Die Stadt ist im permanenten Wandel oder, wie Großherzog Henri es am Montag formulierte, „sie vermittelt ein Gefühl des Nicht-Abgeschlossenen“. Und gerade das macht einen wesentlichen Teil des Reizes aus.

Pläne der Festung

Das großherzogliche Paar besuchte am Montag ebenfalls die Staatsbibliothek zu Berlin, die mit dem Luxemburger Nationalmuseum ein Kooperationsabkommen unterzeichnete.

Direktorin Barbara Schneider-Kempf präsentierte den Gästen handgezeichnete Pläne der einstigen Festung Luxemburg. Die Karten aus dem 17. bis 19. Jahrhundert sind teilweise recht spektakulär.

So konnte ein Plan aus dem Jahre 1797 präsentiert werden, der acht Blätter umfasst, die alle 2,66 x 2,25 Meter messen.

Die Staatsbibliothek Berlin machte hochwertige digitale Kopien dieser Festungspläne und überreichte sie dem Großherzog.

Auch ein Faksimile des 500 Jahre alten Mercatoratlas wurde im Rahmen des Staatsbesuchs an Henri überreicht.

Berlin hat aber auch jede Menge „altehrbarer“ Kultur zu bieten und zum 300. Geburtstag von Friedrich dem Großen sowieso zahlreiche Reminiszenzen der preußischen Glorie.

Zum ersten Tag der Staatsvisite in Deutschland landete die offizielle Maschine am Montagvormittag auf dem militärischen Teil des Flughafens Tegel. Berlin empfing das großherzogliche Paar und die Delegation mit Sonnenschein, militärischem Tschinderassassa und entsprechend guter Laune.

Berlin in Rot-Weiß-Blau

Für den Staatsbesuch wurde Berlin mit Fahnen in Rot-Weiß-Blau, in Schwarz-Rot-Gold und in Europa-Blau geschmückt, und auch wenn nur die wenigsten Einwohner der deutschen Hauptstadt um den offiziellen Besuch wussten bzw. noch nie von einem Großherzog gehört hatten, war der Empfang von einer herzlichen Neugier geprägt. So etwa als der regierende Bürgermeister Klaus Wowereit den Staatsgästen den Pariser Platz und das Brandenburger Tor zeigte.

Speziell für den viertelstündigen Besuch wurde das Gelände von Touristen und Einheimischen polizeilich geräumt. Dies scheint allerdings nichts Besonderes an dem Platz, an dem einst die Mauer die Stadt trennte: Die Menschen zogen sich einige Dutzend Meter zurück, beobachteten neugierig das Dargebotene, sprich amtierenden europäischen Adel, und eroberten den Platz danach mit großer Selbstverständlichkeit zurück.

Offiziersmütze und „Held der Arbeit“

Ohnehin ist das Brandenburger Tor längst nicht mehr Spielwiese von Ramschverkäufern, die in den Jahren nach dem Mauerfall im Schatten des Triumphtores Tausende sowjetischer Pelzmützen und Zehntausende Orden aller Kategorien nebst weiterem Tand an nostalgische Touristen verhökerten. Die Kitschverkäufer haben sich in feste Gebäude zurückgezogen, der Platz gehört einigen Pferdekutschen, vielen Japanern und inzwischen auch einem Starbucks-Café und dem The-Kennedys-Museum.

Weitaus zeremonieller ging es vorher auf Schloss Bellevue zu, wo der frisch gewählte Bundespräsident Joachim Gauck und seine Lebensgefährtin Daniela Schadt die Gäste offiziell begrüßten und durch den Schlossgarten führten, nachdem die drei Waffengattungen Heer, Marine und Luftwaffe sich dem Luxemburger Staatsoberhaupt präsentiert hatten.

Auf Schloss Charlottenburg unterstrich der Bürgermeister anschließend die rasanten Veränderungen, die Berlin in den letzten 20 Jahren erlebt hat, und kündigte die kurzfristige Eröffnung des neuen Berliner Flughafens „Willy Brandt“ an. Dieser ermögliche der Stadt eine bessere internationale Vernetzung und somit auch dringend notwendiges wirtschaftliches Wachstum.

Symbol des Kalten Krieges

Großherzog Henri ging seinerseits auf die wechselvolle Geschichte der Stadt ein, die diese sowohl geschrieben als auch ertragen habe. Das frühere Symbol des Kalten Krieges habe sich zu einer lebendigen Stadt im permanenten Wandel entwickelt, die immer mehr Luxemburger, vor allem Studenten und Künstler, anziehe.

Die Luxair fliege, so der Großherzog, zweimal täglich in die deutsche Hauptstadt und bringe viele Touristen nach Berlin; allerdings wünsche er sich auch mehr Berliner Touristen in Luxemburg.

Ein ergreifender Moment war am frühen Nachmittag die Kranzniederlegung am Mahnmal für die Opfer von Gewaltherrschaft und Krieg. In der Neuen Wache trauert eine Mutter um ihren verstorbenen Sohn. Die Skulptur von Käthe Kollwitz klagt an und berührt – und erinnert auch an weniger gute Zeiten im deutsch-luxemburgischen Verhältnis. Zur Kranzniederlegung durch das großherzogliche Paar intonierte ein Bundeswehrtrompeter das „Lied des guten Kameraden“.

Nach einem Besuch in der Staatsbibliothek (nebenstehender Beitrag) und dem Empfang durch Bundestagspräsident Norbert Lammert im Reichstag fand am Abend ein Galadiner auf Einladung des deutschen Präsidenten auf Schloss Bellevue statt.
Am Dienstag wird u.a. Kanzlerin Angela Merkel die Staatsgäste empfangen.

Robert Schneider/Tageblatt.lu