Seit dem politischen Wechsel in der Südregion und der Vergabe des Labels kommt die Europäische Kulturhauptstadt nicht zur Ruhe. Nach einer größeren Polemik im Dezember 2017 schien es, als sei das Projekt Esch 2022 endlich auf dem “rechten” Weg angekommen. Doch dem ist nicht so. Zu groß scheint der Graben zwischen den apollinischen und dionysischen Kräften im Süden. Der Escher Bürgermeister und Vorsitzende der Esch 2022 asbl., Georges Mischo, setzt im Tageblatt-Interview auf Angriff und grätscht die beiden Koordinatoren bereits im Vorfeld der Versammlung, die am Mittwoch im Escher Stadttheater stattfindet.

Tageblatt: Der Escher Schöffenrat hat am Wochenende die Route der Industriekultur im Ruhrgebiet besucht. Was haben Sie dabei gelernt?

Georges Mischo: Diese Reise war schon seit längerem geplant. Wir wollten uns ansehen, was man mit Industriegebäuden alles machen kann. Wir haben herausgefunden, dass das Ruhrgebiet viele finanzielle Mittel über das EU-Förderprogramm “European Route of Industrial Heritage” (ERIH) erhalten hat. Weder der Schöffenrat noch die Gemeindedienste kannten dieses Programm. Ich habe unseren Stadtarchitekten damit beauftragt, sich mit den Verantwortlichen dieses Programms in Verbindung zu setzen.

Haben Sie die Gebläsehalle auf Belval mittlerweile auch besichtigt?

Ich hatte mich ja kürzlich gewundert, wo dieser Aktivismus zur Erhaltung der Gebläsehalle auf einmal herkommt. Daraufhin habe ich die Initiative ergriffen und den “Service des sites et monuments nationaux” um eine Besichtigung der Halle gebeten, damit ich mir ein Bild davon machen kann. Ich war vorher nie dort gewesen. Ich verstehe nicht, wieso die Gebläsehalle nicht in den Masterplan miteinbezogen wurde, als die Brache entwickelt wurde. Da können wir aber jetzt nichts mehr dran ändern.

Welchen Eindruck hat die Gebläsehalle bei Ihnen hinterlassen?

Ich verspüre jetzt nicht das Bedürfnis, die Halle abzureißen. Ich habe aber auch gemerkt, dass sie nicht in einem Top-Zustand ist. Alleine von der Zeit her weiß ich nicht, ob es reicht, sie bis 2022 komplett zu renovieren. Es bleibt noch viel zu tun.

Verglichen mit ähnlichen Gebäuden in Essen finde ich es schade, dass die Gebläsehalle schon so lange nicht mehr genutzt wird. Je länger sie brachliegt, desto mehr geht kaputt. Wenn wir die Gebläsehalle jetzt in Angriff nehmen, wird uns das natürlich viel Geld kosten.

Als Alternative zu einer Komplettsanierung liegt ein sogenanntes “Box in the box”-Projekt vor, bei dem nur das Dach stabilisiert werden müsste. Wäre das eine Möglichkeit?

Ich glaube, dass dies die einzig realistische Methode ist, um bis 2022 fertig zu werden.

Seit die Jury am 10. November der Stadt Esch und der Südregion das Label ECoC 2022 verliehen hat, ist es ruhig geworden um die Kulturhauptstadt. Viele Kunstschaffende wollen ehrenamtlich mitarbeiten, doch sie sind enttäuscht, dass es nicht vorangeht. Woran liegt es?

Einerseits ist die Meinung, dass die Kulturhauptstadt scheitern wird, kompletter Blödsinn. Letzte Woche hat ein Freund mich gefragt, ob das überhaupt noch etwas werden kann, doch das kann ich nur bejahen. Ich weiß auch nicht, wo diese Stimmung herkommt.

Andererseits gibt es Dinge, die mich wütend machen. Der Mann einer Ex-Schülerin von mir, der bereits beim Kulturjahr 2007 geholfen hat, hat mich vergangene Woche angeschrieben. Er hat telefonisch und per Mail versucht, die Koordinatoren Janina Strötgen und Andreas Wagner zu erreichen, um sich als Ehrenamtlicher zu bewerben, doch er hat keine Antwort bekommen. Das kann doch nicht sein. Pro Woche treten vier bis fünf Leute aus dem gleichen Grund an mich heran. Sie versuchen, die beiden zu erreichen, doch sie bekommen nicht einmal eine Bestätigung, dass ihre Mail angekommen ist. Es ist nicht die Aufgabe des Verwaltungsratspräsidenten, den Kontakt zwischen Ehrenamtlichen und den Koordinatoren herzustellen. Das möchte ich unbedingt mit den beiden besprechen.

