Editorial

Es gibt keine Armutsbekämpfung ohne soziale Wohnungspolitik

Sich aus eigenen Kräften aus der Obdachlosigkeit herauszukämpfen, ist fast unmöglich

Sich aus eigenen Kräften aus der Obdachlosigkeit herauszukämpfen, ist fast unmöglich Foto: Editpress/Julien Garroy

Die Wohnungskrise und Armut gehen Hand in Hand. Das Tageblatt hat in den vergangenen Tagen mit mehreren Obdachlosen gesprochen und dabei das bestätigt, was eigentlich offensichtlich ist: Eine Wohnung ist mehr als nur ein festes Dach über dem Kopf. Sie ist die Basis für ein würdevolles Leben – und muss von der Politik gesichert werden.

„Ohne Adresse bekommt man keine Arbeit und ohne Arbeit keine Wohnung.“ Das sagte Mike gegenüber dem Tageblatt. Er lebt ohne Unterkunft in Luxemburg und ist nicht allein mit diesem Problem. „Ich will arbeiten, bekomme ohne Adresse aber keine Stelle“, erklärt auch Sonja. Für Alex, der seine vier Wände nach einem Unfall verloren hat, ist ebenfalls klar: Der Hauptgrund für die soziale Not in Luxemburg ist das Wohnungsproblem. Ohne feste Adresse gibt es nämlich auch kein „Revis“ bzw. Einkommen für schwerbehinderte Personen.

Mit dem Verlust der Wohnung fängt die Armutsspirale oft an. Ohne Wohnung kein Job. Ohne Job kein Geld. Ohne Geld keine Sozialbeiträge. Ohne Sozialbeiträge keine Krankenversicherung. Die Spirale dreht und dreht und dreht sich weiter. Allein auszubrechen, ist fast unmöglich, vor allem weil das Leben ohne Unterkunft bereits sehr kräftezehrend ist. Das Argument „dann geh doch einfach arbeiten“ ist also keines. Vor allem, weil die Lage auf dem Arbeitsmarkt nicht einfacher wird: Das nationale Statistikinstitut Statec rechnet bis Ende 2024 mit einer Arbeitslosenquote von fast sechs Prozent. Zu Beginn des Jahres 2023 lag sie bei 4,8 Prozent.

Und die Wohnungsnot betrifft nicht nur Menschen ohne Unterkunft. 12,9 Prozent der Erwerbstätigen zählen laut „Rapport travail et cohésion sociale 2023“ zu den „Working Poor“ – also Menschen, die trotz Arbeit von Armut bedroht sind. Damit schneidet in Europa nur Rumänien schlechter ab als Luxemburg. Auch hier spielen die Wohnungskosten eine essenzielle Rolle. Aus Gesprächen mit den Betroffenen geht immer wieder hervor, dass die Miete bei weitem die größte Bürde im Budget ist.

Die Situation auf dem Wohnungsmarkt scheint sich nicht wirklich zu beruhigen. Auch wenn die Preise laut Bericht, den das „Observatoire de l’habitat“ am Donnerstag veröffentlicht hat, sinken: Aufgrund der hohen Zinsen können sich trotzdem nur wenige Menschen den Kauf einer Wohnung leisten. Und diejenigen, die es nicht können, müssen sich mit steigenden Mietpreisen herumschlagen. Die Mieten für Wohnungen sind in den vergangenen zwölf Monaten um 4,1 Prozent gestiegen. Die Ärmsten müssen also noch mehr von ihrem Gehalt ausgeben, um ein Dach über dem Kopf zu haben. Und wenn das nicht mehr reicht, droht die Obdachlosigkeit.

Der Verlust der Wohnung trotz Arbeit, nach einem Unfall oder wegen eines anderen Schicksalsschlags darf nicht zu einer realistischen Bedrohung werden. Wenn dieser erste Dominostein erst mal fällt, ist die Kettenreaktion nur schwer aufzuhalten. Die Politik muss vorher eingreifen. Ob das unter dieser Regierung eher der Fall ist als unter der vorigen, bleibt abzuwarten. Das Bettelverbot deutet jedenfalls nicht auf eine soziale Ader der neuen Koalition hin.

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