorgesetzter seine „körperliche Überlegenheit und institutionelle Autorität“ ausgenutzt. Später habe er sie unter Druck gesetzt, damit sie keine Anzeige erstatte.
Das sind massive Vorwürfe. Sollte sich auch nur ein Teil davon bestätigen, ginge es nicht nur um einen privaten Fehltritt, sondern um den möglichen Missbrauch staatlicher Macht. Doch der Verdacht betrifft nicht nur die Chefetage der Polizei. Auch Spaniens große Parteien werden derzeit von Vorwürfen sexueller Belästigung und Machtmissbrauchs erschüttert.
Beschwerden in Schubladen verschwunden
Die konservative Volkspartei (PP), im nationalen Parlament die größte Oppositionsbewegung, steht wegen der Strafanzeige einer früheren Stadträtin unter Druck. Die Lokalpolitikerin wirft dem PP-Bürgermeister der Großstadt Móstoles vor, sie sexuell belästigt zu haben. Nachdem sie „Forderungen nach sexuellen Gefälligkeiten“ abgelehnt habe, sei sie von Bürgermeister Manuel B. schikaniert und gemobbt worden. Als die Frau den Fall der nationalen Parteiführung meldete, habe diese versucht, den Skandal zu vertuschen und ihr nahegelegt, „sich eine Anzeige aus dem Kopf zu schlagen“.
Im Umfeld der in Spanien regierenden Sozialistischen Partei von Premier Pedro Sánchez hatte zuvor ein ähnlicher Fall für Turbulenzen gesorgt. Mehrere Mitarbeiterinnen warfen einem hohen Parteifunktionär und Sánchez-Vertrauten sexuelle Belästigung vor. Die Frauen sagten aus, ihr Vorgesetzter Francisco S. habe sich „nach dem Verlassen des Badezimmers vor ihnen den Reißverschluss seiner Hose hochgezogen“, vor den Augen der Mitarbeiterinnen „Oralsex nachgestellt“ und verlangt, „ihren Ausschnitt sehen zu dürfen“. Auch hier sollen Beschwerden an die Parteiführung in der Schublade verschwunden sein.
„Ich fühlte mich wie eine Sklavin“
Und dann ist da noch Spaniens legendäres Folklore- und Popidol Julio Iglesias. Zwei ehemalige Hausangestellte warfen dem 82-jährigen Weltstar vor Kurzem sexuelle Übergriffe und Misshandlung vor. Eine der Frauen schilderte: „Er benutzte mich fast jede Nacht. Ich fühlte mich wie eine Sklavin.“ Iglesias war jahrzehntelang Spaniens kulturelles Aushängeschild. Er galt allerdings immer schon als Star mit Macho-Allüren, der Frauen zum Beispiel auch in der Öffentlichkeit und vor laufenden Kameras ohne ihr Einverständnis küsste.
Die spanische Staatsanwaltschaft stellte zwar jüngst mangels Zuständigkeit das Ermittlungsverfahren gegen Iglesias ein, weil sich die mutmaßlichen sexuellen Übergriffe nicht in Spanien, sondern in Iglesias’ Wohnresidenzen auf den Bahamas und in der Dominikanischen Republik abgespielt haben sollen. Aber die Vorwürfe sind nicht aus der Welt und auch hier sollen die Aggressionen „unter Ausnutzung einer hierarchischen Überlegenheit“ stattgefunden haben, wie es in der Anzeige der Frauen heißt.
In all diesen Fällen geht es um den Missbrauch von Macht. Immer wieder taucht dasselbe Gefälle auf – zwischen Chef und Untergebener oder zwischen Politiker und untergeordnetem Parteimitglied. Spanien hat zwar seine Gesetze verschärft. Aber nun muss sich zeigen, ob sie auch gegen jene angewendet werden, die ganz oben stehen.