Angeblich haben Janina Strötgen und Andreas Wagner seit zwei Monaten kein Gehalt mehr bekommen. Hat das etwas damit zu tun?

Das ist ganz einfach zu erklären. Erst einmal stand ein fünfstelliges Defizit aus dem Jahr 2017 offen. Danach mussten wir auf die Konvention von vier Millionen Euro mit dem Staat warten und der Escher Gemeinderat musste über eine Konvention von einer Million Euro abstimmen. Die Konvention mit dem Staat konnte aber erst unterzeichnet werden, nachdem die Statuten geändert wurden, was auf der ordentlichen und außerordentlichen Generalversammlung am 13. März passiert ist. Die Million von der Stadt Esch, die am 12. Januar vom Gemeinderat angenommen wurde, musste erst noch vom Innenminister genehmigt werden.

Bis dahin mussten noch offene Rechnungen beglichen werden. Ich bin am Montag als Verwaltungsratspräsident zur Sparkasse gepilgert, um die Miete für das Lokal in der Alzettestraße zu überweisen. Wir haben versucht, bei der Sparkasse eine Kreditlinie zu beantragen, doch auch das geht nicht an einem Tag. Erst muss der Kredit schriftlich beantragt werden, danach muss er vom Bankenvorstand bewilligt werden, dann muss er vom Präsidenten und den Vizepräsidenten der Esch 2022 asbl. unterzeichnet werden. Das ist ein mühseliger Prozess, der Tage und Wochen dauert.

Die Löhne sind inzwischen aber überwiesen, die Mieten und Rechnungen auch.

Wie sieht es denn mit der geplanten Vertragsverlängerung der Koordinatoren aus, die ja eigentlich im Juni einen unbefristeten Arbeitsvertrag erhalten sollten?

Es wurde noch keine Entscheidung getroffen.

Im November hatten Janina Strötgen und Andreas Wagner die Einstellung eines Finanzdirektors und eines Buchhalters gefordert. Wurde diese Forderung erfüllt?

Auf der Generalversammlung am 13. März wurde der Verwaltungsrat erweitert. Wir haben jetzt jeweils einen Vertreter des Finanz-, Tourismus-, Außen- und Nachhaltigkeitsministeriums sowie zwei Vertreter des Kulturministeriums aufgenommen. Der Vertreter des Finanzministeriums wird künftig die Konten im Auge behalten.

Das heißt, dass ein Mitglied des Verwaltungsrats die Finanzen verwaltet, doch niemand dafür eingestellt wurde?

Wir haben indirekt jemanden eingestellt. Wir haben einen Buchhalter damit beauftragt die Konten von 2017 zu überprüfen. Dann haben wir einen zweiten Wirtschaftsprüfer gebraucht, um die Kontrolle der Kontrolle zu machen. Beide Firmen wurden jeweils auf Anraten von Roberto Traversini und Dan Biancalana ausgewählt. Diese beiden “Fiduciaires” übernehmen nun auch die Finanzverwaltung und haben Einblick in die Konten.

Janina Strötgen und Andreas Wagner haben mittlerweile auch selber eingesehen, dass sie Probleme damit haben, ein Budget aufzustellen.

Wie meinen Sie das?

Ich habe von Anfang an gesagt, dass ich als Präsident der Asbl. keinen Einfluss auf kulturelle Inhalte haben will. Ich kann das auch gar nicht. Ich kann sagen, dass ich die eine Pflanze schön finde und die andere nicht. Was ein Künstler dahinter sieht, darüber kann ich nicht mitreden.

Ich kann aber mitreden, wenn die Koordinatoren mir einen Kostenvoranschlag einreichen und mir einen Betrag nennen, und dahinter sind noch eine ganze Reihe von Aufgaben, die von der Gemeinde übernommen werden sollen. Das kostet auch Geld. Und das stellt ein Problem dar.

Wir hatten letzte Wochen noch eine Versammlung bis in den späten Abend, wo sie auch zugegeben haben, dass sie sich mit Finanzen nicht gut genug auskennen. Deshalb sollen sie die Dinge in Zusammenarbeit mit der Asbl. wieder zurechtbiegen.

