Bei all den großen offensichtlichen Tragödien unserer Zeit riskiert man den Blick für das Tragische, das im Kleinen passiert, zu verlieren. So könnte es sein, dass derzeit viele Menschen durch die rue du Curé in Luxemburg-Stadt hasten und nicht mitbekommen, dass dort die “Daughter” der luxemburgischen Künstlerin Flora Mar eine Geschichte erzählt, die uns letztendlich alle betrifft.

Wer einem sechsjährigen Kind allein in den Gassen einer Großstadt begegnet, wird wohl tendenziell eher nicht einfach weiterlaufen, ohne das Gesehene zu hinterfragen und zu handeln. Wenn auch die Gesellschaft, in der wir leben, bereits derbe Risse aufweist, so scheinen doch Kinder und deren Wohlergehen (zumindest in den meisten Fällen) noch einen gemeinsamen Nenner darzustellen zwischen all jenen Gruppen, die in ihren jeweiligen Mikrokosmen in der Hauptstadt Luxemburgs leben, ohne sich füreinander zu interessieren.

Dem Kind, das sich derzeit in der Cecil’s Box des Cercle Cité befindet, wird man jedoch – ob man nun Zivilcourage und Empathie zeigten möchte oder nicht – nicht dabei helfen können, seine Familie oder doch zumindest Bekannte wiederzufinden. Denn die Kleine ist allein. Eingesperrt in einem knapp 48 Zentimeter tiefen Raum, der zwar beheizt und weich ausstaffiert ist, dem es nichtsdestotrotz an einem Ausgang fehlt. Es gibt kein Entrinnen.

Ausweglosigkeit als Teil des Konzepts

Laut der Künstlerin Flora Mar ist diese Ausweglosigkeit quasi Teil des Konzepts: “Jede Beziehung, die überwiegend auf Projektionen basiert, ist zum Scheitern verdammt.” Damit bezieht sie sich sowohl auf das Gefühl, welches das Ausstellungsstück beim Betrachter auslösen kann, als auch selbstkritisch und -ironisch auf sich selbst, als eine Art künstlerische Mutter.

Hierfür bedarf es eines Verweises auf die Vorgeschichte der namenlosen “Daughter”, die zu einer Stellvertreterin vieler Töchter oder schlichtweg Kinder werden kann, die ihren Eltern mehr als Projektionsfläche dienen, als dass sie als eigenständiger Mensch wahrgenommen werden würden: Flora Mar erblickte die Puppe erstmalig vor etlichen Monaten in einem Kleidergeschäft im hauptstädtischen Bahnhofsviertel. “Sie stand zwischen und doch abseits der anderen im Schaufenster. Als Kind in Erwachsenenkleidung. Fast wie ein lebendiger Anachronismus.” Dies beschäftigte Mar dermaßen, dass die Entscheidung fiel, sie von dort wegzuholen; “Ich entriss sie – wie in so mancher Adoptions-Situation – ihrem ursprünglichen Lebensraum, quasi nach dem Motto: ‘Komm mit, bei mir wirst du es besser haben. Ich gebe dir die Wertschätzung, die du verdienst.'”

Vorgehaltener Spiegel

Im Rahmen des Kunstprojekts “positionierte” Flora Mar die Tochter einer fremden Mutter gewissermaßen neu “im Leben” und gab ihr zumindest äußerlich eine andere Erscheinung. So war die “Daughter” anfangs noch voll bekleidet zu sehen und trug sogar ein eigens für sie angefertigtes Accessoire bei sich. Dann aber wurde sie schon in einer weiteren Szene, zwar sanft beleuchtet, lediglich in Unterwäsche präsentiert, ja gar vorgeführt und nun kann man ihr nicht einmal mehr in die Augen schauen, da sie allein in der Dunkelheit den Blick abwendet.

Demnach landete die “Daughter” einer neuen Mutter zwar schließlich in der Oberstadt, was zwar wohl aus der Perspektive einiger “Eingeborener” der luxuriösen Ecken der Hauptstadt einem Update gleichkommt, aber wie sich nun zeigt, bedeutete der Ortswechsel – wie bei vielen Menschen auch – letztlich nur eine neue Art der Gefangenschaft.

Eben diesen niederschmetternden Prozess, der mit einem Befreiungsakt begann, der eigentlich niemals einer war, hat die luxemburgische Künstlerin in drei Akten über die vergangenen Wochen auf kleinster Fläche skizziert. Durch den fast gänzlichen Verzicht auf Requisiten richtet sie die volle Aufmerksamkeit auf die – im wörtlichen wie im übertragenen Sinn – immobile, handlungsunfähige “Daughter”, die erst eine Phase der Hoffnung, dann in einem weiteren Schritt der Anpassung und am Ende der Desillusion “durchlebte”.

Aggressive Zurückhaltung

Die nun gezeigte, letzte Szene hat etwas von formvollendeter Kapitulation. Ganz ohne Worte kommt das Ganze einer äußerst subtilen Drohgebärde gleich, die zeigt, dass wer zu viel in einen Menschen hineinprojiziert, riskiert, diesen dabei derart zu entpersonalisieren, dass er oder sie sich irgendwann selbst aufgibt und weitere schlimme Konsequenzen auf gesellschaftlicher Ebene daraus folgen können. Was auf dramatische Art und Weise beeindruckt, ist die Härte, die beim Betrachten mitschwingt, ohne dass auch nur ein angedeuteter Gewaltakt ersichtlich wäre.

Im Gegensatz dazu ist im benachbarten Ratskeller derzeit die foto-journalistische Ausstellung “Hard truths” zu sehen, bei der unter anderem tote oder in offenkundig lebensbedrohlichen Situationen befindliche Kinder und Erwachsene abgebildet werden. Mar bringt also bei ihrer Arbeit einen Minimalismus mit ein, der in seiner Zurückhaltung aggressiver nicht sein und wirken könnte. Damit trifft sie einen Punkt, der bei aller Übersättigung und Abstumpfung durch Bilder von Gewalt leicht vergessen wird, nämlich jenen, dass Gewalt sowie ihre Konsequenzen oft schon lange bevor sie sichtbar werden, “unsichtbar” wirken. Eine Tatsache, die man bei der aktuellen politischen Lage nicht aus den Augen verlieren sollte.

Kommentieren Sie den Artikel


Please enter your comment!
Please enter your name here