Jeunesse - Liverpool 1:1Heute vor 50 Jahren bebte die Escher Grenz im Landesmeister-Pokal

Jeunesse - Liverpool 1:1 / Heute vor 50 Jahren bebte die Escher Grenz im Landesmeister-Pokal
6.150 zahlende Zuschauer feierten am 19.9.1973 das 1:1 des Luxemburger Meisters Jeunesse Esch gegen den FC en großLiverpool Foto: Marie-Georgette Mousel/Photothèque de la Ville de Luxembourg 

Jetzt weiterlesen! !

Für 0,59 € können Sie diesen Artikel erwerben.

Sie sind bereits Kunde?

Es war das größte Spiel der Escher Jeunesse im Grenzer Stadion. Heute vor 50 Jahren empfing der Luxemburger Rekordmeister den FC Liverpool im Hinspiel der ersten Runde des Europapokals der Landesmeister, des Vorgängerwettbewerbs der Champions League. Vor rund 7.000 Zuschauern trotzten die „Little Steelworkers“ aus Esch den Engländern ein 1:1 ab. 

„Als kurz vor Schluss der Ausgleich für uns fiel, da war es, als hätte eine Bombe eingeschlagen. Jedenfalls war der Jubel aus dem Stadion in halb Esch zu hören“, erinnert sich André Zwally, der am 19. September 1973 als 17-Jähriger sein Debüt im schwarz-weißen Dress der Escher Jeunesse gab. Der kurz zuvor von den Differdinger Red Boys an die „Grenz“ gewechselte Gilbert „Gibbes“ Dussier hatte nach einem groben Abwehrschnitzer des haushohen Favoriten aus Liverpool in der 88. Minuten das Stadion zum Explodieren gebracht und eine lange Nacht in den Kneipen des Grenzer Viertels eingeläutet. Die Führung der Gäste hatte kurz vor der Pause Brian Hall besorgt. Da sich die Red Boys und Jeunesse noch nicht über die Wechselmodalitäten einig waren, hatte Dussier lediglich eine B-Lizenz und durfte in der Meisterschaft nicht für die erste Mannschaft der Schwarz-Weißen auflaufen. Im Europapokal dagegen war er spielberechtigt.  

„The little steelworkers“

Als Spieler dabei: André Zwally
Als Spieler dabei: André Zwally Foto: Tageblatt-Archiv

„Sensationelle Jeunesse“ titelte das Tageblatt am Tag darauf. Dafür verantwortlich war Petz Lahure, der den Bericht über das historische Match schrieb: „Das Spiel wurde gegen 20.15 Uhr abgepfiffen. Es war der Auftakt einer langen Nacht, die Cafés im Viertel waren gerammelt voll“, erinnert sich der Sportjournalist. Da die Zeitung zu dieser Zeit gegen 6 Uhr morgens gedruckt wurde, feierten Lahure und seine Kollegen erst einmal mit, ehe sie sich gegen 2 Uhr nachts in Richtung Redaktion aufmachten, um die Sensation in Worte zu fassen. „Drei bis vier Kollegen waren aus England angereist, sie trauten ihren Augen kaum. In ihren Berichten prägten sie dann den Ausdruck der ‚little steelworkers‘, schließlich arbeitete ein ganzer Haufen der Jeunesse-Spieler auf der ‚Schmelz‘.“ 

Auch André Zwally, der mit seinen 17 Jahren noch ein Lehrjunge im Belvaler Stahlwerk war. „Die Mannschaft hat im Jeunesse-Lokal in der rue d’Audun mit den Anhängern gefeiert. Die Grenz war an dem Abend zu klein“, erinnert sich der heutige Schöffe der Stadt Esch: „Ich fing normalerweise um 6.00 Uhr auf der Schmelz an, aber ich habe ‚blaugemacht‘ und den ganzen Donnerstag geschlafen. Am Freitag wurde ich dann um 8.00 Uhr ins Büro des Chefs zitiert. Der hat dann gesagt: ‚Ich war auch beim Spiel und es war großartig. Ihr habt eine fantastische Leistung gezeigt, aber trotzdem hast du gefälligst zur Arbeit zu erscheinen.‘ Es war das erste und letzte Mal in meinem Leben, dass ich blaugemacht habe“, sagt der längst pensionierte Zwally.

