Interview
Ein Escher Jude in Tel Aviv: Über Bunker, Sirenen und die Hoffnung auf ein besseres Danach
Olivier Wolf ist Luxemburger Jude, in Esch aufgewachsen und lebt seit vielen Jahren mit seiner Familie in Tel Aviv. In den vergangenen Tagen hat die Eskalation mit Iran seinen Alltag erneut auf den Kopf gestellt. Ein Gespräch über iranische Raketen, improvisierte Schlafplätze und geschlossene Schulen.
Israel, Tel Aviv: Rettungskräfte und Militärangehörige begutachten den Ort eines Einschlags einer iranischen Rakete Foto: Oded Balilty/AP/dpa
Tageblatt: Wie haben Sie den Moment erlebt, als die ersten Warnungen losgingen?
Olivier Wolf: Es war ganz früh morgens. In Israel hörst du Sirenen nicht zum ersten Mal, aber diesmal war sofort klar: Das ist eine andere Lage. Wir hatten seit Wochen damit gerechnet, dass etwas kommt, und plötzlich ist es da. Die erste Sirene war nicht einmal die klassische „Jetzt kommt gleich eine Rakete“-Sirenensituation, sondern eine Warnung, die die Leute aufwecken und vorbereiten sollte. Für zwei Minuten war Chaos. Dann haben die Leute den Fernseher eingeschaltet und dann wussten wir, dass Israel den Iran angegriffen hat. Ein, zwei Stunden später kam dann die nächste Phase, und da war klar: Jetzt wird’s ernst.
Was machen Sie in so einer Situation ganz konkret – welche Entscheidungen müssen Sie treffen?
Du weißt hier, wo die Bunker sind, und du weißt auch, dass du bei bestimmten Bedrohungen wirklich dorthin musst. Das klingt banal, aber es ist ein eigener mentaler Schalter: Nicht „mal sehen“, sondern „jetzt los“. Wir sind noch schnell in einen Laden, um Basics zu holen – Pasta, Reis, Dinge, die du im Zweifel ein paar Tage essen kannst. Dann ging der Alarm los, als ich mit den Kindern an der Kasse stand. Wir haben den Einkaufswagen einfach stehen lassen und sind Richtung Bunker gelaufen.
Wie sah Ihr Alltag in den Stunden danach aus?
Sehr viel Bunker. Du sitzt da, wartest, hörst Updates, checkst, ob alles okay ist. Bei uns kam dazu: Meine Wohnung hat keinen eigenen Bunker. Das heißt, du kannst nicht einfach sagen: „Wir gehen nach Hause und machen die Tür zu.“ Wir sind deshalb in der ersten Nacht, als der Alarm losging, in die „Crèche“ gegenüber gelaufen und haben dort auf Kindermatratzen geschlafen. Das sind diese surrealen Momente, davon gab es jetzt einige seit dem 7. Oktober. Am nächsten Tag habe ich dann eine Airbnb-Wohnung gefunden, die einen Bunker hat. Dort sind wir jetzt für eine Woche. Der Bunker ist dort das Kinderzimmer. Die Kinder konnten also durchschlafen, wir mussten nur ein paar Mal nachts zu ihnen ins Zimmer.
Wie verändert so ein Krieg den Alltag in Tel Aviv?
Schule ist abgesagt, Unterricht läuft über Zoom. Die Flughäfen sind zu. Du merkst sofort, wie sehr ein Land im Ausnahmezustand auch organisatorisch anders tickt.
Wie nah kommt einem die Gefahr im Alltag?
Sehr nah. In der Nähe von unserem Ort ist vor ein paar Tagen eine Rakete in ein Haus geflogen – vielleicht 200 Meter entfernt. Das Haus ist zerstört. Viele Leute waren zum Glück in Bunkern, ein oder zwei sind gestorben.
Wie gut funktionieren Warnsysteme und Schutzräume – und wie sicher fühlt sich das an?
Die Warnsysteme sind gut organisiert. Du bekommst zuerst eine Nachricht: In etwa zehn Minuten solltest du an einen sicheren Ort gehen. Dann kommt später die Sirene, ungefähr 90 Sekunden vorher. Das ist ein großer Unterschied zu völliger Überraschung. Aber Vertrauen ist trotzdem schwierig, weil du weißt: Ein direkter Treffer ist ein direkter Treffer. Wenn etwas direkt in dein Haus fliegt, bist du auch im Bunker nicht automatisch geschützt. Dieses Wissen bleibt im Hinterkopf. Und dann ist da noch der Unterschied zwischen verschiedenen Arten von Raketen: Viele Angriffe, die man aus Gaza kennt, sind in der Wahrnehmung stark mit dem Iron Dome verbunden – das System fängt viel ab.
Iranische Raketen nicht?
Die sind eine andere Kategorie. Größer, strategischer, „méi seriö“. Die werden in die Atmosphäre geschossen und sind viel schwieriger abzufangen. Und sie richten wesentlich mehr Schaden bei einem Treffer an.
Wie beschreiben Sie die Stimmung in Ihrem Umfeld?
Seit dem 7. Oktober haben sich die Emotionen ständig verändert, wirklich zehnmal. Gerade ist es eher „scary“, aber es ist nicht die große Wut. In vielen Gesprächen spürst du eher eine Mischung aus Anspannung, Erschöpfung und diesem Gedanken: „Wir warten seit Wochen darauf, dass so etwas passiert.“ Und was ich wichtig finde: Viele unterscheiden klar zwischen dem persischen Volk und dem Regime. Es gibt keine pauschale Wut auf „die Iraner“. Das Regime wird als das Problem gesehen – weil es Hamas und Hisbollah finanziert hat und Israels Existenzrecht infrage stellt.
Was hat sich gesellschaftlich seit dem 7. Oktober 2023 besonders bemerkbar gemacht?
Die Einberufungen. Sehr viele Männer zwischen 18 und 40 wurden eingezogen. Das betrifft Familien, Freundeskreise, ganze Branchen. Insbesondere Selbstständige oder Leute, die sich gerade eine Karriere aufgebaut hatten, sind plötzlich weg – und in der Folge sind viele kleine Unternehmen kaputtgegangen. Gleichzeitig haben viele Frauen den Alltag weiter getragen, sich um die Kinder gekümmert, das Zuhause organisiert. Die sozialen Folgen sind enorm, weil das Land seit Monaten in einer Art Daueranspannung lebt.
Wie erklären Sie das Ihren Eltern und Freunden in Luxemburg?
Meine Eltern sind in Luxemburg, ich bin in Esch aufgewachsen, war dort im „Lycée“. Ich erkläre ihnen und den Freunden, die fragen, vor allem das Konkrete: Wo wir sind, wie wir schlafen, wie die Warnungen ablaufen, wie es den Kindern geht. Große geopolitische Analysen brauchen sie nicht, da bildet sich jeder seine eigene Meinung.
Warum leben Sie überhaupt in Israel – trotz all dieser Risiken?
Ich wollte in Israel wohnen. Ich bin als Jude in Luxemburg aufgewachsen, und ich fand das Land immer spannend. Das war ein langer Prozess: Ich habe in Luxemburg den „Barreau“ absolviert, und erst mit 32 habe ich entschieden, zu gehen. Danach habe ich in Jerusalem promoviert. Natürlich war mir bewusst, dass es hier gefährlicher sein kann als in Luxemburg. Es war vielleicht nicht die rationalste Entscheidung. Aber ich habe es nie bereut.