ForumAls Zwangsrekrutierter im Reich der Datenkrake

Forum / Als Zwangsrekrutierter im Reich der Datenkrake
 Foto: Editpress/Julien Garroy

Die Statistikbehörde Statec sammelt im Auftrag des Gesetzgebers Daten und gießt sie in Statistiken. Dem Vernehmen nach soll das mitunter sogar sinnvoll und nützlich sein. Doch erscheint der Umgang der Inquisitoren vom Amt mit denen von ihr zwangsrekrutierten Bürgern mehr als fragwürdig. Ein Erfahrungsbericht.

Am 2. Mai ist es mit meiner Freude am Frühling erst einmal gründlich vorbei. Im Briefkasten finde ich einen dicken Umschlag vom Statec, enthaltend einen auf drei Hefte aufgeteilten, 82-seitigen (!) Fragebogen, in der die amtliche Datenkrake von mir verlangt, dass ich vor ihr große Bereiche meines Privatlebens, insbesondere meines persönlichen Budgets, bis ins kleinste Detail offenlege: Nackter als jeder Regenwurm soll ich da am Ende vor denen stehen.

Ultimatum: 30. Mai, denn sonst setzt’s was.

Eines wird mir nämlich von vorneherein unmissverständlich klargemacht: Die Verweigerung der Teilnahme an dieser Umfrage steht aufgrund des sogenannten Statec-Gesetzes vom 10. Juli 2011 unter Strafandrohung.

Mir dämmert plötzlich, dass ich gerade vom Statec zwangsrekrutiert wurde.

Renitenten drohen laut diesem Gesetz (Artikel 14 & 15) übrigens Geldbußen von 251 bis zu 2.500 Euro, ja – und das ist dann doch wohl der Hammer – die Herausgabe der angeforderten Daten kann eventuell sogar von den behördlichen Sbirren mit einer Razzia in der Wohnung des Delinquenten manu militari erzwungen werden. Bisher hatte ich den Sitz des Statec auf Kirchberg verortet. Es scheint aber doch wohl eher Pjöngjang zu sein.

Die zu beantwortenden Fragen darf man dabei – um es mal wohlwollend zu formulieren – in Teilen als reichlich merkwürdig bezeichnen: So will der nationale Datenstaubsauger zum Beispiel allen Ernstes von mir wissen, wie viel ich im Lande des Gratis-ÖT für ein Bus- oder Zweitklasse-Bahnabo löhne (echt kein Witz!), oder was mir Gottlosem … Kruzifixe und Rosenkränze denn so wert sind?

Dabei werden doch wohl heutzutage wesentlich mehr Menschen Dildos und Buttplugs kaufen als Bondieuserien. Doch davon will das Statec nichts wissen. Könnte es etwa sein, dass bei denen die Dauerimmersion in dröge Datendeponien zur schleichenden Entfremdung von der Lebensrealität ihrer Mitmenschen führt?

Grober Unfug und Trappistenbier

Andere Fragen erwecken zumindest den dringenden Verdacht, als erfüllten sie den Tatbestand des groben Unfuges: Etwa, wenn das Statec von mir erfahren will, wie viel ich im abgelaufenen Halbjahr in den käuflichen Erwerb von Schnürsenkeln oder unmotorisierten Zahnbürsten investiert habe, und wie viele Euromünzen ich während der letzten vier Wochen in die gierigen Schlunde unersättlicher Parkautomaten versenkt habe?

Zudem wird mir befohlen, in einem dieser drei Hefte während zweier Wochen penibel genau Buch zu führen über meine Lebensmitteleinkäufe und meinen Konsum in der Gastronomie. Dass man dabei sogar angeben muss, ob man sich an Rot- oder Weißwein gelabt hat, nicht aber, ob man etwa ein herbes Pilsener einem würzigen Trappistenbier bevorzugt, offenbart dann auch noch die gravierenden kulturellen Defizite, unter denen dieses inquisitorische Sammelsurium zu leiden hat.

Schnell wird mir klar, dass ich, um alle darin gestellten Fragen gewissenhaft beantworten zu können, weit über eine Woche bei der Kompilation der dafür benötigten Dokumenten und deren anschließenden Auswertung zubringen würde.

Mein anfängliches Erstaunen über den Einsatzbefehl des Statec wandelt sich indes in kalte Wut, als ich erfahre, dass unsere Nationalstatistiker gnädigerweise geruhen würden, mir für all meine Mühe und Plage eine pauschale Entschädigung von … total lachhaften 65 Euro zuzugestehen.

Was bedeutet, dass das Statec unbescholtenen Bürgern für die ihnen aufgenötigte Kollaboration je nach Fall einen geringeren Stundenlohn gönnt, als ihn verurteilte Strafgefangene für ihre Tätigkeit in der Schrassiger Knastwäscherei beziehen. Da bin ich wohl nicht der einzige Statec-Zwangsmalocher, der so was als ausgemachte Frechheit empfindet.

Zur Wut gesellt sich dann aber auch schnell Frust, als mir klar wird, dass der bei dieser Erhebung zustande gekommene Datenwust möglicherweise in nicht unerheblichen Teilen Statistikschrott ergeben wird und meine Anstrengungen ergo zum nicht unwesentlichen Teil für die Katz sein werden.