Als Fan dabei: Guy Van Hulle
Als Fan dabei: Guy Van Hulle Foto: Tageblatt-Archiv

Immerhin kam der FC Liverpool nicht nur als amtierender englischer Meister nach Esch, sondern auch als UEFA-Pokalsieger, hatte man sich doch wenige Monate zuvor im Endspiel gegen Borussia Mönchengladbach in Hin- und Rückspiel (3:0, 0:2) durchgesetzt. Gecoacht wurden die Reds von Trainerlegende Bill Shankly, der noch heute der jüngeren Generation durch seine Sprüche wie „Einige Leute halten den Fußball für einen Kampf auf Leben und Tod. Ich mag diese Einstellung nicht. Ich versichere Ihnen, dass es weit ernster ist.“ bekannt ist. Da das so ist, bezeichnete die BBC das Spiel in Esch nach dem Schlusspfiff als „die Tragödie des englischen Fußballs“. Immerhin reiste der Meister mit zahlreichen Nationalspielern wie Torhüter Ray Clemence, Chris Lawler, Tommy Smith, Larry Lloyd, Emlyn Hughes, Ian Callaghan, Peter Cormack oder Kevin Keegan an. Der Waliser John Toshack blieb derweil verletzungsbedingt zu Hause.       

Ihnen gegenüber stand eine reine Amateurmannschaft. Einziger Profi war der österreichische Trainer Willy Macho, der die Spiele gerne von der Torauslinie des von René Hoffmann gehüteten Kastens aus beobachtete. Macho hatte auf einen 2:1-Sieg seiner Mannschaft getippt, seine Voraussage aber vorsichtshalber nicht öffentlich gemacht. Denn bis dahin hatten luxemburgische Mannschaften im Europapokal gegen englische Teams stets eine Tracht Prügel bezogen. 1967 geriet die Spora gegen Leeds (0:9, 0:7) und 1971 Hautcharage gegen Chelsea (0:13, 0:8) übelst unter die Räder.   

„Wechselbad der Gefühle“

Feier am Sonntag beim Heimspiel gegen Mondorf

Das Meisterschaftsspiel am kommenden Sonntag gegen Mondorf wird ganz im Zeichen des 50. Jubiläums des Liverpool-Spiels stehen. Neben einer Ausstellung rund um die Partie werden die noch lebenden Spieler ab 15.15 Uhr von RTL-Journalist Guy Weber interviewt. Angemeldet sind Jeannot Schaul, Mario Morocutti, Jean Mond, Léon Schmit, Pitt Langer, Norbert Reiland, Guy Allamano, Nico Pasquini, Meni Di Genova, Josy Turmes und André Zwally.  Nach dem Spiel gegen Mondorf wird in der „Verlängerung“ die Fernsehreportage von damals gezeigt. Zum Verkauf angeboten werden zudem am Sonntag 100 limitierte Gin-Flaschen. 

Nicht so Jeunesse Esch im Jahr 1973. „Es war die beste Jeunesse-Mannschaft, in der ich gespielt habe“, blickt André Zwally auf seine Karriere zurück, in der er in 265 Meisterschaftspartien 72 Tore für Esch schoss. „Es war eine Wahnsinns-Mentalität in diesem Team. Wir wollten jedes Spiel gewinnen. Auch die beiden Duelle gegen Liverpool. Jedenfalls sind wir zwei Wochen später im Stadion an der Anfield Road angetreten, um eine Runde weiterzukommen.“ Was allerdings nicht gelang, selbst wenn zur Pause beim Stande von 0:0 noch alles offen war. Ein Eigentor von Jhang Mond und ein Treffer von John Toshack ließen den Traum der Qualifikation für die zweite Runde platzen. Dass Liverpool nicht seine beste Phase hatte, bewies das Zweitrunden-Aus gegen Roter Stern Belgrad wenig später. Was die Leistung der Jeunesse in den beiden Duellen mit den Reds aber nicht schmälern soll. 

