Australien
Kanadas Premier Mark Carney wirbt in Canberra für neue Allianzen
Kanadas Premier nutzt seinen Besuch in Canberra für eine fundamentale Neuordnung der Außenpolitik. Seine Botschaft: In einer Welt zerfallender Regeln müssen Staaten wie Kanada und Australien ihre eigene Macht erkennen – oder sie werden zur Beute der Großen.
Australiens Premierminister Anthony Albanese empfing seinen kanadischen Amtskollegen Mark Carney (l.) in Canberra Foto: David Gray/AFP
Es war ein Moment von historischer Symbolik, als Mark Carney in dieser Woche das Rednerpult im australischen Bundesparlament in Canberra betrat. Seit fast zwei Jahrzehnten hatte kein kanadischer Regierungschef mehr vor den Abgeordneten des pazifischen Partners gesprochen. Doch Carney kam nicht für Höflichkeitsfloskeln. Er nutzte die Bühne für eine strategische Neudefinition dessen, was es heute bedeutet, eine „Mittelmacht“ zu sein. Sein Kernsatz: „In der alten Welt war die Versuchung groß, uns als Konkurrenten zu sehen. In dieser neuen Welt sollten wir strategische Partner sein.“ Strategische Cousins statt Rivalen – so lautete seine Formel.
Hinter dieser Rhetorik verbirgt sich ein radikaler Bruch mit der Vergangenheit. Jahrzehntelang basierten die Sicherheit und der Wohlstand von Ländern wie Kanada und Australien auf einem stabilen Dreiklang: einer schützenden Supermacht in Washington, stabilen Handelsbeziehungen und einem funktionierenden multilateralen Regelwerk. Heute wackeln alle drei Pfeiler gleichzeitig.
Bereits im Januar hatte Carney beim Weltwirtschaftsforum in Davos die Alarmglocken geläutet: „Wir befinden uns inmitten eines Bruchs, nicht eines Übergangs.“ Die regelbasierte Weltordnung erodiere nicht nur, sie breche auseinander. In Canberra untermauerte er dies mit einer Warnung vor der Passivität. Staaten, die lediglich darauf warten, dass die Großmächte die Spielregeln festlegen, würden am Ende von diesen Entscheidungen definiert – und nicht umgekehrt. „Wenn wir nicht am Tisch sitzen, stehen wir auf der Speisekarte“, so Carneys mittlerweile fast geflügeltes Wort aus Davos.
Rohstoffe als geopolitisches Pfand
Was Carneys Vision von einer bloßen akademischen Übung unterscheidet, ist die materielle Basis. Er begreift Mittelmächte nicht als Bittsteller, sondern als Akteure mit massiven Hebeln. Kanada und Australien verfügen zusammen über enorme strategische Reserven: Sie produzieren rund ein Drittel des weltweiten Lithiums und Urans sowie mehr als 40 Prozent des globalen Eisenerzes.
Carneys Strategie zielt darauf ab, diese Ressourcen in politische Münze zu verwandeln. Australien wird der G7-Allianz für kritische Mineralien beitreten – ein Schritt, der die Versorgungssicherheit demokratischer Staaten zementieren soll. Parallel dazu planen Kanada, Australien und Indien eine trilaterale Initiative zur Entwicklung souveräner Kapazitäten in der Künstlichen Intelligenz (KI). Das Ziel sei es laut Carney, zu verhindern, „dass wir zwischen Hyperscalern und Hegemonen zerrieben werden“. Es geht um Eigenständigkeit statt Abhängigkeit; Integration soll nie wieder zur Quelle von Unterordnung werden.
Der Tabubruch: Kritik an Washington
Der wohl brisanteste Teil von Carneys Besuch war die offene Distanzierung von der US-Außenpolitik. Dass ein G7-Regierungschef die jüngsten US-amerikanischen und israelischen Angriffe auf den Iran als „prima facie unvereinbar mit dem Völkerrecht“ bezeichnet, kommt einem diplomatischen Beben gleich. Carney kritisierte das Agieren ohne UN-Mandat und ohne klar nachweisbare unmittelbare Bedrohungslage. Auch diese Kritik schien Teil des Kalküls. „Mittelmächte haben mehr Macht, als viele ahnen“, sagte er bei einer Rede vor dem Lowy Institute in Sydney am Mittwoch. Während Großmächte oft rücksichtslos agieren, hätten Koalitionen wendiger Mittelmächte den moralischen und taktischen Vorteil auf ihrer Seite, wenn sie internationale Normen verteidigen. „Wandel durch Zwang hält nicht an“, betonte er.
Die Außenpolitikexpertin Melissa Conley-Tyler von der University of Melbourne beobachtet, dass Carney zum „Blitzableiter“ für eine Stimmung geworden ist, die in vielen Hauptstädten gärt. Auch der Politikwissenschaftler Mark Beeson von der University of Technology Sydney findet scharfe Worte für die aktuelle Lage: „Die USA sind heute die größte Bedrohung für jene internationale Ordnung, von der die USA selbst wohl am meisten profitiert haben.“
Sicherheit jenseits von Aukus
Auch militärisch emanzipiert sich Ottawa deutlich von der US-Dominanz. Während Australien sich über den Aukus-Pakt eng an die USA und Großbritannien bindet, erklärte Kanadas Verteidigungsminister David McGuinty gegenüber dem Sender ABC, ein Beitritt Kanadas zu diesem Bündnis sei „unwahrscheinlich“. Stattdessen setzt man auf den Ausbau bilateraler Verteidigungsbeziehungen.
Ein konkreter Beleg für diese Suche nach Eigenständigkeit ist der bereits angekündigte 6,5-Milliarden-Dollar-Deal (ca. 3,95 Milliarden Euro) über das JORN-Radarsystem (Jindalee Operational Radar Network). Es basiert auf australischer Technologie und wurde unabhängig vom Aukus-Rahmen ausgehandelt. Carney betonte, beide Länder müssten ihre Verteidigungsfähigkeiten – etwa bei Drohnen der nächsten Generation, Überwachungsflugzeugen sowie Cyber- und KI-Technologien – ausbauen, um „robuste Sicherheitsgarantien“ zu bieten. Laut Beeson hat Australien sein Potenzial hier bisher nicht ausgeschöpft, da Regierungen beider Parteien oft „Angst vor außenpolitischer Eigenständigkeit“ hatten, um Washington nicht zu verärgern.
Mark Carneys Botschaft richtet sich nicht nur an den Pazifik. Sie ist ein Weckruf für die gesamte westliche Welt außerhalb der Supermächte. „Länder wie unsere können entweder untereinander um Gunst buhlen oder sich zusammenschließen, um einen wirkungsvollen dritten Weg zu schaffen“, lautet seine Formel. Grant Wyeth, politischer Beobachter und Kolumnist beim Online-Magazin The Diplomat, hält Carneys Ansatz für realistisch. Er sieht in dem Kanadier einen „strategischen Organisator“, ähnlich wie einst Shinzo Abe. Carney hat in Davos die Diagnose gestellt und in Canberra die Therapie verordnet. Es ist nun an Berlin, Paris und Tokio, ob sie diesen Ruf hören.