Barzahler sind klar im Vorteil

Es beginnt damit, dass Leute, die Bargeld bevorzugen, gegenüber Kartenzahlern klar im Vorteil sind: Wer in völliger Legalität meist Cash bezahlt und dann auch noch die Kassenzettel ratzfatz vernichtet, kann nachher unwiderlegbar versichern, dass ihm seine Transaktionen größtenteils nicht mehr erinnerlich sind und mithin für die Verwertung in irgendwelchen Datenerhebungen beim besten Willen nicht mehr zur Verfügung stehen. Ohne Data- und Papertrail demnach weniger Futter für die Statistik, deren Charts damit aber von vorneherein auf lückenhaften Angaben beruhen. Was letztendlich ihrer Glaubwürdigkeit nicht eben förderlich sein wird.

Vor allem aber ist der Aufwand, den das Statec da den Bürgern abverlangt, der Zuverlässigkeit der erhobenen Daten nicht gerade dienlich, da man diesen Aufwand ruhigen Gewissens als zum Teil unzumutbar bezeichnen darf.

Unternehmen müssen Buch führen. Sie müssen Einnahmen und Ausgaben bis auf den letzten Cent dokumentieren. Ein Privatmensch braucht das in seinem Haushalt nicht zu tun. Wenn also von ihm von heute auf morgen verlangt wird, seine Ausgaben bis auf das letzte Kaugummi zu belegen, stehen viele unvermittelt vor einer regelrechten „mer à boire“. Und so was kann einem schnell doch mal schwerstens aufs Gemüt schlagen!

Daher darf man getrost davon ausgehen, dass so mancher Befragter danach trachten wird, sich der behördlichen Willkür mit List und Tücke zu entziehen. Etliche unfreiwillige Statec-Fronarbeiter werden nämlich ihre Fragebögen keineswegs nur mit Zahlen befüllen, die von Kassenzetteln oder Rechnungsformularen herrühren, sondern eben auch mit solchen, die allein ihrem intrazerebralen Zufallsgenerator entsprossen sind. Andere, im Prinzip durchaus verfügbare Daten werden sie hingegen ohne die geringsten Gewissensbisse kaltblütig unterschlagen.

Rubbish in, rubbish out

Trotz aller Nötigung seitens des Statec: Diese Art klammheimlicher Widerborstigkeit ist wohlgemerkt sowohl verboten als auch strafbewehrt, weswegen wir an dieser Stelle denn auch ausdrücklich davon abraten wollen!

Dies ändert aber letztendlich rein gar nichts an der unausweichlichen Konsequenz von vermutlich weit verbreiteter, zumeist aus schierer Überforderung geborener Daten-Guerilla: nämlich Daten-Mumpitz. Denn auf dem Gebiet der Statistik gilt, wie kaum irgendwo sonst, die altehrwürdige Informatikerdevise „rubbish in, rubbish out.“

Dabei ist es nun aber durchaus vorstellbar, dass dies in fine das Statec nicht einmal sonderlich stört: Denn das Datenmonster möchte mit Daten gefüttert werden, wie das Krümelmonster mit Keksen. Gigatonnen an Daten. Und selbst wenn dafür manchmal (oft?) Quantität Vorrang vor Qualität haben sollte: Wen kümmert’s? Les chiffres sont nämlich selbst dann noch têtus, wenn sie sich ursprünglich jemand aus den Fingern gesogen haben sollte. Es reicht in der Tat völlig, wenn der elende Zahlenbombast am Ende nach außen hin zumindest den Anschein wissenschaftlicher Präzision vermittelt.

Der Umgang des Statec mit den von ihm zwangsverpflichteten Bürgern ist auf jeden Fall höchst fragwürdig: Man könnte nämlich glauben, hier den Obrigkeitsdünkel einer Bürokratie am Werk zu sehen, welche nach wie vor der Überzeugung ist, dass sie den Untertan nach alter Väter Sitte „emol erëm esou richteg schäissen“ tun darf. Eine solche Mentalität ist evidenterweise heutzutage völlig fehl am Platz.

Das Statec wird vermutlich auf derlei Kritik mit der Sturheit einer tibetanischen Gebetsmühle oder eben eines archetypischen Rond-de-cuir in Endlosschleife antworten: „Wir dürfen das: Gesetz vom 10. Juli 2011!“ Nun, das möchte ja niemand grundsätzlich abstreiten. Bloß: Nicht alles, was legal ist, ist deswegen auch schon recht und billig.

Es ist die Art – und auf die kommt es entscheidend an –, wie sich das Statec anlegt, um den Bürger um seine Daten zu melken, die ganz einfach inakzeptabel ist: Es darf nicht sein, dass dergestalt bürokratische Omnipotenzdelirien rücksichtslos auf dem Rücken ehrbarer Bürger ausgelebt werden.

Denn staatliche Institutionen haben in einem modernen rechtsstaatlichen Gemeinwesen im Dienste der Citoyens zu stehen, und nicht umgekehrt. Woraus erfolgt, dass unsere großherzoglichen Datenklempner bei Umfragen dieser Art dringend der verschärften Aufsicht durch die kritische Öffentlichkeit bedürfen!

Der Autor war von 1986 bis 2019 Journalist beim Tageblatt. Mit den Schwerpunkten Außenpolitik und Schienenverkehr.
Der Autor war von 1986 bis 2019 Journalist beim Tageblatt. Mit den Schwerpunkten Außenpolitik und Schienenverkehr. Foto: Editpress/Alain Rischard
Grober J-P.
21. Mai 2024 - 9.26

Ist denn wieder 1. April? Würde gerne erfahren ob das wirklich so möglich ist, auch mit den Sanktionen. Da steckt bestimmt ein kleiner Kim dahinter!

fraulein smilla
19. Mai 2024 - 18.56

@ Lichtfous Rien à ajouter !

Lichtfous Jean
19. Mai 2024 - 8.56

Wow, merci fir deen Artikel.