Deutschland

Friedrich Merz vor seinem größten Triumph?

Friedrich Merz hat die besten Chancen, der nächste Bundeskanzler zu werden. Ausgerechnet er, der eher Unbeliebte. Wie konnte das passieren? Der Sauerländer hat schlichtweg alles auf eine Karte gesetzt.

Für den CDU-Kanzlerkandidaten Friedrich Merz stehen die Chancen gut, der nächste deutsche Regierungschef zu werden

Für den CDU-Kanzlerkandidaten Friedrich Merz stehen die Chancen gut, der nächste deutsche Regierungschef zu werden Foto: Kirill Kudryavtsev/AFP

Wie konnte das passieren? Er, der 69-jährige Sauerländer, der drei Anläufe gebraucht hat, um überhaupt CDU-Vorsitzender zu werden, der von den Parteigranden über all die Jahre weder wirklich gemocht noch unterstützt wurde, der sogar schon weg war vom Fenster der Politik – dieser Mann hat nun die besten Chancen, der zehnte Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland zu werden: Friedrich Merz.

Es gab eine Phase in den letzten Wochen, da herrschte in der Union große Unsicherheit – CSU-Chef Markus Söder quälte die CDU mit seinem ständigen Gerede über die Grünen, der Wahlkampf dümpelte dahin, die Konzepte zur Sicherheit und Wirtschaft versandeten. Doch dann ging Friedrich Merz nach eigenem Bekunden „all in“ – nach der Messerattacke von Aschaffenburg zog er Asylverschärfungen nach ganz oben auf die Agenda und nahm die Zustimmung der AfD im Bundestag in Kauf. Volles Risiko.

Tausende protestierten auf der Straße, sogar Altkanzlerin Angela Merkel intervenierte, ohne in der Union auf viel Gehör zu stoßen. Merz zog gegen den Rat einiger Vertrauter durch – seitdem erlebt der Wahlkampf eine ungeahnte Polarisierung; die Parteien sind wieder unterscheidbar geworden. „Die direkte Konfrontation hat uns Glaubwürdigkeit zurückgegeben“, ist sich ein führender CDU-Mann sicher. Und offenkundig der Union auch den Elan. Viele mögen den spröden Merz zwar immer noch nicht, aber man traut ihm jetzt eher etwas zu als den anderen. Oder wie die Partei plakatiert: „Der Richtige zur richtigen Zeit.“ Nach dem Ampel-Chaos und angesichts der vielen ungelösten Probleme, die das Land plagen, könnte diese Strategie nun aufgehen.

Trainer und Kapitän zugleich

Seitdem erlebt man im Wahlkampf einen Merz, der wie im Tunnel unterwegs zu sein scheint – „er will es wirklich“, so ein Vertrauter. In der Partei vermuten manche hochrangigen Vertreter allerdings, dass Merz vielleicht nicht genau abschätze, was da auf ihn zukomme. So soll etwa ein CDU-Ministerpräsident dem Kandidaten am Vorabend einer Bundesratssitzung gesagt haben, man werde auch unter einem Kanzler Merz nichts mehr mittragen, womit der Bund die ohnehin angespannten Länderhaushalte belaste. Und aus der SPD ist zuletzt genüsslich gestreut worden, Merz und seine Leute ahnten gar nicht, was es bedeute, eine Regierung zu führen – und zwar ohne Regierungserfahrung. Etwa in der Migrationspolitik.

Merz freilich weiß, dass er als Kanzler liefern muss, wenn sich nach der Wahl am Sonntag alles gerüttelt hat. Entscheidend wird das Jahr 2026 für seinen Erfolg und den seiner Regierung. Das ist das Jahr, in dem Veränderungen bereits spürbar greifen müssen. Oder wie ein CDU-Präsidiumsmitglied betont: „Wir müssen das Grundvertrauen der Menschen zurückgewinnen.“ Ansonsten, so erklärt der Kandidat inzwischen selber, könnte es bei der nächsten Bundestagswahl 2029 ein böses Erwachen mit der AfD geben. Deswegen bleibt das Ziel der Union und das von Merz, möglichst nur mit einem Partner zu regieren – um ein Déjà-vu mit der Ampel-Zeit zu verhindern. Dafür braucht es jedoch deutlich über 30 Prozent.

Merz verspricht, er werde eine Regierung führen, „die aufhört zu streiten“. Er will sich nicht davor scheuen, als Kanzler von seiner Richtlinienkompetenz Gebrauch zu machen. Merz sieht sich in der Rolle des Trainers und des Kapitäns zugleich. Ob das funktionieren kann?

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