Deutschland

Kehrt die Atomkraft zurück?

Von der Leyen nennt den Ausstieg aus der Kernkraft einen strategischen Fehler und setzt ihre Hoffnung auf Mini-Reaktoren. Was sie können, was sie kosten – und wie die Bundesregierung damit umgeht.

Neubau eines modernen Atomkraftwerks an der englischen Kanalküste mit Meerblick und Baustellenkränen

An der englischen Kanalküste wird ein neues Atomkraftwerk gebaut Foto: Ludovic Marin/Pool/AFP

Das war ein Satz mit Strahlkraft: „Ich glaube, dass es für Europa ein strategischer Fehler war, einer zuverlässigen, bezahlbaren Quelle für emissionsarmen Strom den Rücken zu kehren“, sagte Ursula von der Leyen, Präsidentin der EU-Kommission, auf einem Nuklear-Gipfel in Frankreich. Die Grünen sind auf dem Baum, die Wirtschaft zweifelt und die Politik ist gespalten – Deutschland hat seine Atom-Debatte zurück.

Es geht nicht darum, die drei zuletzt abgeschalteten Meiler in Deutschland wieder ans Netz zu holen. „Unsere Vergangenheitsbewältigung beim Thema Kernkraft ist abgeschlossen“, sagte RWE-Chef Markus Krebber am Donnerstag. Der Rückbau schreite voran, die im April 2023 abgeschalteten Anlagen könnten gar nicht mehr ans Netz. Von der Leyen setzt ihre Hoffnung auf „Kernreaktoren der nächsten Generation“ – auf „Small Modular Reactors“ (SMR). Man darf sie nicht für Balkon-Kraftwerke halten. Es sind große Anlagen mit einer Leistung von bis zu 300 Megawatt, aber sie sind kleiner als ein Braunkohle-Block oder ein klassischer Atommeiler, die über 1.000 Megawatt schaffen. Sie sollen modular und in Serie gebaut werden.

Was dafür spricht: Kernkraft könnte Europa helfen, die Klimaziele zu erreichen. Zum einen erzeugen Kernkraftwerke keine CO₂-Emissionen und sind aus Klimasicht jedem Kohlekraftwerk überlegen. Deshalb hat die EU Atomkraft zum Entsetzen von Umweltverbänden auch als nachhaltig und förderwürdig eingestuft. Selbst Aktivistin Greta Thunberg findet Atomkraft besser als Kohle. Zum Zweiten können Atommeiler die zentrale Aufgabe der Kohlekraftwerke übernehmen und die Versorgung sichern, wenn Dunkelflaute herrscht, also die Sonne nicht scheint und der Wind nicht weht. Damit wären sie eine Ergänzung für erneuerbare Energien, mit denen allein die Versorgung nicht zu sichern ist. Es braucht ein Backup – Speicher, Gas- oder Atomkraft. Doch es gibt drei Probleme.

Weiter abhängig von Uran-Lieferanten

Erstens die Kosten: „Wenn es gelingt, die kleinen Reaktoren – international oder zumindest in der EU – zu standardisieren und in großer Stückzahl zu bauen, können sie auch wirtschaftlich sein“, hatte Eon-Chef Leonhard Birnbaum schon 2024 gesagt. „Derzeit sind es aber alles Prototypen und es ist noch nie gelungen, eine Technik für die ganze Welt zu standardisieren.“ 2023 hatte das US-Unternehmen NuScale sein Vorzeigeprojekt in Idaho gestoppt – die Kosten waren explodiert, mit 9,3 Milliarden Dollar war es nicht mehr wirtschaftlich. „Es müssten 3.000 SMR produziert werden, bevor sich der Einstieg in die Produktion lohnen würde“, schreibt das Bundesamt für die Sicherheit der nuklearen Entsorgung. Wenn Staaten solche Anlagen nicht massiv subventionieren, funktionieren sie nicht. Derzeit gebe es keine privaten Anbieter, die die Milliardenkosten und Risiken auf sich nähmen, betont auch RWE-Chef Krebber. Man behalte die Entwicklung aber im Auge.

Zweitens das Uran: Das ist auch im Minireaktor nötig. In der Hoffnung, sich unabhängiger von importiertem Öl und Gas zu machen, werde man dann abhängig von Uran-Importen – und erneut auch von Russland, warnte Grünen-Politiker Jürgen Trittin. Die größten Vorkommen von Uran liegen in Kasachstan, Kanada, Australien und eben in Russland.

Drittens die Endlagerung: Auch in Mini-Reaktoren entsteht radioaktiver Abfall, der über Jahrhunderte gelagert werden muss. Von einem Endlager ist Deutschland weiter entfernt denn je. Der Zeitplan, bis 2031 den Standort für ein Endlager nur zu finden, wurde gekippt. Massiver Widerstand ist programmiert. Bayern hat zwar selbst über Jahrzehnte von Atomkraft profitiert, lehnt aber von vornherein ein Endlager auf seinem Gebiet ab. Wie kann man in die zweite Generation Atomkraft einsteigen, wenn man nicht mal die Erblast der ersten Generation geklärt hat?

„Kernenergie ohne radioaktive Abfälle“

In der Bundesregierung ist das Thema ohnehin umstritten. Im Koalitionsvertrag hat sich Schwarz-Rot lediglich darauf verständigt, die Fusionsforschung stärker zu fördern. Ziel ist, dass der erste Fusionsreaktor der Welt in Deutschland stehen soll. In der CSU gehen die Vorstellungen deutlich weiter: Sie wirbt seit Langem für Mini-Atomkraftwerke und eine „Kernenergie ohne radioaktive Abfälle“. CSU-Landesgruppenchef Alexander Hoffmann sprach sich zuletzt für kleine Kernreaktoren aus. Auch in der CDU gibt es Befürworter dieses Kurses. Gitta Connemann, Chefin der Mittelstandsunion, nennt Forschung an kleinen Reaktoren und an der Kernfusion „wichtig und richtig“.

Beim Koalitionspartner SPD stößt das auf Ablehnung. Bundesumweltminister Carsten Schneider (SPD) macht kein Hehl daraus, dass er nichts von neuen Atomkraftwerken hält. Der EU warf Schneider eine „rückwärtsgewandte Strategie“ vor. „Diese kleinen Atomkraftwerke werden schon seit Jahrzehnten angekündigt, schaffen aber den Durchbruch nicht und ringen stattdessen um Subventionen“, kritisierte er. Schneider plädierte stattdessen für Strom aus Wind und Sonne. „Der vor 15 Jahren erreichte Atomkonsens hat unserem Land gutgetan, das sollten wir nicht leichtfertig aufs Spiel setzen.“ Aussagen von Friedrich Merz (CDU) deuten darauf hin, dass es dabei bleibt. Er teile zwar von der Leyens Einschätzung, sagte der Kanzler in dieser Woche. Aber: Der Ausstieg aus der Kernkraft sei von früheren Bundesregierungen beschlossen worden und „irreversibel“, so Merz. „Ich bedaure das, aber es ist so.“

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