In anderen Kulturhauptstädten arbeiten bis zu zehn Personen in der Koordination. Sind mittlerweile andere Mitarbeiter eingestellt worden, um die beiden Koordinatoren zu unterstützen?

Es ist die Aufgabe der Koordinatoren, sich ein Team zusammenzustellen. Ich habe ihnen angeboten, dass sie auf die Hilfe des Personalbüros der Stadt Esch zurückgreifen können, um Stellen auszuschreiben. Doch der Impuls muss von Janina Strötgen und Andreas Wagner kommen. Ich will ihnen nicht vorschreiben, wen sie noch alles einstellen müssen.

Die Koordinatoren haben eine Kostenaufstellung in Höhe von 4.965.000 Euro für dieses Jahr eingereicht. Sie haben fünf Millionen zur Verfügung. Dann bleibt ein Puffer von 35.000 Euro. Das ist ja wirklich gar nichts. Es braucht nur etwas schiefzulaufen, dann sind sie wieder im Defizit.

Im Gegensatz zur Kulturhauptstadt 2007 wird der Verwaltungsrat von Esch 2022 von vier Politikern angeführt. Sie sind Präsident, Dan Biancalana und Roberto Traversini sind Vizepräsidenten und Pim Knaff ist Kassenwart. Ist diese Dominanz der Politik in einem Wahljahr wie diesem angebracht?

In den Statuten der Esch 2022 asbl. steht, dass dem Escher Bürgermeister der Präsidentenposten zusteht und der Kulturschöffe von Amts wegen auch Mitglied des Verwaltungsrats ist. Dass Pim Knaff nun Kassenwart ist, sehe ich eigentlich nicht als Problem.

Ich finde es sogar gut, dass Vertreter der vier großen Parteien im Verwaltungsrat vertreten sind. Im Dezember hatte ich die Initiative ergriffen, regelmäßige Treffen mit den Bürgermeistern der Südgemeinden zu organisieren. Auch in diesem Rahmen hat sich bislang keiner daran gestört oder damit gedroht, aus dem Projekt auszusteigen. Es wird keine Parteipolitik gemacht. Das finde ich ganz positiv nach allem, was nach den Gemeindewahlen in den Schöffenräten und Gemeindesyndikaten passiert ist.

Der einzige der elf Bürgermeister, der bislang noch nicht fest mit im Boot sitzt, ist der Käerjenger Bürgermeister Michel Wolter.

Nach der Polemik um die Vertragsverlängerung von Janina Strötgen und Andreas Wagner wurde im Dezember 2017 angekündigt, dass neben dem Verwaltungsrat noch ein zweites, unabhängiges Gremium geschaffen werde, das sich ausschließlich mit künstlerischen Fragen beschäftigen soll. Hat sich in dieser Hinsicht etwas getan?

Am Mittwoch soll dieses sogenannte “Comité de suivi” zusammengestellt werden, das sich, anders als der Verwaltungsrat, jede Woche treffen soll. Andreas Wagner wird in der Versammlung mit dabei sein.

Ich werde mich nicht in die Zusammenstellung dieses Komitees einmischen, auch wenn wir nicht egal wen da aufnehmen können.

Ganz positiv finde ich, dass Robert Garcia als Vertreter der Zivilgesellschaft nun auch Mitglied der Esch 2022 asbl. ist.

Laut Bidbook sollte das Projekt “x-mal Mensch Stuhl” von Angie Hiesl und Roland Kaiser schon in diesem Jahr beginnen. Angeblich wurde es aber inzwischen auf Eis gelegt. Aus welchen Gründen?

Ich wüsste gerne, was dieses Projekt kosten soll. Aber die Koordinatoren können es mir nicht sagen. Sie können mir nicht sagen, mit welchem Transportmittel die Künstler anreisen und wo sie logiert werden. Die Höhe der Ausgaben hängt aber nun einmal davon ab, ob jemand mit dem Zug oder mit dem Flugzeug anreist und ob er in der Jugendherberge oder im Hotel schläft. Das Material soll die Gemeinde in Köln abholen, doch die Gemeindefahrzeuge dürfen Luxemburg nicht verlassen. Die Proben sollen im Ariston stattfinden, doch das Ariston gehört der Gemeinde nicht, dann müssen wir bezahlen. Bei dem Projekt sind 17 Punkte aufgelistet, bei denen kein Preis aufgeführt ist.

