Analyse von außen
Die Weltwirtschaft gerät ins Trudeln, und das Ziel ist ungewiss
Jahrzehntelang gingen Unternehmen, Investoren und politische Entscheidungsträger von der beruhigenden Annahme aus, dass die Weltwirtschaft auf einem relativ stabilen Gleichgewicht beruhte. Makroökonomische und finanzielle Schocks wurden in erster Linie als zyklische Störungen betrachtet, die bewältigt werden konnten, um den Kurs wieder auf ein vorhersehbares Ziel auszurichten. Doch dieses Paradigma wird nun durch geopolitische Spannungen, die Instrumentalisierung wirtschaftlicher Beziehungen, den raschen Vormarsch neuer Technologien und andere Faktoren in Frage gestellt.
An der New Yorker Börse schaut man ganz genau hin, was den Markt bewegt Foto: Yuki Iwamura/dpa
Es ist möglich, Volkswirtschaften und Märkte durch diesen Sturm zu steuern, doch dies erfordert das Bekenntnis zum Aufbau von Widerstandsfähigkeit, zur Wahrung von Handlungsspielräumen und zum Beweis von Agilität. Das wird nicht von selbst geschehen, da derzeit Unsicherheit über die theoretischen und praktischen Endpunkte vieler laufender langfristiger Veränderungen herrscht – von Produktivität und Wirtschaftswachstum bis hin zu Lieferketten und Gleichgewichts-Zinssätzen. Zudem entwickelt sich die allgemeine Handels- und Zahlungsarchitektur rasant weiter, was die operativen Komplexitäten und Planungsunsicherheiten vieler Unternehmen noch verstärkt.
Wer dies für übertrieben hält, sollte bedenken, wie sich unsere neue Realität in diesem Jahr in drei Bereichen ausgewirkt hat. Erstens führen geopolitische Spannungen zu neuen Bestrebungen, kritische Versorgungswege auszunutzen und als Druckmittel einzusetzen. Die Ära der reibungslosen Globalisierung nach dem Kalten Krieg ist einem Wettlauf um politischen Einfluss durch bestehende gegenseitige Abhängigkeiten gewichen. Sowohl staatliche als auch nichtstaatliche Akteure haben das Potenzial erkannt, asymmetrische Macht auszuüben, indem sie die physischen Lebensadern des globalen Handels drosseln. Von maritimen Störungen in der Straße von Hormus und im Roten Meer bis hin zum erbitterten Wettstreit um kritische Mineralien-Lieferketten – die Geografie wird systematisch als Waffe eingesetzt.