Nach Eklat im Weißen Haus
Selenskyj dankt Verbündeten in mehr als 30 Online-Beiträgen
Beim Besuch von Wolodymyr Selenskyj im Weißen Haus eskalierte ein Streit mit Donald Trump. Der ukrainische Präsident verließ das Treffen abrupt. Nun reagiert die internationale Politik.
US-Präsident Donald Trump (r) traf den ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj im Oval Office des Weißen Hauses. Dabei kam es zu einem beispiellosen Eklat Foto: Mystyslav Chernov/AP/dpa
Nach dem Eklat mit US-Präsident Donald Trump im Weißen Haus hat der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj im Onlinedienst X in zahlreichen Beiträgen den westlichen Verbündeten der Ukraine für ihre Unterstützung gedankt. „Danke für ihre Unterstützung“, schrieb Selensky am Freitag und Samstag als Reaktion auf rund 30 Veröffentlichungen, in denen die Verbündeten der Ukraine ihre Solidarität bekundeten.
Trump und Selenskyj waren am Freitag bei einem Treffen im Weißen Haus vor laufenden Kameras heftig aneinandergeraten. Unterstützt von seinem Vizepräsidenten JD Vance warf Trump Selenskyj fehlende Dankbarkeit für die US-Militärhilfe und Respektlosigkeit vor. Selenskyj verließ das Weiße Haus, ohne dass die eigentlich geplante Unterzeichnung des Rohstoffabkommens zwischen den USA und der Ukraine vollzogen wurde, eine geplante gemeinsame Pressekonferenz wurde gestrichen.
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Zahlreiche europäische Staats- und Regierungschefs äußerten daraufhin ihre Bestürzung und erklärten, sie stünden an der Seite Selenskyjs, unter ihnen Luxemburgs Premierminister Luc Frieden (CSV), Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) und der französische Präsident Emmanuel Macron. Auch das ukrainische Außenministerium bedankte sich in zahlreichen Beiträgen auf X für die Unterstützungs-Bekundungen der Verbündeten.
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Keine Entschuldigung bei Trump
Trotz des Eklats hatte Selenskyj zuvor auch den USA für ihre Unterstützung und für seinen Besuch im Weißen Haus gedankt. „Danke an den Präsidenten, den Kongress und das amerikanische Volk“, schrieb Selenskyj. „Die Ukraine braucht einen gerechten und dauerhaften Frieden und genau dafür arbeiten wir.“
Eine Entschuldigung für den Eklat lehnte Selenskyj kurze Zeit später in einem Interview ab. „Ich denke, wir müssen sehr offen und sehr ehrlich sein, und ich bin nicht sicher, dass wir etwas Schlimmes getan haben“, sagte Selenskyj am Freitag dem Trump-treuen Sender Fox News auf die Frage, ob er sich bei dem US-Präsidenten entschuldigen wolle.
Selensky sagte dem Sender, er hätte sich gewünscht, dass das Gespräch nicht vor laufender Kamera stattgefunden hätte. US-Außenminister Marco Rubio forderte Selenskyj später bei CNN auf, sich bei Trump zu entschuldigen.
So reagieren die US-Medien
Nach dem Zerwürfnis vor den Augen der Welt berichten viele US-Medien kritisch über das Verhalten von Präsident Trump und Vize Vance. Aber auch Selenskyj kommt nicht immer gut weg. Eine Auswahl.
„Washington Post“: Trump klang wie Don Corleone
Die „Washington Post“ schrieb in einem Kommentar: „Donald Trump klang am Freitag eher wie Don Corleone (der Mafia-Boss aus „Der Pate“) als wie ein US-amerikanischer Präsident. (...) Verbündete weniger freundlich zu behandeln als Gegner, zeugt von Naivität gegenüber der Bedrohung, die ein revanchistisches Russland für die westliche Welt, einschließlich der Nato, darstellt. (...) Trump verhält sich so, als sei er eher auf der Seite des autoritären Aggressors als auf der Seite des demokratischen Opfers. (...)
Bedauerlicherweise nahm Selenskyj den Köder auf und wurde energisch. (...) Dennoch hat Selenskyj recht, dass Amerika es bereuen könnte, die Waage zu Putins Gunsten geneigt zu haben. Wie gut gemeint sein Diskutieren auch gewesen sein mag, hat es aber seine Verhandlungsposition untergraben.
Trump seinerseits sollte das große Ganze erkennen. Wenn er den Dritten Weltkrieg vermeiden will, sollte er die Lektionen des Zweiten Weltkriegs beherzigen. Diktatoren zu beschwichtigen, funktioniert nicht. (...) Der US-Präsident sollte versuchen, Putin gegenüber so unhöflich zu sein, wie er es am Freitag gegenüber Selenskyj war.“
„Wall Street Journal“: Putin gewinnt
Das konservative „Wall Street Journal“ titelte einen Kommentar mit „Putin gewinnt das Trump-Selenskyj Spektakel im Oval Office“. Darin heißt es: „Warum hat der Vizepräsident versucht, einen öffentlichen Streit zu provozieren? (...) Vance tadelte Selenskyj, als wäre er ein Kind, das zu spät zum Essen kommt. (...) Dies war nicht das Verhalten eines Möchtegern-Staatsmannes.
Selenskyj wäre klüger gewesen, die Spannungen zu entschärfen, indem er sich erneut bei den USA bedankt und sich Trump unterordnet. Es hat wenig Sinn, vor Trump die Überlieferung zu korrigieren, wenn man ihn gleichzeitig um Hilfe bittet. Aber wie schon den Krieg hat Selenskyj diesen Austausch im Oval Office nicht begonnen. Sollte er eine ausgedehnte öffentliche Verunglimpfung des ukrainischen Volkes dulden, das seit drei Jahren einen Krieg ums Überleben führt? (...)
In Sachen Ukraine ist es im Interesse der USA, das imperiale Projekt Putins zu stoppen, ein verlorenes Sowjetimperium wieder aufzubauen, ohne dass US-Soldaten jemals einen Schuss abfeuern müssen. Dieses Kerninteresse hat sich nicht geändert, aber die Ukraine vor der ganzen Welt zu maßregeln, wird es schwieriger machen, es zu erreichen.“
„New York Times“: Beispiellose öffentliche Konfrontation
Die „New York Times“ titelte einen Bericht: „Trump maßregelt Selenskyj in feurigem Austausch im Weißen Haus“. Die Zeitung schrieb: „Die Beziehungen der Vereinigten Staaten zur Ukraine entluden sich am Freitag in einem Sturm der Bitterkeit, als Präsident Trump und Vizepräsident J.D. Vance den ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Zelenski in einem explosiven, im Fernsehen übertragenen Schlagabtausch im Oval Office maßregelten und einen Besuch, der der Koordinierung eines Friedensplans dienen sollte, abrupt abbrachen.
In einer feurigen öffentlichen Konfrontation, wie es sie zwischen einem US-amerikanischen Präsidenten und einem ausländischen Staatsoberhaupt in der Neuzeit noch nie gegeben hat, geißelten Trump und Vance Selenskyj dafür, dass er für die Unterstützung der USA im Krieg der Ukraine mit Russland nicht dankbar genug sei, und versuchten, ihn zu einem Friedensabkommen zu den von den Amerikanern diktierten Bedingungen zu zwingen.“
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