Die Abschluss-Pressekonferenz der chinesischen Olympia-Macher mit dem vielversprechenden Titel „Peking ist bereit“ fiel aus, aber die 17-Millionen-Metropole brennt auf das Spektakel der Superlative.

Wenn Chinas Staatschef Hu Jintao am Freitagabend Lokalzeit im Nationalstadion „Vogelnest“ mit der traditionellen Formel „Ich erkläre die Spiele von Peking für eröffnet“ den Startschuss zur Medaillenjagd gibt, sind die ersten Bestmarken längst aufgestellt.
11.128 Athleten aus 205 Ländern garantieren eine Rekordbeteiligung, 302 Entscheidungen in 28 Sportarten packendes Gefühlskino. „Ich kann es kaum erwarten, bis es losgeht. Ich fühle mich wie ein Athlet vor einem Wettkampf“, sagte IOC-Präsident Jacques Rogge, „die Spiele werden ein historischer Meilenstein für China.“ Der Belgier will so oft es geht im olympischen Dorf schlafen, dem „besten der Olympia-Geschichte“.
Nach reichlich vorolympischem Ärger mit Fackellauf-Desaster, Boykott- und Menschenrechts-Diskussionen, Smog- Alarm und Internet-Zensur hofft das Internationale Olympische Komitee (IOC) auf die Faszination Olympia als beruhigendes Element – fast 50 Dopingfälle im Vorfeld der Spiele waren jedoch weitere unangenehme Vorboten. Wenigstens ist für die gigantische Propaganda-Show am Freitagabend kein Regen vorhergesagt.
Mehr als 80 hochrangige Politiker, darunter US-Präsident George W. Bush, Russlands Ministerpräsident Wladimir Putin und Frankreichs Staatsoberhaupt Nicolas Sarkozy, sind live im futuristischen Stadion dabei, wenn China der Welt seine reichhaltige Geschichte und Zukunftsfähigkeit präsentieren will.
40 Milliarden Dollar hat das Land in die Infrastruktur investiert und den Großauftrag Olympia 2008 für die Runderneuerung Pekings genutzt. „Wir haben alle unsere Versprechen gehalten“, behauptet Liu Qi, Präsident des Pekinger Organisationskomitees Bocog. Sogar die Zusage, „grüne Spiele“ veranstalten zu wollen, sei erfüllt.
Versagen verboten: Die Olympia-Gastgeber wollen bei ihrem Heimspiel die USA von der Spitze der Medaillenwertung stürzen. Die verehrten chinesischen Stars, Basketball-Riese Yao Ming, Hürdensprinter Liu Xiang und Wasserspringerin Guo Jingjing, taugen alle zu Symbolfiguren dieser Spiele. US-Schwimm-Hero Michael Phelps ist bereits mit sechs Goldmedaillen dekoriert, strebt acht weitere an und könnte schon bei vier Olympiasiegen zum erfolgreichsten Athleten in die olympische Historie eingehen. 21 Olympiasieger werden gleich am ersten Wochenende gekürt.
Sogar im Video-Portal „YouTube“ gibt es davon jeden Tag in 77 Ländern in Afrika und Asien Zusammenfassungen zu sehen. Das IOC will jugendlicher werden und Glaubwürdigkeit zurückgewinnen. Nach den zahlreichen atmosphärischen Störungen in der Vorbereitung auf die „chinesischen Spiele“ wird es höchste Zeit, dass das olympische Feuer entzündet wird.
Viel mehr als „kontrollierte Unbeschwertheit“ wird die Sicherheitsparanoia der Gastgeber kaum zulassen. Geschätzte vier Milliarden Fernsehzuschauer in 222 angeschlossenen Territorien können sich ein Bild vom Reizklima im Reich der Mitte machen. „Man kann die Spiele nicht beurteilen, bevor sie begonnen haben“, fleht Rogge, „abgerechnet wird erst am Schluss.“

„Die größte Party der Welt“

Heute ab 14.08 Uhr MESZ rückt das Reich der Mitte demnach definitiv in den Mittelpunkt der Welt. Die spektakuläre Eröffnungsfeier soll mehrere tausend Jahre chinesische Kultur in dreieinhalb Stunden bündeln.
Mit der bisher größten Selbstdarstellung in seiner Geschichte will sich das häufig missverstandene China selbst erklären und seinen Platz in der Welt definieren. „Olympia gibt der Welt eine Chance, zusammenzukommen“, sagt Cai Guoqiang, berühmter chinesischer Künstler und oberster Feuerwerker der Zeremonie. „Es ist die größte Party der Welt.“
Da die Zahl 8 den Chinesen Glück und Reichtum verheißt, beginnt die Olympia-Premiere am 8.8.2008 um 20.08 (8.08) Uhr. Bis zur letzten Minute werden die Details als Staatsgeheimnis behandelt. Doch einiges sickert doch durch: So werden Trommler, eine riesige chinesische Schriftrolle, Tänzer, Terrakotta-Soldaten, Kungfu-Kämpfer, Akrobaten und legendäre chinesische Figuren erscheinen. Mit blauem Licht werden riesige Wale wie lebensecht unter Wasser schwimmend an die Stadiondecke projiziert, während eine blau-grüne Erdkugel im Zentrum des 91.000 Zuschauer zählenden Stadions illuminiert wird.
Cai Guoqiangs gigantisches Feuerwerk, das Himmel und Erde verbinden wird, ist der Höhepunkt des Spektakels. Der Explosionskünstler wird nicht nur die fünf olympischen Ringe an den Himmel zaubern, sondern auch 2008 lachende Gesichter.
In einem Countdown wandert das Feuerwerk von einem alten Stadttor im Süden quer durch die Stadt zum „Vogelnest“, das sich zu einem riesigen Kessel für das olympische Feuer verwandeln wird. „Es ist das größte Kunstwerk, das ich jemals geschaffen habe.“