Bitte einsteigen!

„Es ist ja ziemlich kaputt hier“: Mobilitätsexpertin Katja Diehl über Luxemburg

Katja Diehl ist eine streitbare Aktivistin für die Verkehrswende. Was die Mobilitätsexpertin aus Deutschland von der Situation in Luxemburg hält, verriet sie dem Tageblatt im Interview.

Katja Diehl im Cercle Cité

Katja Diehl im Cercle Cité Foto: Editpress/Fabrizio Pizzolante

 

 

„Bitte einsteigen!“

So heißt unsere Artikelserie zum öffentlichen Personenverkehr in Luxemburg. Das Tageblatt beleuchtet mit Interviews, Selbsttests und Analysen alle denkbaren Aspekte des öffentlichen Transports, um in den nächsten Wochen herauszufinden, wie gut Bus, Zug und Co. im Großherzogtum funktionieren. Teil fünf ist ein Blick auf Luxemburg von der deutschen Mobilitätsexpertin Katja Diehl, die Ende 2022 im Land war und dem Tageblatt ein Interview gab.

Katja Diehl, Sie waren den ganzen Tag in Luxemburg unterwegs. Wie war Ihr Eindruck in Sachen Mobilität?

Eure neue Tram ist fantastisch, vor allem was Barrierefreiheit und Ausgestaltung angeht. Aber man merkt, dass ihr noch nicht an die Wurzeln rangeht, an den Privilegien vom Auto habt ihr nicht viel verändert. Ich musste heute sehr früh aufstehen, wurde abgeholt und stand im Stau. In den teuren, großen Autos saß meistens nur eine Person. Natürlich weiß ich um die Pendlersituation, aber innerhalb der Hauptstadt würde ich ums Verrecken nicht mit dem Auto fahren. Also die standen, standen und standen. Das ist für mich immer das Faszinierende, dass dieser Verlust an Zeit überhaupt keine Rolle spielt. Wenn ich in den Zug einsteige, dann ist es meine Zeit, denn ich werde ja gefahren. Ich verstehe also nicht, warum es nicht zumindest in Richtung Fahrgemeinschaften geht.

Das Problem ist zudem, dass für mich die Automobilität etwas ist, was die Freiheit der anderen beschränkt. Sie verschafft dir vielleicht die Lösung für deine Mobilitätsprobleme, aber sie nimmt Raum weg. Ich bin später mit einem Fernsehteam durch die Stadt gegangen und wir mussten fast drei Kilometer laufen, um leise Plätze für die Aufnahmen zu finden. Der Tonmann ist fast ausgeflippt. Auf der anderen Seite waren die Leihräder heute Morgen alle weg, das heißt, sie werden gut angenommen. Also merkt man schon, dass da etwas in Bewegung ist, aber wie so oft im Leben hat der Fortschritt mit den handelnden Personen zu tun.

Sie haben den Zeitverlust im Stau angesprochen. Es ist aber auch der Zeitverlust, den die Menschen als Argument nehmen, wenn sie auf das Auto und nicht auf den öffentlichen Transport zurückgreifen. Vor allem, wenn sie auf dem Land wohnen …

Entschuldigen Sie mich, wenn ich ganz kurz einschlafe ... Ich sehe auch im ländlichen Raum, wer mit dem Auto wohin fährt. Ich weiß nicht, wie es hier ist, aber in Deutschland sind 10% der Wege im Auto im ländlichen Raum unter einem Kilometer lang. Und 50% unter fünf Kilometer. Nehmen Sie den Freizeitverkehr: Die Kinder müssen in den besten Fußballverein, das will ich gar nicht kritisieren. Aber das wird natürlich nur durchs Auto möglich und dann werden die Wege immer weiter, aber nicht die Anzahl der Wege. Gerade Kinder sind ja ein Grund, aufs Land zu ziehen, aber die hocken dann im Auto und werden gefahren, anstatt dass sie ihre Ziele selber erreichen können. In Deutschland sind nur noch 45% der Kinder täglich draußen.

Sie haben von der Wurzel des Problems gesprochen, was genau meinen Sie damit?

Die Autoprivilegien. Auf Raum, auf eigene Fahrspuren. Dass immer gesagt wird, die Autos werden doch immer sicherer und immer größer. Es ist ja schön und gut, dass die sich hochrüsten, aber für die Menschen außerhalb des Autos ist das gefährlich, v.a. für kleinere Menschen. Die Privilegien des Autos existieren schon so lange, dass das von Autofahrern als ein Recht missgedeutet wird. Ich weiß nicht, wie viel an einem Auto wirklich Mobilität ist und wie viel Statussymbol, eigenes Wohnzimmer usw. Manche Menschen haben zwischen Job und Familie die einzige Zeit für sich im Auto. Manche fahren deshalb vielleicht sogar absichtlich in den Stau.

Fehlt den Politikern der Mut, an der Vormachtstellung des Autos zu rütteln?

