Wenn man den neuen Stephen King mit in den Urlaub nimmt, hat man gleich mehrere Romane im Gepäck: einen Krimi, eine Horrorgeschichte, einen Gesellschaftsroman mit politischen Versatzstücken, eine Kleinstadt-Erzählung und eine esoterische Abhandlung über paranormale Phänomene. Das vereinfacht doch die Entscheidung bei der Wahl des Literaturgenres ungemein!

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Eine Leseprobe gibt es hier als PDF.

Von Gil Max

Im Stadtpark der fiktiven Ortschaft Flint City im Bundesstaat Oklahoma wird die geschändete Leiche eines elfjährigen Jungen gefunden. Der Mörder steht bereits auf der allerersten Seite fest: ein unbescholtener Bürger namens Terry Maitland. Dieser Mann ist ein allseits beliebter Englischlehrer und Coach der lokalen Baseball-Mannschaft; er ist verheiratet und hat zwei kleine Töchter.

Da Augenzeugen und Spurensicherung zufolge kein Irrtum möglich ist, lässt ihn Detective Ralph Anderson, dessen Sohn von Maitland trainiert wurde, in aller Öffentlichkeit festnehmen und stellt ihn damit an den Pranger. Nach der Obduktion des Leichnams verfügt die Anklage sogar über eindeutige DNA-Beweise, als die Gegenseite zum großen Paukenschlag ausholt und ein Alibi des mutmaßlichen Täters vorlegt, das ebenso unwiderlegbar ist.

Warum man das Buch im Urlaub lesen sollte:

1. Wann hat man sonst schon Zeit, sich mit einer Allegorie auf verborgene moralische Konflikte zu beschäftigen?

2. Man kann die Geschehnisse zeitgleich zur Realität verfolgen: Der Plot beginnt am 14. Juli und endet am 21. September.

3. Falls es sich um einen Familienurlaub handelt, kann man dem überdrehten Nachwuchs, der für den „Kropemann“ nur noch ein müdes Lächeln aufbringt, mit El Cuco drohen, der unartige Kinder in seinem Sack verschleppt und sie frisst.

Aus diesem Paradox speist sich in der ersten Hälfte des Buches eine überaus spannende Kriminalgeschichte. Während dieser „Whodunit“-Phase steht jede Romanfigur und mit ihr der Leser immer wieder vor der Gretchenfrage: „Wie kann sich ein Mensch gleichzeitig an zwei verschiedenen Orten aufhalten?“ Das macht der Autor sehr geschickt, weil alle Figuren minutiös charakterisiert werden und sich so glaubwürdig ihrer Romanfigur entsprechend verhalten, dass man als Leser Verständnis für jede einzelne aufbringt. Jedes menschliche Schicksal wird so überzeugend dargestellt, dass man mit allen mitleidet, sogar mit dieser Pfeife von Staatsanwalt.

Schizophrene Innenperspektive

Meisterhaft hat King zu diesem Zweck die personale Erzählweise gewählt und ändert die Perspektive alle paar Seiten, sodass man ständig in der Gedankenwelt der einzelnen Protagonisten hin- und hergerissen wird, ohne dass der Autor als allwissender Erzähler Kommentare abgibt oder Rückblenden und Vorwegnahmen mit dem Leser teilt. Nein, man erhält während der Lektüre nur das Hintergrundwissen, das sich die einzelnen Figuren selbst erarbeitet haben. Das ist unglaublich spannend.

Darüber hinaus hat der Autor gründlich recherchiert. Er weiß, wie Polizeiarbeit funktioniert und kennt sich mit juristischen Prozeduren aus. Auch das Leben in den beiden erfundenen Kleinstädten Flint City und Cap City wird sehr glaubhaft porträtiert. Wie immer bei King nimmt der Horror in kleinen Ansiedlungen von Menschen, die sich kennen, seinen Lauf.

Abneigung gegen den Präsidenten

Seine Abneigung gegen Trump kann der Autor in diesem Umfeld ebenfalls genüsslich zur Schau stellen. An unangenehmen Orten inmitten unangenehmer Menschen finden sich immer Trump-Slogans, wie auf einem Felsbrocken, nicht weit von einem verwahrlosten Friedhof und dem eigentlichen Ort des Grauens entfernt („Trump – Make America great again“). Eine Krankenschwester, welche die Ermittler schließlich auf die richtige Spur bringt, fährt hingegen einen VW Käfer mit dem Aufkleber „Ich bin für Hillary“, obwohl der Sticker, wie es augenzwinkernd heißt, bereits verblasst ist.

Ein amerikanischer Kritiker ist sich sogar sicher, „Der Outsider“ sei ein Roman über „alternative Fakten“. Trumps Beraterin Callyanne Conway hat bekanntlich diesen Nonsens-Begriff geprägt, der in Deutschland zum Unwort des Jahres 2017 gewählt wurde. Sogar mit einer Prise Humor hat King schließlich seine Geschichte versehen, wenn auch Humor der eher schwarzen Sorte. Trotz aller Tragik ist die Szene, in der die Mutter des toten Jungen nach der Trauerfeier überschnappt, ehe sie einen Herzinfarkt erleidet, köstlich geschildert.

„Sie lachte wie ein überdrehtes Mädchen beim Fangenspielen und rannte auf eine der Ablagen zu. Dort packte sie mit beiden Händen eine Schale Lasagne – mitgebracht von einer Jüngerin von Pfarrer Brixton – und stülpte sie sich umgedreht auf den Kopf.

Als Nächstes grapschte sie sich eine Tupperdose mit Marshmallowpudding und hob sie in die Höhe, ließ sie jedoch gleich wieder zwischen ihre Füße fallen. Ihr Lachen verstummte. Sie griff sich mit einer Hand an die voluminöse linke Brust, (…) während sie ihre weit aufgerissenen Augen auf ihren Mann richtete. Diese Augen, dachte Fred. Die sind es, in die ich mich damals verliebt habe.“

Der zweite Teil des Romans mutiert dann zu einer typischen Horrorstory à la Stephen King und wenn man wenig am Hut hat mit übernatürlichen Elementen und das alles doch eher doof als furchterregend findet, kann die Lektüre der 750 Seiten gegen Ende doch leicht ermüden. Allerdings ist dieser Teil auch gespickt mit geistreichen Verweisen auf Edgar Allen Poe und Guy de Maupassant sowie treffenden Metaphern, wie die immer wiederkehrende von der Zuckermelone voller Maden. Wohl bekomm’s!

1 Kommentar

  1. Es ist nicht das neueste Buch sonder das letzte Buch, da das neue im September herauskommt. Der Outsider erschien bereits 2018.
    Ansonsten stimmt die Beschreibung.

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