Wahre Kerle wollen heutzutage gut aussehen und legen zunehmend Wert auf ihr Äußeres. Robert Spirinelli berichtet über einen besonderen Friseursalon, wo die Herren zwar im Vordergrund stehen, Haarschnitt und Rasur aber nicht nur reine Männersache sind.

Ursprünglich hatte in der Regel besonders bei Männern der Gang zum Friseur eher einen praktischen Charakter. Entweder waren die Haare zu struppig und wuchsen zu sehr über die Ohren hinweg oder aber es stand ein besonderer Anlass wie Hochzeit oder Kommunion bevor. „Vergiess net, nach schnell bei de Coiffeur ze goen“, wurde ihm, dem starken Mann, oft und schon fast bedrohlich befohlen. Doch die Zeiten haben sich geändert: Heutzutage legen wahre Kerle zunehmend Wert auf ihr Styling und scheuen den Weg zum „Salon“ längst nicht mehr. Der moderne Mann hat sich neu entdeckt und besucht sowohl wieder häufiger den Friseur als auch den Barbier. Wo aber liegt der Unterschied?

„Barbier-Läden liegen im Moment im Trend“, erklärt Claude Weidert, der seit 2015 einen Herrensalon in Rümelingen betreibt. Vor kurzem, am 9. April, wurde das Geschäft ausgebaut und „Weidert Men’s Finest“ ist in die Grand-rue umgezogen. Wo früher Fotoapparate im Fokus standen, geben nun scharfe Klingen den Ton an. „In der Tat arbeite ich gerne mit scharfen Klingen“, lacht der umtriebige Geschäftsführer, „allerdings bin ich von Beruf aus Herrenfriseur und kein Barbier. Ich arbeite nicht in der Philosophie eines Barbiers, sondern nach den Richtlinien eines Friseurs, das heißt, dass wir im Gegensatz zum Barbier flexibel bei Friseurleistungen und Haarschnitten sind und die vom Barbier eigentlich nur begrenzt ausgeübt werden können“, so der gebürtige Escher, der schmunzelnd hinzufügt: „Ich weiß nicht, ob ich das so sagen darf, aber ich denke, dass unser Geschäft der größte reine Herren-Friseursalon im Minette ist.“ Ziel und Zweck sei es aber, mit bester Arbeit die Zufriedenheit der Kundschaft zu gewährleisten. Fachkräftig unterstützt wird der Patron dabei von einem dreiköpfigen Team, darunter eine Dame.

Das exzentrische Dekor zwischen Totenköpfen und einer historischen Waschmaschine, die übrigens zur Hausbar umfunktioniert wurde, spiegelt sich irgendwie auch die starke Persönlichkeit des Chefs wider. „Ich habe den Beruf von der Pike auf erlernt. Zu meiner Zeit musste man sich entweder für den Damen- oder eben den Herrenbereich entscheiden. Aus Spaß an der Sache habe die Laufbahn des Herrenfriseurs gewählt“, gibt der mittlerweile 43-jährige zu verstehen.

Heute allerdings wollen wir im „Weidert Men’s Finest“ mehr über den perfekten Gesichtswuchs als über modische Frisuren wissen.

Bart tragen ist in, wird dieser Trend noch lange anhalten?
„Wie man fast überall feststellen kann, ist der Bart ein Trend – meiner Ansicht nach ist er ein urbaner, der aber langsam wieder zurückgeht. Den Bart gibt es seit jeher, sogar Jesus Christus trug einen, ob er sich aber jemals zu einem Barbier begeben hat, entzieht sich meinen Kenntnissen.
Tatsache ist, dass wir in einer Zeit leben, in der der Mann wieder ein Mann sein will. Männer haben es nicht immer leicht, sie sollen emanzipiert sein, hier und da müssen sie allerdings auch was einstecken. Warum also sollten wir nicht auch mal auf unsere Männlichkeit pochen? Das Scheinbild des starken Mannes von damals ist in unseren Zeiten völlig daneben. Als Mann sollte man auch Wert auf sich legen. Schick sein, was früher oft ausschließlich dem erhabenen Gentleman vorenthalten war, steht heute auch dem normalbürgerlichen Mann zu. Dazu gehört auch ein gut gepflegter Bart, der eben schön wirkt.”

