Nahostkonflikt

Helfer im Kreuzfeuer des Krieges: „Ärzte ohne Grenzen Luxemburg“ beklagen Tod eines weiteren Mitarbeiters

Die Hilfsorganisation „Ärzte ohne Grenzen Luxemburg“ beklagt den Verlust eines zweiten Mitarbeiters binnen zwei Wochen bei israelischen Angriffen im Gazastreifen. Nun fordert sie eine unabhängige Untersuchung der „Massaker“ und prangert fehlenden Schutz für Zivilisten und Helfer an.

Laut Ärzte ohne Grenzen macht die israelische Armee keinen Unterschied zwischen militärischen und zivilen Zielen

Laut Ärzte ohne Grenzen macht die israelische Armee keinen Unterschied zwischen militärischen und zivilen Zielen Symbolfoto: AFP

Seit über einem Jahr tobt der Krieg im Gazastreifen und forderte bereits tausende Menschenleben – darunter viele Zivilisten. Auch Helfer diverser Organisationen, die versuchen, die Betroffenen des Krieges zu unterstützen, geraten in die Schusslinie. Die Hilfsorganisation „Ärzte ohne Grenzen Luxemburg“ (MSF) beklagt in einer rezenten Pressemitteilung den zweiten toten Mitarbeiter vor Ort binnen nur zwei Wochen. Der 41-jährige Hasan Suboh sei in der Nacht auf den 24. Oktober bei einem israelischen Luftangriff auf die Stadt Chan Junis getötet worden. Zur Zeit des Angriffs hielt Suboh sich im Haus eines Elternteils auf. Von seinen Kollegen als begabter Mechaniker beschrieben, hinterlässt er eine Frau und sieben Kinder.

Der israelische Luftangriff habe laut Gesundheitsministerium mehrere Häuser getroffen, wobei insgesamt 38 Menschen ums Leben gekommen sein sollen – darunter 14 Kinder und vier Familienmitglieder von Suboh, wie MSF mitteilt. Die Hilfsorganisation verurteilt den Angriff aufs Schärfste. Sie teilt mit, dass Subohs zerfetzte MSF-Weste aus den Trümmern geborgen werden konnte. Das Kleidungsstück stehe eigentlich für „Gesundheitsfürsorge und humanitäre Hilfe“. Doch: „Diese zerstörte Weste ist ein Beispiel dafür, wie Israel, die US-Regierung und die übrigen Verbündeten Israels in diesem Krieg den Schutz des Gesundheitspersonals ignorierten und die Regeln des Krieges in Stücke rissen“, kritisiert MSF. Abermals habe sich gezeigt, dass der mutmaßliche Schutz von Zivilisten sowie humanitärer Helfer eine Lüge sei.

Hasan Subohs zerstörte MSF-Weste
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Hasan Subohs zerstörte MSF-Weste
Hasan Suboh ist in Folge eines israelischen Luftangriffs ums Leben gekommen
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Hasan Suboh ist in Folge eines israelischen Luftangriffs ums Leben gekommen

Details zu Subohs Bergung oder dem Schicksal seiner Hinterbliebenen konnte MSF – trotz Nachfrage vor Ort – dem Tageblatt nicht geben. Dies sei jedoch nicht ungewöhnlich, da die Kommunikation mit Kollegen in Gaza sich aufgrund häufiger Telekommunikationsausfälle oftmals als schwierig erweise.

Seit Kriegsbeginn im Oktober 2023 seien acht palästinensische Kollegen, die in Gaza für MSF arbeiten, getötet worden. Vor Suboh sei am 10. Oktober ihr Mitarbeiter Nasser Hamdi Abdelatif Al Shalfouh in Dschabaliya durch Granatsplitter tödlich verletzt worden.

MSF kritisiert diese „Massaker“ und fordert eine unabhängige Untersuchung, da Israel bei seinen Angriffen nicht zwischen militärischen und zivilen Zielen unterscheide.

MSF-Aktivitäten im Gazastreifen

Die Aktivitäten von MSF seien nach Kriegsausbruch und besonders aber infolge des israelischen Evakuierungsbefehls für mehrere Krankenhäuser stark eingeschränkt. Dadurch würden die MSF-Aktivitäten auf einen kleineren Raum begrenzt werden. Derzeit sei MSF in den Krankenhäusern in Al-Aqsa und Nasser sowie acht Pflegezentren tätig, teilt MSF auf Tageblatt-Nachfrage hin mit. Zudem habe die Hilfsorganisation zwei ländliche Krankenhäuser im Zentrum Gazas eingerichtet – in Deir al-Balah.

So habe es seit Kriegsbeginn am 7. Oktober 2023 mithilfe von MSF rund 14.500 stationäre Aufnahmen, 7.500 chirurgische Eingriffe, 27.500 Behandlungen infolge von physischer Gewalt, 18.000 ärztliche Untersuchungen bezüglich der mentalen Gesundheit sowie 20.000 Schwangerschaftsberatungen gegeben. Auch das Verabreichen von Impfungen sowie die Wasserversorgung zählt die Hilfsorganisation zu ihren Aufgabenbereichen. Das alles wird von 778 Einheimischen (aus allen Bereichen) und 35 internationalen Mitarbeitern gestemmt. Ein Luxemburger befinde sich jedoch nicht unter den Helfern.

Bettels Dritte Nahostreise

Luxemburgs Außenminister Xavier Bettel (DP) besuchte vom 28. bis 31. Oktober Israel und Palästina, um sich für einen Waffenstillstand einzusetzen – seine dritte Reise in die Region innerhalb eines Jahres. Auch die für Palästinenser überlebenswichtige UNRWA (Hilfswerk der Vereinten Nationen für Palästina-Flüchtlinge) war Gesprächsthema. Israel sieht die Organisation als Propagandainstrument der Hamas und hat nun der UNO offiziell das Ende seiner Zusammenarbeit mit UNRWA mitgeteilt. Das Verbot der Aktivitäten der UNRWA auf israelischem Gebiet könnte die Palästinenser jedoch in eine humanitäre Katastrophe stürzen.

„Ärzte ohne Grenzen Luxemburg“ hat das israelische Verbot der UNRWA als „unmenschliches Verbot einer lebenswichtigen humanitären Hilfe“ bezeichnet. Die Organisation forderte Bettel im Vorfeld seiner Reise dazu auf, „Druck auf die israelische Regierung auszuüben, damit sie ungehinderten Zugang für humanitäre Hilfe gewährt“.

Auf seiner Reise äußerte Bettel allerdings auch deutliche Kritik gegenüber UNRWA-Verantwortlichen: „Die UNRWA ist nicht perfekt, das muss ich euch leider so sagen“. Er betonte jedoch auch, dass sie „alternativlos“ sei. Zudem traf Bettel während seiner Reise eine Angehörige einer Hamas-Geisel.

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