Israel/Libanon
Netanjahu: Sind „noch nicht fertig“ mit der Hisbollah
Wenige Stunden nach dem Inkrafttreten einer Waffenruhe zwischen Israel und dem Libanon hat Israels Regierungschef Benjamin Netanjahu die „Zerschlagung“ der pro-iranischen Hisbollah-Miliz angekündigt.
Viele libanesische Binnenflüchtlinge kehrten am Freitag in den Süden des Landes zurück, doch sie könnten unter Umständen wieder zur Flucht gezwungen werden, wenn Israel den Kampf gegen die Hisbollah wieder aufnimmt Foto: Ibrahim Amro/AFP
„Israel ist mit der Hisbollah noch nicht fertig“, erklärte Netanjahu am Freitag. „Wir haben die Arbeit noch nicht beendet.“ Die zehntägige Waffenruhe zwischen den beiden verfeindeten Nachbarstaaten hatte um Mitternacht Ortszeit (23.00 Uhr MESZ) begonnen.
Israel plane weitere Maßnahmen, um auf „die verbleibende Raketen- und Drohnenbedrohung“ aus dem Libanon zu reagieren, erklärte der israelische Regierungschef. Das übergeordnete Ziel der „Zerschlagung der Hisbollah“ werde nicht „über Nacht erreicht“. Dafür seien „anhaltende Anstrengungen, Geduld und Ausdauer sowie geschicktes diplomatisches Manövrieren“ erforderlich.
Der bisherige israelische Militäreinsatz im Libanon habe zwei Bedrohungen „beseitigt“: „eine unmittelbare Bedrohung durch das Eindringen Tausender Terroristen“ sowie eine entfernte Bedrohung israelischer Städte „durch 150.000 Raketen“.
US-Präsident Donald Trump erklärte unterdessen in seinem Onlinedienst Truth Social, Washington habe Israel „verboten“, den Libanon nach Inkrafttreten der Feuerpause weiterhin zu bombardieren. Die USA würden mit dem Libanon zusammenarbeiten, um gegen die Hisbollah-Miliz vorzugehen.
In Israel hob die Armee derweil alle wegen des Krieges mit dem Nachbarland erlassenen Beschränkungen auf. „Das gesamte Land wird wieder zu vollem Betrieb zurückkehren, ohne jegliche Einschränkungen“, teilte die Armee am Freitag mit. Auch eine letzte geltende Beschränkung, ein Verbot von Versammlungen mit mehr als 1.000 Menschen an der nördlichen Grenze zum Libanon, werde am Samstag aufgehoben.
Die Lage im Libanon blieb am Freitag trotz der Waffenruhe angespannt. Die libanesische Armee warf Israel bereits kurz nach Beginn der Feuerpause Verstöße vor und erklärte am Morgen im Onlinedienst X, es seien „mehrere israelische Aggressionen registriert worden“. Die Hisbollah-Miliz teilte ihrerseits mit, sie habe als Vergeltungsmaßnahme „eine Ansammlung israelischer Soldaten in der Nähe der Stadt Chiam“ im Südlibanon bombardiert.
Hisbollah: „Halten Finger am Abzug“
Später warnte die vom Iran unterstützte Miliz in einer Erklärung, sie halte sich für den Fall von israelischen Verstößen gegen die Waffenruhe kampfbereit: „Die Kämpfer werden den Finger am Abzug behalten, da sie sich der Hinterhältigkeit des Feindes bewusst sind“.
Der israelische Verteidigungsminister Israel Katz sagte in einer Fernsehansprache, der Einsatz gegen die Hisbollah sei noch nicht beendet. In den Süden des Landes zurückgekehrte Vertriebene müssten sich erneut in Sicherheit bringen, falls die Kämpfe wieder aufgenommen würden, warnte er. Trotz der Warnungen der libanesischen Armee vor einer voreiligen Rückkehr machten sich zahlreiche Menschen auf den Weg zurück zu ihren Heimatorten. AFP-Bilder zeigten Fahrzeugkolonnen auf einer nach Süden führenden Küstenstraße.
Die Hisbollah muss auf Waffen verzichten. Israel muss die libanesische Souveränität respektieren und den Krieg beenden
Emmanuel Macron
französischer Präsident
Wenige Minuten vor Inkrafttreten der Waffenruhe waren libanesischen Angaben zufolge bei Angriffen der israelischen Armee in Tyros im Südlibanon mindestens 13 Menschen getötet worden. 35 weitere Menschen seien verletzt worden, 15 andere Menschen würden noch vermisst, erfuhr die Nachrichtenagentur AFP von einem Vertreter der Gemeinde. Nach Angaben eines AFP-Reporters wurden sechs Wohngebäude zerstört.
Die jüngste Waffenruhe war unter Vermittlung der USA zustande gekommen und von US-Präsident Donald Trump am Donnerstag verkündet worden. Sie schließt auch die Hisbollah ein, die im Libanon eine Art Staat im Staat bildet.
Der französische Präsident Emmanuel Macron äußerte die Sorge, dass die wenige Stunden alte Waffenruhe „bereits jetzt durch die Fortsetzung militärischer Operationen geschwächt werden könnte“. „Die Hisbollah muss auf Waffen verzichten. Israel muss die libanesische Souveränität respektieren und den Krieg beenden“, forderte Macron. (AFP/Red.)