Soldaten für Gaza
Indonesiens riskante Doppelstrategie
Indonesien will Friedenstruppen nach Gaza entsenden und zugleich Teil eines von Donald Trump initiierten Gremiums werden. Präsident Prabowo setzt auf Nähe zu Washington, um politisch mitzuspielen. Doch der Preis könnte hoch sein: innenpolitisch wie außenpolitisch.
Der indonesische Präsident Prabowo Subianto (vorne Mitte) sitzt mit seinem kasachischen Amtskollegen Kassym-Jomart Tokayev (r.) beim ersten Treffen von Trumps „Friedensrat“ im „US Institute of Peace“ in Washington Foto: AFP/Saul Loeb
Der Zeitpunkt war alles andere als zufällig. Wenige Tage, bevor Indonesiens Präsident Prabowo Subianto nach Washington aufbrach, trat Armeesprecher Donny Pramono vor die Kameras und machte eine Ankündigung, die landesweit Aufmerksamkeit erregte: Indonesien sei bereit, bis April 1.000 Soldaten in den Gazastreifen zu entsenden, bis Ende Juni könnten es bis zu 8.000 werden. Die Entscheidung liege beim Präsidenten, der Einsatz hänge von politischen Beschlüssen und internationalen Verfahren ab.
Es war die erste öffentliche Zusage eines Landes, Truppen für die vom UN Security Council mandatierte Internationale Stabilisierungstruppe (ISF) bereitzustellen – jenen multinationalen Verband, der den Gaza-Friedensplan von US-Präsident Donald Trump absichern soll. Und sie kam ausgerechnet von einem Staat, der bis heute keine diplomatischen Beziehungen zu Israel unterhält.
Das Paradox
Gerade darin liegt die eigentümliche Logik der Mission. Indonesien, die weltweit größte muslimisch-mehrheitliche Demokratie und entschiedene Verfechterin palästinensischer Staatlichkeit, gilt für viele Konfliktparteien als weniger problematisch als westliche Staaten. Während Israel etwa eine Rolle der Türkei in Gaza kategorisch ablehnt, stößt Jakarta offenbar auf weniger Widerstand – trotz oder gerade wegen seiner Distanz zu Israel.
Denis Suarsana, Leiter der Konrad-Adenauer-Stiftung in Jakarta, erklärt den breiten gesellschaftlichen Rückhalt so: In der Gaza-Frage gebe es in Indonesien „keine zwei Meinungen“. Die Solidarität sei historisch und religiös tief verankert. Politische Unterstützung für Gaza – erst recht in humanitärer Form – zahle innenpolitisch stets ein. Hinzu kommt Indonesiens strategisches Profil. Geografisch weit vom Nahen Osten entfernt, wird das Land von keiner Seite als Akteur mit eigener regionaler Agenda wahrgenommen. Für Trump wiederum ist Unterstützung aus der islamischen Welt zentral, um seinem Plan Legitimität zu verleihen. Indonesiens jahrzehntelange Erfahrung mit UN-Friedenseinsätzen und seine derzeitige Präsenz an der israelisch-libanesischen Grenze erhöhen die Glaubwürdigkeit zusätzlich.
Prabowos Kalkül
Hinter der Entscheidung steckt mehr als humanitäres Engagement. Der Politikwissenschaftler Rizky Ihsan von der Universität Melbourne beschreibt Prabowos außenpolitischen Stil als „eine Logik, zwei Arenen“. Der Präsident versuche, denselben Instinkt – Einbindung statt Konfrontation – im Innern wie nach außen anzuwenden. Sein Leitspruch: Tausend Freunde sind zu wenig, ein Feind ist zu viel.
Konkret geht es um handfeste Interessen. Indonesien ist von US-Importzöllen betroffen, die Donald Trump zeitweise drastisch erhöhen wollte. Am 19. Februar einigten sich Trump und Präsident Prabowo Subianto auf ein Abkommen, das US-Zölle auf indonesische Importe bei 19 Prozent deckelt und im Gegenzug Handelshemmnisse für über 99 Prozent US-Waren abbaut – finalisiert am Rande der ersten Sitzung des sogenannten Board of Peace. Nachdem das Supreme Court of the United States inzwischen Teile von Trumps globalen Notstandszöllen kassiert hat, hängt auch ein Fragezeichen über dem Indonesien-Deal. Trotzdem eröffnet der Beitritt zum Friedensrat Jakarta einen direkten Draht nach Washington. Die erwarteten Gewinne seien, so Ihsan, eher „transaktional als institutionell“. Prabowo selbst betont, der Friedensrat sei „der beste Kanal“, um palästinensische Unabhängigkeit und die Zwei-Staaten-Lösung auf der Agenda zu halten.
Zustimmung – mit Vorbehalten
Das Bild des innenpolitischen Widerstands ist dabei differenzierter, als es auf den ersten Blick erscheint. Suarsana verweist auf eine zentrale Differenzierung: Die Entsendung von bis zu 8.000 Soldaten im Rahmen einer UN-Friedensmission stoße in der Bevölkerung mehrheitlich auf Zustimmung – nicht zuletzt, weil es sich ausdrücklich nicht um Kampftruppen handeln solle, sondern um Sanitäter, Ingenieure und anderes technisches Personal. Als „unvorstellbar“ gelte hingegen jede Beteiligung indonesischer Soldaten an der Entwaffnung der Hamas oder an militärischen Operationen.
Indonesiens Beitritt zum Board of Peace wird in der Öffentlichkeit deswegen „deutlich kritischer gesehen“, so Suarsana. Zwar werde anerkannt, dass Jakarta nur über dieses Gremium überhaupt eine diplomatische Rolle bei der Konfliktlösung spielen könne. Gleichzeitig aber wachse die Sorge, „dass Indonesien sich durch seine Mitgliedschaft vor den amerikanisch-israelischen Karren spannen lässt“ – insbesondere weil bisher keine palästinensischen Vertreter im Board of Peace sitzen und deren Interessen möglicherweise zu wenig Gehör finden.
Prinzipien unter Druck
Zusätzliche Kritik kommt von islamischen Studentenverbänden, die die Kosten des Engagements anprangern: Rund eine Milliarde US-Dollar soll Indonesiens Beitrag betragen – ein Betrag, der angesichts anhaltender Armut im Land schwer vermittelbar ist. Auch die einflussreiche muslimische Organisation Muhammadiyah mahnt zur Zurückhaltung und fordert eine klare Exit-Strategie.
Noch grundsätzlicher ist die normative Kritik. Indonesiens Außenpolitik folgt seit Jahrzehnten dem Prinzip „bebas aktif“ – unabhängig und aktiv. Beobachter warnen, dass die Teilnahme an einem von Trump explizit als Alternative zur UNO verstandenen Gremium dieses Fundament aushöhlen könnte. Hinzu kommen praktische Unsicherheiten: Ob die indonesische Armee eine Mission dieser Größenordnung binnen weniger Monate logistisch stemmen kann, ist offen. Ebenso ungeklärt bleibt die Frage, wie die Sicherheit der Friedenstruppe in Gaza gewährleistet werden soll.
Das Außenministerium in Jakarta versucht derzeit zu beschwichtigen. Der Einsatz sei strikt humanitär, erfolge mit Zustimmung palästinensischer Behörden und bedeute keine Normalisierung mit Israel. Indonesien lehne jede Form erzwungener Vertreibung oder demografischer Veränderungen entschieden ab.