Was raten Sie einem Newcomer, worauf sollte man achten oder was bedenken, bevor man sich zum Bartwuchs entscheidet?
„Naja, jeder sollte wissen, dass das Ganze mit einem gewissen Aufwand verbunden ist. Wer hierzu nicht bereit ist, sollte sich am besten gleich ein paar Rasierklingen kaufen und glatt bleiben. Ein Bart ist nur dann schön, wenn er regelmäßig und ordentlich gepflegt wird.”

Und wie findet man zum passenden Bartstil?
„Ich denke, dass es eine Sache von Experimentieren ist. Oft richten sich die Leute nach einer persönlichen Vorliebe für Menschen, von denen sie sich beeindruckt fühlen. So ersehnen manche sich einen längeren Wuchs à la ZZ Top, vielleicht nur weil sie Fan der dieser Rock-Band sind. Heutzutage sind auch einige Bartstile nicht so gern gesehen, ein Backenbart z.B. liegt zurzeit komplett außer Trend. Man sollte also schon ausprobieren, was am besten zu einem passt.”

Wie schnell wächst eigentlich ein Bart? Wie komme ich am besten an meinen lang ersehnten Bart? Welche Wirkung haben Bartwuchsbeschleuniger?
„In der Regel sprießt der Bart zwischen 0,35 und 0,4 Millimeter pro Tag, aber das ist bei jedem Menschen unterschiedlich, genauso wie bei den Haaren. Naja, im Handel findet man tatsächlich sogenannte Bartwuchsbeschleuniger, aber Sie können mir Ihr Geld auch gleich einfach so geben. Es ist wohl wie bei allem: Wer fest dran glaubt, bei dem könnte es wirken.”

Und wie harmonisieren Frisur und Bart zusammen, soll der Bart der Frisur oder die Frisur dem Bart angepasst werden?
„Nun, die allermeisten haben den Haarschnitt wohl, bevor der Bart sprießt, von daher sollte der Bart sich eher der Frisur anpassen. Hier punktet ganz klar die Glatze, denn die Frage stellt sich nicht.”

Bartstyling ermöglicht unzählige Variationen. Was sind die Trends, welche Bärte geben den Ton an?
„Sehr gefragt wird das Färben, nicht unbedingt um irgendetwas zu verdecken, sondern eher, um dem Bart mehr Akzent zu geben, um ihn so kontrastreicher wirken zu lassen. Auch der Schnauz gewinnt wieder an Beliebtheit, vielleicht auch deswegen, weil der Schnurrbart weniger Pflege beansprucht.”

Ab wann gilt ein Bart Ihrer Meinung nach als nicht mehr tragbar?
„Also ganz klar wenn er von Anfang an ungepflegt ist. Ganz gleich, ob man sich einen Dreitagebart, einen Schnäuzer oder einen Vollbart stehen lässt – der Bart will und muss gepflegt sein.”

Wem würden Sie abraten, einen Bart zu tragen, gibt es berufliche bzw. sogar gesundheitliche Bedenken?
„Es gibt einige berufliche Einschränkungen und sogar Bartverbote. Ich denke z.B. an die Feuerwehr und die Berufe, die mit Atemschutzgeräten hantieren. Überhaupt all jene, die bei offenem Feuer stehen, sollten zumindest auf einen längeren Wuchs verzichten. Auch Leuten, die mit Kindern zu tun haben, würde ich davon abraten, bekanntlich mögen es besonders die ganz Kleinen, an Bärten zu ziehen. Gesundheitlich sehe ich keine Einschränkungen, es wird viel darüber gemunkelt, dass ein Bart mehr Bakterien, Mikroben usw. enthält als eine WC-Abdeckung oder ein Hund. Also das ist purer Quatsch, bei normaler Handhabung und Pflege sollte dies kein Thema sein.”

