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Große Visionen, alles „unverbindlich“: Zur Bilanz von Energieminister Claude Turmes

Die konkrete Bilanz von Energieminister Claude Turmes bleibt zur Halbzeit der Regierung recht dürftig. Doch ist der grüne Ideologe Meister in großen Ankündigungen. Zur Versorgung des Landes gaukelt er nunmehr den Bau einer „Energie-Insel“ herbei.

Große Visionen, alles „unverbindlich“: Zur Bilanz von Energieminister Claude Turmes

Foto: Editpress/Julien Garroy

Mitten in der Nordsee, 80 Kilometer vor der nächstgelegenen Küste Dänemarks, soll bis 2030 eine künstliche Insel entstehen. Geschätzter Kostenpunkt: 28 Milliarden Euro. Zum Vergleich: Der Luxemburger Staatshaushalt für 2021 liegt bei 19,5 Milliarden Euro.

Das energetische Eiland soll als Schaltzentrale für mehr als 200 Windräder dienen, die bis zu 10 Millionen europäische Haushalte mit „sanfter“ Energie versorgen könnten.

Das entspräche, so Turmes, der anderthalbfachen Leistung von Cattenom. Was angesichts des Aufwands eher für Cattenom spricht.

Die „Energie-Insel“ ist ein Projekt der dänischen Regierung. Mit seinen über 7.000 km Wind-umwehten Küsten war Dänemark ein Vorreiter der Windenergie. Das Land schuf 1991 den weltweit ersten Windpark auf hoher See.

Für die Dänen, die wenig energetische Ressourcen haben, ist die Nutzung der Windkraft sehr sinnvoll. Besonders auf See weht der Wind beständiger und kräftiger als auf dem Festland. Dänemark liefert übrigens seine Überschüsse im Rahmen eines Staatsvertrages an Schweden. Das seine eigene Energieversorgung optimal steuern kann, da die Schweden per Knopfdruck über saubere Wasserkraft sowie Kernenergie verfügen. Die wiederum als Backup für die Dänen dienen, falls dort plötzlich Windflaute aufkommt.

Das skandinavische Versorgungsmodell ist leider nicht so einfach auf Luxemburg zu übertragen. Eine Direktleitung von der dänischen Energie-Insel nach „Turmes-Land“ ist auszuschließen. Bleibt nur der traditionelle Weg über das europäische Verbundnetz, aus dem unser Land ohnehin praktisch 90% aller benötigten elektrischen Energie bezieht. Welche Elektronen im europäischen Strom-Mix durch Wind, Solar, Wasser, Kohle oder Nuklear hergestellt wurden, ist nicht herauszufinden.

Es gab öfters schon hochfliegende Pläne über eine Beteiligung unseres Landes an Windkraft-Anlagen im Meer. Energieminister Jeannot Krecké erwog schon vor einem Dutzend Jahren eine Beteiligung an entsprechenden Benelux-Projekten.

Auf dem Papier vielversprechend, doch in der Realität kaum zu finanzieren und auf wütende Widerstände stoßend. Etwa das Projekt von 46 Windrädern vor den Dünen von Dünkirchen bis hin zu Flanderns Küste. Leider eine Natura-2000-Schutzzone für Wandervögel.

46 Eiffeltürme

Problematisch ist, dass die Windkraft-Anlagen immer höher, immer mächtiger werden. Die amerikanische General Electric produziert beispielsweise bei Cherbourg die Haliade-X-Windturbinen, deren drei Windflügel je 107 Meter lang sind. Was zu 260 Meter hohen Windgiganten führt. Der Eiffelturm in Paris kulminiert bei 312 Metern. „Non à 46 Tours d’Eiffel devant Dunkerque“ ist der Schlachtruf der Gegner des Projektes.

Die ökologische Bilanz der Windkraft ist nicht so positiv, wie Turmes und Co. posaunen. Der Bau der Anlagen verschlingt viele Tonnen Beton und Stahl, deren Herstellung nicht CO2-frei ist. Vor allem werden die Windflügel aus nicht recyclebaren Kompositen gefertigt. Haben die Rotoren nach spätestens 15 Jahren ausgedient, werden sie unter der Erde verscharrt. In Casper im US-Bundesstaat Wyoming entstand so ein riesiger „Friedhof“ für mehrere Tausend „entsorgte“ Rotoren.

Zudem benötigt die Windenergie Unmengen an seltenen Erden. Allein schon um die bei der Elektrizitätsgewinnung erforderlichen Magnete funktionsfähig zu erhalten.

