Iran-Krieg
IISS-Experten warnen vor anhaltender Gefährdung der Nachbarstaaten durch Teherans Streitkräfte
Im Iran-Krieg bleiben die Streitkräfte des angegriffenen Landes gefährlich. Zu diesem Schluss kommen die Fachleute des Londoner Strategieinstituts IISS.
Das Regime im Iran setzt trotz der anhaltenden Angriffe der USA und Israels auf Kontinuität Foto: AFP
Zwar konnten Israel und Amerika seit Beginn des Konflikts die Intensität und das Tempo ihrer Angriffe beibehalten oder sogar steigern, resümiert Martin Sampson, ein früherer Marschall der Royal Air Force und Leiter des IISS-Regionalbüros in Bahrain. Offenbar halte die Führung in Teheran eine erhebliche Anzahl von „Cruise Missiles“ ebenso in Reserve wie den Einsatz von Seeminen und Patrouillenbooten im Persischen Golf sowie Cyberangriffe.
Die Intensität der israelisch-amerikanischen Angriffe werde anhalten, lautet Sampsons Analyse. Mäßigenden Einfluss auf die Angreifer könnten die Staaten am Persischen Golf ausüben. Die sechs Mitglieder des Kooperationsrates GCC, angeführt von Saudi-Arabien, hätten „den Krieg nicht gewollt“, berichtet Hasan Alhasan vom IISS. Die Skepsis bleibe groß, ob Amerika unter seinem erratischen Präsidenten Donald Trump in der Region engagiert bleiben will. „Er nimmt die Verteidigung Israels wichtiger als die der arabischen Halbinsel.“ Ernüchterung herrsche auch über die Haltung asiatischer Staaten wie Pakistan und Indien, wo die Golfstaaten sich zuletzt diplomatisch und wirtschaftlich stark engagiert hatten. „Dass sie die iranischen Angriffe auf die Nachbarn nicht einmal verurteilen, hat die GCC-Staaten enttäuscht.“
Aus Sicht des Iran sind die westlichen Nachbarn der Schwachpunkt in der Region, weshalb Teheran die Öl- und Gas-Infrastruktur sowie Wasser-Entsalzungsanlagen in Saudi-Arabien, Bahrain, Kuwait, Katar und den Vereinigten Arabischen Emiraten angriff. Der iranische Präsident Massud Peseschkian entschuldigte sich am Wochenende für die Attacken, brachte sie aber in Zusammenhang mit den dort stationierten US-Truppen. Dabei haben die Anrainer der US-Luftwaffe bisher die Benutzung ihrer Militärflughäfen verweigert und auf eigene Gegenangriffe verzichtet.
Ob sich dies ändern wird? Alhasan berichtet von saudischen Warnungen an Teheran: Man werde systematische Anschläge auf die Einrichtungen des Milliarden-Unternehmens Saudi Aramco nicht unbeantwortet lassen. Über Gegenschläge werde in den GCC-Hauptstädten intensiv debattiert, weiß der IISS-Experte. Die Abwägung sei klar: „Wer gar nichts tut, läuft Gefahr, dass die Abschreckungswirkung der Streitkräfte verloren geht.“
Nicht in Trumps Interesse
Als mögliches Ziel kommt die Insel Kharg infrage. Israel und die USA haben den wichtigsten Ölhafen des Iran bisher verschont, anders als der Irak im Krieg (1980–88) mit dem Nachbarn. Das Ölgeschäft scheint dort unvermindert weiterzugehen; offenbar gelang einem mit iranischem Öl beladenen Tanker am Wochenende auch die Passage durch die Straße von Hormus zwischen Iran und Oman, die derzeit von den Schiffen anderer Nationen einstweilen vermieden wird.
Die IISS-Fachleute äußern erhebliche Zweifel an Trumps Beteuerungen, wonach die US-Navy diese Route für den internationalen Schiffsverkehr werde freimachen können. Rund ein Drittel des weltweiten Öl- und Gasbedarfs gelangen normalerweise durch die Meeresenge; diese weist an der engsten Stelle zwischen zwei Inseln eine Breite von lediglich 38 Kilometern auf. Teheran hat unverhohlen mit ihrer Sperrung gedroht; seit Beginn des Krieges stauen sich vor dem maritimen Nadelöhr rund 1.000 Schiffe, darunter viele Supertanker.
Zwar haben die US-Streitkräfte mehr als 40 Kriegsschiffe der iranischen Marine versenkt. Die für Angriffe auf zivile Schiffe viel geeigneteren seegängigen Patrouillenboote stellen jedoch nach Sampsons Meinung eine „sehr fähige Streitmacht“ dar. Zudem könnten sie die mit kaum mehr als 20 Knoten vorankommenden Supertanker über viele Kilometer des Seeweges angreifen, nicht nur in der Meerenge selbst.
Der frühere britische Außenminister William Hague weist in der Times auf die Diskrepanz zwischen den beiden Verbündeten hin. Israels Premierminister Benjamin Netanyahu strebe den Sturz des Kleriker-Regimes an, „mit welchen Mitteln und Konsequenzen auch immer“. Dies aber liege nicht in Trumps Interesse: „Er müsste größere Risiken auf sich nehmen, für unklare Resultate. Die weiseste Entscheidung wäre es, bald den Sieg zu erklären und den Krieg zu beenden.“
Aber wer hat Donald Trump je der Weisheit verdächtigt?