Ich wurde mal auf einem Panel gefragt, wo eigentlich die größte Möglichkeit zur CO₂-Ersparnis ist. Da habe ich geantwortet: In Führungspersonen, die das Pariser Klimaziel ernst nehmen. Das ist ein Vertrag. Den haben wir unterschrieben, also müssten wir ja eigentlich auch danach handeln. Wenn man sagt, wir müssen CO₂-neutral werden, müssen wir dann nicht Rad-, Fuß- und geteilte Mobilität fördern?

In Baden-Württemberg hat der Verkehrsminister den ÖPNV2030 ausgerufen. Er will auf dem Land einen Stunden- oder Halbstundentakt einführen, je nach Größe der Stadt. Dort, wo das nicht geht, will er ein Rufbussystem, also eine digitale Lösung ohne feste Haltestellen. Ich war bei der Vorstellung des Plans. Die ganzen Herren der Verkehrsunternehmen und Kommunen sagten: „Das ist aber ambitioniert!“ Bevor es also richtig losgeht, schon das große Wehklagen. Da hat der Minister gesagt: „Ja, natürlich ist das ambitioniert, aber wir haben Ziele. Sie können mir sagen, wir haben zu wenig Geld, aber fangt an, denn es ist nicht mehr soviel Zeit.“  Deutschland will bis 2030 die Zahlen im öffentlichen Verkehr verdoppeln. Ich kenne einen Mathematiker, der kennt sich mit exponentiellem Wachstum aus. Und der fragte: „Arbeitet ihr jetzt denn schon daran? Ihr müsst das jeden Tag steigern, damit 2030 die Verdopplung rauskommt.“ Den Willen sehe ich momentan in der Politik aber nicht, zumindest nicht in Deutschland. Solange der Bundesverkehrsminister mehr für die Straße als für die Schiene ausgibt, passt es nicht richtig.

In Luxemburg gibt es den nationalen Mobilitätsplan 2035. Hatten Sie Gelegenheit, sich damit zu beschäftigen und falls ja, was ist Ihr Eindruck davon?

Ich bin drübergeflogen, konnte aber nicht ins Detail gehen. Mein erster Eindruck ist, dass der Plan ziemlich konkret ist und nicht so schwammig wie in Deutschland. Ich hatte das Gefühl, dass auch der Weg dorthin vorgezeichnet wird. Es ist ja auch, ehrlich gesagt, schon kaputt hier. Und die Situation ist ja keine, die man so behalten will. Oft verstehen sogar die Leute nicht, die wirklich aufs Auto angewiesen sind, dass es auch ihnen besser geht, wenn Menschen umsteigen.

Der Plan ist, denke ich, systemisch gedacht. Es muss in der Stadt beginnen, das Angebot ist ja da. Und Luxemburg hat den Vorteil seiner Größe. Wenn also nicht hier, wo dann? Vielleicht wird ja irgendwann die Zeit zum neuen Statussymbol. Dass man also sagt: Ich muss mich zwar von A nach B bewegen, aber ich kann während dieser Zeit etwas machen.

2035 ist noch lange hin. Haben wir soviel Zeit?

Nein, es ist ja keine neue Erkenntnis, dass es nicht funktioniert. Autos im Privatbesitz sind ein Auslaufprodukt. Wenn heute jemand in eine Start-up-Show gehen und ein Auto präsentieren würde, dann würden die Juroren sagen: zweieinhalb Tonnen Stahl für eine Person und 45 Minuten am Tag? Nein, komm noch einmal rein und versuchs nochmal. Ich will damit sagen: Die Übermacht des Autos würde heute nicht mehr so stattfinden.

Welche Rolle spielt der öffentliche Transport dabei? Muss man ihn wie in Luxemburg gratis anbieten, um ihn als echte Alternative zum Auto zu etablieren?

Ich glaube nicht, dass es eine Sache des Preises, sondern der Einfachheit ist. Der Benutzer will sich nicht den Kopf zerbrechen, welches Ticket er braucht, welche Preisstruktur die günstigste ist. Das 9-Euro-Ticket hat in Deutschland gezeigt, dass Menschen mobil wurden, auch ärmere Menschen. Danach haben mich Leute angesprochen: „Katja, der Weg zu meiner Arbeit ist keine halbe Stunde, sondern nur eine Viertelstunde. Ich mach’ das jetzt mal öfters mit dem öffentlichen Transport.“ Wenn man also Vorurteile hat, dann ist der gratis Transport eine echte Einladung, es auszuprobieren.

Das ist Katja Diehl

Die am 17. September 1973 geborene Norddeutsche ist Mobilitätsexpertin, Schriftstellerin und eine bekannte Aktivistin für die Verkehrswende. Ihr 2022 erschienenes Buch „Autokorrektur – Mobilität für eine lebenswerte Welt“ schaffte es in die Spiegel-Bestsellerliste. Nicht erst seit dem Erscheinen des Buchs ist Katja Diehl zur Zielscheibe der Autolobbyisten geworden. Auf ihren Social-Media-Kanälen berichtet sie fast täglich über die Anfeindungen.

Spiegel-Bestseller: Das 2022 erschienene Buch „Autokorrektur“ 

Spiegel-Bestseller: Das 2022 erschienene Buch „Autokorrektur“  Foto: Editpress/Fabrizio Pizzolante

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