Seit ein paar Tagen steht in der Escher Kanalstraße, in der Nähe eines Fischrestaurants, ein herrenloser Stuhl herum. Ihm ist langweilig und er macht sich sehr viele Gedanken.

Warum braucht mich keiner mehr? Was mache ich hier? Warum wird meine Sitzfläche nicht mehr benutzt? Tagtäglich gehen mir diese Fragen durch den Kopf. Warum will mich keiner mehr? So alt bin ich nun auch noch nicht, auch wenn meine Glanzzeit vielleicht eine Weile hinter mir liegt. Meine Beine sind immer noch ganz schön kräftig. Jahrelanges Training eben.

Vor mir wächst das Unkraut bereits aus dem Bürgersteig. Und irgendwie haben sich da auch Rostflecken gebildet. Keine Ahnung, wo die herkommen. Und dann dieser Hydrant, der regungslos neben mir steht. Immer schön stramm und bereit, Löschwasser auszuspeien. In den letzten Wochen hat es ja gleich ein paar Mal hier in Esch gebrannt. Vielleicht kommt er ja demnächst zum Einsatz.

Doch zurück zu mir. Es geht ja hier einzig und allein um mich. Die letzten Tage waren furchtbar. Die Gluthitze hat mir tagsüber das Leben zu Hölle gemacht. Von Schatten keine Spur. Und abends hat es gar nicht abgekühlt. Dann kam der Regen. So etwas habe ich noch nie erlebt, schließlich bin ich ja kein Gartenstuhl, den man auf einen Balkon oder auf eine Terrasse stellt. Nein, ich bin ein Stuhl. Ein richtiger, herkömmlicher Stuhl. Handelsüblich und aus Buchenholz.

Zu schaffen macht mir auch die Einsamkeit. Wo sind meine Brüder und Schwestern? Früher war immer was los, wenn wir alle gemeinsam an einem Tisch saßen. Dann wurde gefeiert. Essen und Trinken wurde aufgetischt. Ab und an fiel auch etwas runter. Und Fußtritte habe ich auch mal abgekriegt. Am meisten genervt hat es mich aber, wenn einer auf mir saß, der irgendwie Hummeln im Allerwertesten hatte. Dann war das ein ständiges Hin und Her. Ich wusste nicht: steht er auf oder bleibt er sitzen?

Aber egal. All das ist jetzt passé. Auf mir saß schon lange keiner mehr. Ich friste nun ein einsames Dasein in der Escher rue du Canal. Ich bin ein herrenloser Stuhl geworden. Mit einem Hydranten als Nachbar, der aber nicht mit mir spricht. Und das im Hitzesommer 2018, von dem alle sagen, dass der Klimawandel in vollem Gange ist und dass die nächsten Sommer auch so heiß werden. Hoffentlich muss ich die nicht auch draußen verbringen, sonst verblasst meine Farbe immer mehr. Herrenlos, ohne Bedeutung und ohne dass mir jemand Beachtung schenkt. Obwohl: Kürzlich hat einer Fotos gemacht. Ich glaube, es war für eine Zeitung. Er ist der Erste, der mich bislang beachtet hat. Dabei gehen jeden Tag unzählige Menschen an mir vorbei: Männer, Frauen, Kinder. Dann sind da noch die unzähligen Hunde. Bislang hat mir aber noch keiner ans Bein gepinkelt. Aber wer weiß, vielleicht steht mir das ja noch bevor.

Als die Fotos gemacht wurden, hat der Mann mit der Kippe, der immer an der gleichen Stelle auf dem Bürgersteig steht und an seinen Lungentorpedo saugt, als würde es kein Morgen mehr geben, ganz komisch dreingeschaut. Er hat sich bestimmt die Frage gestellt, warum ich fotografiert werde. Hätte ich das vorab gewusst, dann hätte ich mich ein bisschen zurecht gemacht. Aber auch so war es eine große Ehre und vielleicht komme ich ja in die Zeitung. Und vielleicht schreibt auch einer ein paar Zeilen über mich und mein Seelenleben im Hitzesommer 2018.

Warum trägt mich keiner in den Secondhand auf Hausnummer 12 in der Escher rue Portland? Ach Leute! Warum will sich niemand meiner erbarmen? Aber vielleicht kommt ja ein netter Mensch vorbei, nimmt mich unter den Arm, trägt mich zu sich nach Hause und gibt mir wieder eine Beschäftigung. Ich sehne mich jedenfalls nach einem Hintern. Einem dicken Hintern – ob Männlein oder Weiblein, ist mir egal. Hauptsache er lässt keinen fahren …

5 Kommentare

  1. Herr Graaf,

    Selten so gelacht in der heutigen Zeit !
    Super Artikel über einen Stuhl, der keine Bedeutung mehr hat.
    Warum liest man nicht öfters angenehme und witzige Kommentare wie diesen…

  2. Stimmt eher traurig oder das Lachen bleibt einem im Hals stecken. Ein Zeichen unserer Zeit und unserer Wegwerfgesellschaft. Wir leben im Überfluss und was uns nicht mehr passt oder zuviel ist, wird ausgemustert. Wenn es bei einem Möbelstück bleibt. Leider werden auch alte Menschen auf eine lieblose Weise ” entsorgt ” weil sie zu nichts mehr taugen oder zur Last werden.

  3. Stünde der Stuhl in einem Gang dann hätte das ganze ein komplett anderes Gesicht, um nicht zu sagen das wäre dann wirklich Sch…se.
    In der Escher Gemeinde sind ja anscheinend einige “Sitz”plätze derzeit am wackeln. Man sollte den Stuhl einfach auf den Marktplatz vor der Gemeinde stellen. Es wird sich bestimmt jemand finden der ihn belegt.

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