Hinzu kommt, dass “x-mal Mensch Stuhl” im Rahmen der “Nuit de la culture” aufgeführt werden soll. Doch die beiden Einzigen, die nicht an der Versammlung zur Organisation der “Nuit de la culture” dabei waren, sind Janina Strötgen und Andreas Wagner. Das soll mir mal einer erklären.

Es scheint, als gäbe es Kommunikationsprobleme zwischen den “Künstlern” auf der einen Seite und den “Verwaltern” auf der anderen Seite. Bräuchte es nicht jemanden, der eine Vermittlerrolle einnehmen kann?

Die Koordinatoren haben ein Büro beim “Service culture” der Stadt Esch in der “Maison Mousset”. In den letzten Monaten waren sie nur einmal dort anwesend. Der Leiter des “Service culture”, Ralph Waltmans, ist für sie da. Sie brauchen ihn nur anzurufen. Das ist nicht böse gemeint, aber ich komme mir bei den Koordinatoren manchmal so vor, als ob ich mit Schülern reden würde. Wenn ich ihnen sage, was sie tun sollen, dann machen sie es. Das ist aber ziemlich anstrengend.

Ein Kritikpunkt der Jury bei der Vergabe des Labels war, dass es in der Südregion nicht genug Unterkunftsmöglichkeiten für Reisende gebe. Gibt es schon Pläne, wie man das ändern könnte?

Die Mitarbeiter des ORT Sud haben sich deswegen bei den Koordinatoren gemeldet, doch denen haben sie auch nicht geantwortet. Wir wissen natürlich, dass wir in den nächsten vier Jahren keine Hotels aus dem Boden stampfen können. Als Gemeinde haben wir die Escher Jugendherberge bereits darauf angesprochen, dass 2022 mit viel Zulauf zu rechnen sei. Doch auch das muss geplant werden.

Es ist ja aber nicht Aufgabe der Koordinatoren, auch noch Hotels zu bauen …

Nein. Aber es muss gemeinsam geplant werden. Viele Möglichkeiten haben wir im Süden nicht. Wir haben auch schon die Stadt Luxemburg darauf angesprochen, dass wir ihre Hilfe benötigen. In Esch haben wir ein Dutzend kleinere Hotels. Wenn wirklich viele Leute kommen, wird das nicht reichen.

Könnte das Unesco-Programm “Man and Biosphere”, in das die Südregion aufgenommen werden soll, Abhilfe schaffen?

Das könnte eine Möglichkeit sein.

Am Mittwoch findet eine Versammlung statt, auf der das Projekt noch einmal allen Gemeinderäten vorgestellt werden soll (►Link). Was erwarten Sie sich davon?

Viele Ratsmitglieder insbesondere in den kleineren Gemeinden wissen noch nicht genau, worum es bei Esch 2022 geht. Wenn sie von den Bürgern auf der Straße darauf angesprochen werden, müssen sie die Informationen richtig weitervermitteln können. Das Schlimmste, das passieren könnte, wäre, wenn die Leute auf einmal sagen würden, dass wir zwar die Alzettestraße nicht renovieren, dafür aber zehn Millionen Euro in die Kultur investieren. Diese Diskussion dürfen wir nicht beginnen, denn sonst ist die Kulturhauptstadt gestorben.

Wurden auch die politischen Vertreter aus den französischen Gemeinden eingeladen?

Ja. Aber ich weiß nicht, wie viele Räte kommen.

 

Weiterführende Links:

Janina Strötgen und Andreas Wagner werden sich heute den Fragen der Gemeinderäte stellen. (► Link)

2 Kommentare

  1. Hmmm… klare Aussagen zumindest. Aber ich denke nicht, dass Generalkoordinator und künstlerische Leiterin für ALLES zuständig sein können und schon gar nicht sollen. Die brauchen Mitarbeiter. Nur ein CDD für 6 Monate, Rückstand beim Gehalt: da kommt wohl dazu, dass die Motivation schon mal schwinden kann. Wie soll man Mitarbeiter finden und überreden, für einen zu arbeiten, wenn man nicht mal deren Gehalt garantieren kann??? Wie im Dezember wird man den Eindruck nicht los, dass hier politique politicienne im Vordergrund steht und sonst nichts. Traurig.

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