Nachdem der französische Schriftsteller Yann Moix im Rahmen der Veröffentlichung von „Rompre“ wegen einer misogynen Aussage die Aufmerksamkeit auf sich lenkte, sorgt nun das autofiktionale „Orléans“ für Gesprächsstoff. In seinem vor einer Woche erschienenen Enthüllungsroman blickt Moix auf seine Kindheit und die vermeintlichen Gräueltaten seiner Eltern zurück.

Nachdem sein Vater sich bereits zu Wort gemeldet und behauptet hatte, die im Buch erwähnten Schandtaten und Brutalitäten hätten nie stattgefunden, bestätigte Yann Moix’ Bruder Alexandre nicht nur die Aussagen des Vaters, sondern fügte in einem offenen Brief im Le Parisien hinzu, die beschriebenen Gewalttaten habe Yann an ihm, Alexandre, verübt. (Auto-)Biografische Texte führen regelmäßig zu Anklagen – sobald reale Schicksale ins Spiel kommen, ist der Ärger fast vorprogrammiert.

Nach der Veröffentlichung von „Histoire de la violence“ wurde Edouard Louis von seinem mutmaßlichen Vergewaltiger verklagt und vor kurzem wurde Takis Würger angezeigt, weil er das Schicksal von Stella Goldschlag für seinen pathosgeladenen Roman missbraucht haben soll.

Fiktion verpflichtet nicht zu Wahrheit, im Gegenteil. Das Wörtchen „Roman“ auf dem Buchdeckel erlaubt alle möglichen Verzerrungen des Dargestellten, sei es historischer oder autobiografischer Natur. Betrug und Lüge sind Teil der Faszination, die wir Fiktionen gegenüber empfinden. Der Wahrheitsgehalt einer Fiktion liegt meist woanders – in der dargestellten Erfahrung, in den ausgelösten Emotionen, in der Erzählung eines möglichen Lebens. Louis Aragon nannte das „le mentir vrai“.

Postmoderne Denker argumentieren gar, Wirklichkeit würde es abseits ihrer Darstellung oder Schilderung gar nicht geben bzw. könne man sie, wie Kant ebenfalls darlegte, nicht erfassen – was einer leicht problematischen Legitimierung aller möglichen Entstellungen gleichkommt. Wirbt ein Werk nämlich mit seiner Authentizität, fühlen wir uns betrogen, wenn sich herausstellt, dass der Autor uns angelogen und seine Lebenserfahrungen frei erfunden hat. Im Gegensatz zu einer „normalen Fiktion“ stellt in einer Autofiktion die Authentizität des Erlebten einen impliziten Pakt, den der Autor mit dem Leser eingeht, dar.

In einer Autofiktion darf der Schriftsteller weiterhin auf die ihm gewährten Freiheiten zurückgreifen, um die „Wahrheit“ literarisch umzugestalten. Nicht jedes Detail muss akkurat sein, stilistische Verfremdungsmittel wie Übertreibungen, Vereinfachungen und Ungefährheiten sind erlaubt – solange das erzählerische Grundgerüst mit der Wirklichkeit übereinstimmt.

Als Binjamin Wilkomirski seine Holocaust-Memoiren veröffentlichte, verglich man das Werk zuerst mit den Texten von Eli Wiesel und Primo Levi. Als sich dann aber herausstellte, dass Wilkomirski in Wirklichkeit Bruno Dössekker heißt und die Erinnerungen frei erfunden waren, wurde er zu Recht als Hochstapler bezeichnet. Hätte er die falschen Memoiren als Roman verkauft, hätte es keinen Skandal gegeben – wegen mangelnder Authentizität hätte sich das Buch aber vielleicht auch weniger gut verkauft.

Der Gewinner im jetzigen Fall bleibt ganz klar Yann Moix: Sein vor zwei Wochen veröffentlichtes Buch wird nun bereits zum dritten Mal aufgelegt. Dass der Autor nach einem zusätzlichen Skandal – Moix hat eingestanden, im Alter von 21 Jahren antisemitische Texte verfasst zu haben – nun die Werbetour eingestellt hat, wird an den Verkaufszahlen wenig ändern.

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