Editorial
Wir stänkern über Esch2022
Kultur ist bunt und ein Feuerwerk für die Sinne Foto: Archiv Editpress
Die Kulturhauptstadt Esch2022 ist totale Kacke. Sie interessiert keine Sau. Na, das ist ja mal eine Meinung. Danke für die Zustimmung. Nur, es ist nicht meine Meinung. Wirklich nicht. Sorry, dass ich Sie mit einer Falschmeldung geködert habe!
Täglich merke ich, im Gespräch mit Freunden und Kollegen, dass sich am Kulturevent Esch2022 die Geister scheiden. Leider ist mir die Diskussion etwas zu viel Schwarz-Weiß-Malerei. Dabei ist das Leben doch bunt und vielfältig. Zur Not tun es auch Grauabstufungen, aber selbst diese fehlen – meistens.
Mir, als älterem, grauhaarigem, weißem Mann, fehlen oft die Worte. Nicht weil ich auf den Mund gefallen wäre, sondern weil ich eigentlich davon ausgehe, dass wir die Welt etwas toleranter gemacht haben in den letzten Jahrzehnten. Doch kommen mir Zweifel, wenn ich lese und höre, was einige so von sich geben. Frust, schlechtes Essen, Sex- oder Alkoholabstinenz könnten eine Erklärung sein. Wobei, auch das wäre billig. Ich plädiere eher für Verständnis und Toleranz.
Esch2022 ist weder schwarz noch weiß. Ja, in der Tat, einiges läuft nicht optimal, das sagen sogar die Verantwortlichen selbst. Doch darüber werden wir am Ende Bilanz ziehen. Insgesamt ist Esch2022 wie das andere Kulturprogramm des Landes sehr bunt, vielfältig und fast schon üppig. Ein deutscher Journalist, der letzte Woche Esch besuchte, meinte gar, es sei vielleicht etwas zu viel des Guten.
Worüber diskutieren wir also? Hand aufs Herz, ich weiß es eigentlich nicht.
Rezentes Beispiel: „Reesch“, ein grandioses Spektakel des „Cirque du Soleil“, hat im Rahmen der „Nuit de la culture“ am vergangenen Wochenende Tausende Menschen begeistert. Ausländische wie einheimische Tänzer standen auf der Bühne und haben allen Beifall verdient. Die Esch-Schifflinger Industriegebäude dienten als Kulisse und wurde von vielen Besuchern fotografiert, gefilmt und über soziale Netzwerke geteilt. Gleiches wird am kommenden Samstag geschehen, wenn „la machine“ mit ihren überdimensionierten Marionetten durch Esch zieht – vorausgesetzt, das Wetter spielt mit.
Nicht alles muss jedem gefallen. Wobei die Frage erlaubt sein muss, was denn eigentlich jedem gefallen könnte oder müsste. Einfach nur meckern, „ich bin dagegen, um dagegen zu sein“, ist vielleicht doch etwas stupide. Wenn mir ein Event nicht gefällt, gehe ich nicht hin. Ein Fernsehprogramm kann ich aus- oder gar nicht erst einschalten. Ist mir doch egal. Wenn’s jemandem gefällt, soll er das Angebot annehmen. Man darf es auch sein lassen.
Woran messen wir den Wert einer Veranstaltung? Daran, was sie kostet? Ja, das ist eine berechtigte Frage in Zeiten, in denen wir als Bürger aufgefordert werden, zu sparen oder bewusster umzugehen mit unseren Mitteln. Müssen wir Steuerzahler also Geld ausgeben für etwas, das uns oder manch anderem nicht gefällt?
Ich denke den Gedanken mal etwas weiter. Nein, ich persönlich brauche zum Beispiel kein Fußballstadion, kein Velodrom und eigentlich auch kein mit öffentlichen Geldern finanziertes Schwimmbad oder eine dreispurige Autobahn. Trotzdem setze ich mich mit allen Mitteln dafür ein, dass es solche Sachen gibt.
In dem Sinne bitte ich allgemein um etwas Gnade, um Weit- und Einsicht für Sachen, die einem nicht gefallen, die aber trotzdem unsere Welt bereichern. Danke.