Die internationale Energie-Agentur legte im Mai 2021 einen Bericht vor, laut dem die energetische Transition zu erneuerbaren Energien sowie zu immer mehr Elektro-Autos bis zum Horizont 2040 riesige Anstrengungen bei der Gewinnung von seltenen Erden und Mineralien erfordere. Fotovoltaik, Windkraft, leistungsfähigere Batterien würden in den kommenden 20 Jahren die Produktion von 40% mehr Kupfer, 40% mehr seltenen Erden, 60-70% mehr Nickel, Kobalt oder Lithium erfordern. Deren Gewinnung ökologisch nicht neutral ist.

„Verspargelung“ als neuer Horizont?

Windparks im Meer mögen zwar für Menschen zu keiner Geräuschbelästigung führen. Deren Auswirkungen auf Vögel und Fische bleiben dennoch bedenklich. Jedenfalls wehren sich überall die Fischer und die Naturschützer gegen den Ausbau von Windkraft-Anlagen. Im Meer und an Land.

In Luxemburg scheiterte die „Verspargelung“ natürlicher Räume schon öfters an Bürgerinitiativen.

In einer öffentlichen Stellungnahme schrieb 2018 die „natur&ëmwelt asbl“ unter dem Titel „Windkraft auf Kosten der Natur?“, man könne bei allem Verständnis für „die Weiterentwicklung von Anlagen zum Erzeugen von erneuerbaren Energien“ nicht „den Klimaschutz auf Kosten des Naturschutzes vorantreiben“. Die Naturschützer forderten, dass solche Anlagen zumindest während der Brutzeit gefährdeter Arten, etwa dem Rotmilan, von Mitte März bis Mitte August abzuschalten seien. Was der Produktivität und Rentabilität der Anlagen nicht dienlich wäre.

Die deutschen Grünen streben laut kürzlich verabschiedetem Wahlprogramm eine stetige Ausweitung der Windenenergie an. Ziel: Bis 2035 sollen 5 bis 6 Gigawatt Strom zusätzlich durch Windkraft-Anlagen produziert werden. Problematisch bleibt bloß, dass die Zahl der dafür erforderlichen Windmühlen laut FAZ eine Fläche belegen würde, die größer als das Saarland (oder Luxemburg) wäre.

Deutsche Wissenschaftler haben überdies ermittelt, dass zu große Konzentrationen von Anlagen deren Produktivität mindern, da drehende Windflügel Turbulenzen hervorrufen, die gewissermaßen einen „Windschatten“ für benachbarte Mühlen produzieren.

Welche Auswirkungen solche die Produktivität mindernden Turbulenzen auf die 200 Anlagen von Herrn Turmes’ „Trauminsel“ haben würden, bleibt offen.

Jedenfalls scheint sich unser rühriger Energieminister seiner Sache nicht ganz sicher zu sein. Er unterzeichnete zwar mit seinem dänischen Amtskollegen ein feierliches Abkommen. Dieses besitzt jedoch nur den Status einer „unverbindlichen Vereinbarung“.

„Unverbindlichkeit“ ist der Tenor der Energie- und Umweltpolitik des Claude Turmes. In seinen Jahren im Europäischen Parlament war er ein Meister der großen Sprüche. In der Regierungsverantwortung hapert es jedoch beim Umsetzen. Die große Klappe ist zwar geblieben. Ambitiöse Ziele werden angekündigt. 49% Elektromobilität bis 2030. Die für das Jahr 2020 angekündigten 40.000 E-Fahrzeuge sind bis heute noch nicht erreicht. Die dazu gehörenden 800 Schnell-Ladestationen ebenfalls nicht.

Der Minister weiht zwar feierlich jedes Dach ein, auf dem Fotovoltaik-Panels angebracht werden. Doch in einem Land, in dem von 8.760 Stunden im Jahr die Sonne weniger als 2.000 Stunden voll nutzbar ist, bleiben wir immer auf Importe angewiesen. Allein um die Stromversorgung aufrechtzuerhalten, wenn es Nacht ist oder Windflaute herrscht.

Creos will deshalb die aus Deutschland kommende, wichtigste Hochspannungsleitung von 220 Kilovolt auf 380 Kilovolt verstärken. Was den Bau zusätzlicher Hochspannungsleitungen und -Masten erfordert. Die betroffenen Gemeinden wehren sich. Der Minister schweigt zu den Sachfragen. Schwelgt jedoch in großen Visionen.

Aber „unverbindlich“!!!

* Robert Goebbels ist ehemaliger LSAP-Minister und Europaabgeordneter

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