„Jeunesse hatte im Europapokal schon des Öfteren für Furore gesorgt“, erinnert sich Guy Van Hulle, der das Spiel als Fan verfolgte. „Ich war frühzeitig im Stadion, trotzdem war schon alles voll. Ich konnte nur noch einen Platz hinter dem Tor ergattern, aber immerhin in der ersten Reihe“, so der damals 24-Jährige. Von den Toren habe er dennoch nicht viel gesehen, da sie auf der anderen Seite des Platzes fielen. „Für mich war es zudem ein Wechselbad der Gefühle, denn genau eine zuvor fand der Militärputsch in Chile statt. Das hatte mich als politisch engagierten Jugendlichen ziemlich mitgenommen.“ 

Als Journalist dabei: Petz Lahure
Als Journalist dabei: Petz Lahure Foto: Tageblatt-Archiv

Genau 6.150 Zuschauer zahlten an diesem Abend Eintritt, es dürften fast 7.000 Fans vor Ort gewesen sein, darunter einige wenige aus Liverpool. Das Stadion „op der Grenz“, genau wie die Anfield Road von Arbeiterkolonien umringt, war zuvor modernisiert und im August 1970 mit einem Galamatch gegen Ipswich Town eingeweiht worden. Die Haupttribüne hatte genau 1.398 Sitzplätze, auf die 18 Stufen der Stehränge der Gegengeraden passten rund 4.000 Zuschauer. Der Rest stand an der „Clôture“ in mehreren Reihen. Nur einmal kamen noch mehr Menschen zu einem Fußballspiel auf die „Grenz“: 1983 beim Freundschaftsspiel Luxemburg – Türkei waren es rund 8.000. „Die Begeisterung für das Spiel war in Esch riesig“, erinnert sich Sportjournalist Petz Lahure, „damals lief nicht so wie heute jeden Tag Fußball im Fernseher, auch gab es keine Handys oder Social Media. Also sind die Menschen zusammengekommen. Ausverkauft war das Stadion zudem nie, es wurde einfach alles hereingelassen, was kam.“ 

„Der Stadionsprecher hat vor dem Spiel gleich mehrmals die Zuschauer gebeten, doch näher zusammenzurücken, damit alle ihren Platz bekamen“, weiß André Zwally, „es war außergewöhnlich, eine tolle Atmosphäre. Erst Tage später ist uns Spielern wirklich bewusst geworden, was an diesem Abend passiert war“. Die Euphorie der Partie trug die Mannschaft durch die Saison. Noch bis 1977 gab es in Luxemburg nur einen Fußball-Champion, und der hieß Jeunesse Esch. Neben den wenigen Fans aus Liverpool gab es aber noch jemanden, der das Stadion schlecht gelaunt verließ: René Van Den Bulcke. Im Gewühl nach dem Schlusspfiff war dem FLF-Präsidenten beim Verlassen der Tribüne die Brieftasche geklaut worden. 

Statistik

Jeunesse Esch: René Hoffmann – Jeannot Schaul, Léon Schmit (49. Léon Mond), Mario Morocutti, Robert De Grava, Jean-Pierre Hnatow, Pitt Langer, André Zwally (65. Gilbert Dussier), Norbert Reiland, Domenique Di Genova (K), Jean-Pierre Hoffmann; Trainer: Willy Macho  
FC Liverpool: Clemence – Lawler, Thompson, Smith (K), Lloyd, Hughes, Keegan, Hall, Heighway, Boersma, Callaghan; Trainer: Bill Shankly
Schiedsrichter: Baucourt (F)
Tore: 0:1 Hall (43.), 1:1 Dussier (88.)
Zuschauer: 6.105 zahlende

max.l
19. September 2023 - 12.19

flot, do sën engem nach ee pur Nim bekannt, flotten Artikel, an eng schéin Errënnerung.. ëch hät de Petz nët méi rëm kannt vun der Foto aus.. awer waarscheinlëch wann hie geschwat hät.. da feiert gud, dat woren nach flot Zäiten..