MobbingVanessa Tani:„Wir wollen dieses schwierige und düstere Thema ans Licht zu bringen.“

Mobbing / Vanessa Tani:„Wir wollen dieses schwierige und düstere Thema ans Licht zu bringen.“
Vanessa Tani (30) hat es sich zur Aufgabe gemacht, Menschen zu helfen, die Ähnliches durchmachen, wie sie es erleben musste Foto: Editpress/Tania Feller

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Mobbing kann überall passieren: auf dem Schulhof, im Büro, im Sportverein. Menschen werden ausgegrenzt und schikaniert. Vanessa Tani hat selbst psychische Gewalt erfahren. Sie ist jedoch gestärkt daraus hervorgegangen und die Vereinigung „Respect Each Other“ gegründet. Heute hilft sie Mobbing-Opfern, sich aus solch belastenden Situationen zu befreien.

Tageblatt: Warum haben Sie „Respect Each Other“ gegründet?

Vanessa Tani: Ich war selbst ein Jahr lang Opfer von Mobbing auf der Arbeit. Danach war ich vier Monate lang in einer Psychiatrie. In dieser Zeit bin ich auf sehr viele junge Menschen gestoßen und habe gemerkt, dass ich mit diesem Problem nicht alleine bin. Das hat in mir den Wunsch hervorgebracht, anderen Menschen zu helfen. Zuerst musste ich jedoch wieder zu mir zurückfinden, bevor ich überhaupt etwas an andere weitervermitteln konnte. Mittlerweile sind wir zu 17 Ehrenamtliche aktiv dabei. Zu Beginn waren wir eine schockierte, motivierte und betroffene Gruppe von Menschen. Mittlerweile sind wir eine strukturierte und gut organisierte Vereinigung. Das Ziel ist es, mit Infoständen zum Thema auf uns aufmerksam zu machen und zu sensibilisieren. Vor allem geht es darum, Schulen zu besuchen und anhand von Workshops über das Thema aufzuklären. Wir wollen dieses schwierige und düstere Thema ans Licht zu bringen.

Eine Definition

Mobbing ist eine Art Gewaltform, bei der man regelmäßig, bewusst und gezielt kritisiert, belästigt und attackiert wird. Es existieren viele Möglichkeiten, Mobbing auszuüben.

Die regelmäßige Unterdrückung kann einen Menschen in eine schlimme Lage bringen. Laut Vanessa Tani zerstört Mobbing von innen und kann einen regelrecht auffressen.

Gehen Sie immer noch zur Therapie?

Nein, ich habe aufgehört. Meine Asbl. ist meine Therapie. Ich sehe meine Mission darin, anderen Menschen zu helfen. Ich habe mich dadurch verändert und gemerkt, dass ich stark sein kann.

Wie vielen Menschen konnte bisher geholfen werden?

Innerhalb von drei Jahren waren wir bei 50 Fällen aktiv. Leider müssen wir immer wieder feststellen, dass Mobbing keine Grenzen kennt. Unser Erfolg und dass immer mehr Menschen zu uns kommen, ist einerseits gut. Andererseits macht es einen traurig, weil jeder Fall mit viel Leid und Ängsten für die betroffenen Menschen verbunden ist. Der Prozess, der dann eingeleitet wird, braucht Zeit. Ein einziges Gespräch reicht da nicht aus. Es ist emotional belastend für die betroffenen Personen. Sie müssen sich bewusst sein, dass sie am Anfang eines langen und anstrengenden Weges in eine bessere Zukunft stehen.

Wie sieht die Hilfe konkret aus?

Zuerst werden wir kontaktiert. Dann analysieren und bearbeiten den Fall und leiten ihn an die kompetenten Hilfestellen weiter. Netzwerkarbeit ist sehr wichtig. Als Vereinigung sind wir uns unserer Grenzen bewusst und sind froh, dass andere kompetente Dienste so gut mit uns zusammenarbeiten. Wir haben immer ein offenes Ohr und bauen ein Vertrauensverhältnis auf. Wenn jemand eine Information zum Thema Mobbing benötigt, dann helfen wir gerne.

Nimmt das Phänomen immer größere Ausmaße an?

Mobbing war schon immer da. Es ist keine Frage der Größe. Es wird eher nicht genug über dieses Thema geredet und informiert. Viele Menschen trauen sich auch im Jahr 2023 noch nicht, etwas dagegen zu unternehmen. Dabei ist niemand alleine und es gibt viele Hilfestellen in Luxemburg.

Woran kann jemand erkennen, dass er gemobbt wird?

Mobbing auf den ersten Blick zu erkennen, ist nicht einfach. Doch man spürt, dass etwas abläuft, was nicht richtig ist. Es fühlt sich böse und hässlich an. Von meiner persönlichen Erfahrung her ist es mit vielen Ängsten verbunden. Ich hatte Angst, zur Arbeit zu gehen. Ich konnte nicht mehr essen, nicht mehr schlafen. Du suchst die Schuld bei dir selbst, obwohl dir im Unterbewusstsein klar ist, dass es nicht deine Schuld ist. Das eigene Selbstbewusstsein wird immer kleiner. Die Freude am Leben verschwindet.

Wie kann jemand damit umgehen, wenn jemand selbst Opfer von Mobbern wird?

Jeder Fall ist individuell zu betrachten. Zuerst ist es wichtig, die Situation zu analysieren. Wo stehe ich? Wie sieht die Situation auf der Arbeit oder Zuhause aus? Wie ist es in der Schule? Man soll sich nicht einschüchtern lassen und selbstbewusst an die Sache herangehen und das Problem ansprechen. Je nachdem können Opfer psychologische Hilfe suchen, verschiedene Instanzen kontaktieren und ganz klare Grenzen setzen.

Im Oktober 2021 wurde Ihnen und der Asbl. der europäische Bürgerpreis verliehen. Welche Bedeutung hat diese Auszeichnung für Sie?

Wir verspüren großes Vertrauen und die Notwendigkeit, weiterzumachen. Es motiviert uns sehr und bestätigt uns auf unserem Weg. Mobbing ist kein lokales oder nationales Problem. Deswegen haben wir uns so darüber gefreut, diese europäische Aufmerksamkeit zu bekommen.

Anlaufstellen für Mobbing-Opfer

– Respect Each Other Asbl.: Kontakt über Facebook oder über die Nummer 661 443 497
– Mobbing Asbl.: mobbingasbl.lu; E-Mail: mobbingasbl@mobbingasbl.lu 
– Kanner-Jugendtelefon: www.kjt.lu; Telefon: 116111 
– Stressberodungsstell (CSL): www.csl.lu; E-Mail: stressberodung@csl.lu

Robert Hottua
25. Februar 2023 - 17.06

Seit 30 Jahren bin ich im Kontakt mit dieser Welt. Sie greift täglich mein Gewissen an. "Das Gegenteil von Liebe ist nicht Hass, sondern Gleichgültigkeit." (Elie WIESEL)
MfG
Robert Hottua