Wie oft sollte ein Bartträger zum Barber?
„Einmal im Monat ist ratsam, aber auch hier stellt sich die Frage nach dem persönlichen Auftreten. Wir haben Kunden, die je nach Laune jede Woche kommen. Für sie bedeutet Bartpflege auch Entspannung, genauso wie bei einem Besuch im Wellness. Uns ist es vor allem wichtig, dass sich unsere Kunden hier wohlfühlen. Dazu gehört eine ehrliche Beratung sowie ein schonender Umgang, denn Männer sind nicht immer solche harte Kerle, als die sie sich gerne ausgeben. Auch Männer wollen manchmal verwöhnt werden.”

Wenn es um Bartpflege geht, kennt Claude Weidert keine Kompromisse.
Hier gibt er ein paar fachkundige Tipps:

1. Man sollte bereit sein, viel Geduld und etwas Zeit aufzubringen, denn „ein Bart wächst nicht einfach so über Nacht“.
2. Eine gute Pflege beginnt mit einem Bartshampoo, das – wie der Name es schon vermuten lässt – speziell für die Gesichtsbehaarung geeignet ist. Im Gesicht haben wir weniger Talgdrüsen als unter der Kopfhaut. Haarshampoos trocknen den Bart somit aus und bewirken, dass Barthaare trocken und struppig werden. Wer nicht immer gleich zwei Fläschchen mit ins Bad nehmen will, der kann das Bartshampoo allerdings auch für die Frisur anwenden.
3. Besonders während der ersten Wochen ist ein qualitativ hochwertiges Bartöl ein Muss. Eventuelle Juckreizungen werden hierdurch gemindert, es verleiht dem Bart Glanz und Feuchtigkeit, versorgt ihn mit Nährstoffen und riecht auch noch gut.
4. Ab einer bestimmten Länge führt kein Weg mehr an einem anständigen Bartbalsam und einer ordentlichen Naturhaar- oder Naturfaser-Bartbürste vorbei. Von Plastik-Billigwaren sollte man die Finger gleich lassen, denn sie richten mehr Unheil an, als dass sie den Bart schonen.

Die Dame im Herren-Friseursalon

Dass moderne Techniken, Frisuren- und Farbentrends in allen herkömmlichen Friseursalons zum Alltag gehören, versteht sich von selbst. Seltener ist es, eine Dame in einem reinen Herren-Friseursalon vorzufinden – doch Cheryl Luck beherrscht ihren Job genauso perfekt wie ihre männlichen Kollegen.

Wie fühlt man sich als Dame in einem Herren-Friseursalon?
Cheryl Luck: „Am Anfang ist es etwas schwierig, weil Männer beispielsweise meist denken, dass Bärte eine reine Männersache sind – und so sind sie dann auch skeptischer gegenüber Frauen. Tatsache ist allerdings, dass das Vertrauen zunimmt, wenn Männer sich erst einmal in Frauenhänden befinden. Dann bleiben sie ruhig sitzen und die meisten kehren auch gerne zurück. Als einzige Frau im Friseursalon hat man den Vorteil, irgendwie immer die Prinzessin zu sein. Ich fühle mich hier sehr wohl, allein schon deswegen, weil das Ambiente lockerer und nicht so angespannt wie in einem Damensalon ist.”

Sie schrecken also auch nicht vor Bärten zurück?
„Nein, auf keinen Fall! Als ich angefangen habe, hat mein Chef mich darauf hingewiesen, dass hier auch so mancher Bartschnitt ansteht. Ich dachte an so drei bis vier im Monat; tatsächlich sind es aber vier bis fünf an einem Morgen … Aber das wird dann schnell zur Gewohnheit, weshalb ich gar keine Probleme damit habe – zumal alle Kunden bis dato vollends zufrieden waren.”

Im Vergleich zu vollständig rasierten Männern werden solche mit Bärten oft als dominanter und ggf. gar attraktiver wahrgenommen. Wie sehen Sie das?
„Mir persönlich gefällt ein Mann mit Bart besser, denn es wirkt einfach männlicher – vorausgesetzt, der Bart ist sauber und gepflegt. Ja, daraus ergibt sich schon ein dominanterer Look. Also um es ganz klar zu sagen: Ich will keinen Mann ohne Bart.”

 

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