Die Liste der sexuellen Übergriffe in der zeitgenössischen Popmusik wird jede Woche länger. Jesse Lacey von Brand New im Emo, Ryan Adams im Folk, Ethan Kath von Crystal Castles im Elektro – es scheint, als wäre jedes Genre von den Enthüllungen der #MeToo-Bewegung betroffen. Und der King of Pop symbolisiert spätestens seit der Doku „Leaving Neverland“ nicht mehr den kindlichen Eskapismus in eine zuckerbunte Welt des Schönklangs – er steht nun im Gegenteil für die Monster, die im Backstage-Bereich hinter der hedonistischen Fassade lauern.

Die verschiedenen Fälle spalten jedoch die Gemüter. Die deutsche Monatszeitschrift Visions hat Ende 2017 Brand News Album „Science Fiction“ aus der jährlichen Bestenliste entfernt. Parallel titelte die französische Wochenzeitung Les Inrockuptibles mit Bertrand Cantat – was anschließend eine Skandalwelle auslöste. Ryan Adams’ neuestes Album soll nun erst mal nicht veröffentlicht werden – obwohl er zwar beschuldigt, jedoch nicht angeklagt ist. Und kürzlich entschied sich der Radiosender 100,7, Michael Jackson etwas weniger Airplay zu geben.

Diese auf Eigeninitiativen basierenden Strafmaßnahmen deuten allesamt auf ein Unbehagen hinsichtlich der moralischen Verurteilung von Künstlern hin – ein Unbehagen, das auf folgendes Paradoxon zurückzuführen ist: Wir bewundern den alternativen Lebensstil und die Unbeschwertheit, die dem Motto „Sex, Drugs and Rock’n’Roll“ innewohnen, wirken dann aber erstaunt, dass ein solch hedonistisches Leitmotiv unmoralische Handlungen zur Folge hat.

Dabei muss man sich dringend fragen, wo man eigentlich die Grenze zieht – sonst landen wir entweder im Puritanismus (die Dämonisierung von Jesse Lacey) oder rufen auf der anderen Seite und frei nach Baudelaire einen moralischen Ausnahmezustand für den Künstler aus (die Sakralisierung von Cantat). Beides wäre grundlegend falsch. Dass man sich entscheidet, nie wieder die Lost Prophets zu hören, nachdem sich herausstellte, dass deren Sänger ein pädophiler Vergewaltiger ist, ist folgerichtig. Dass man die Brand-New-Platten entsorgt, weil Jesse Lacey beschuldigt wurde, einen damals noch minderjährigen Fan via Chat nach Nacktfotos gefragt zu haben, ist Diskussionssache. Ein Lustmolch ist nicht automatisch ein Straftäter.

Und so traurig und pauschal es klingen mag: Würden wir nur noch die Kunst moralisch einwandfreier Menschen konsumieren, müssten wir auf viele Geniestreiche verzichten. Charles Baudelaire würde wegfallen, David Foster Wallace auch.

Im Falle Jackson zeigt sich aber, dass diese Grenzziehung nicht so einfach ist, weil hier mehrere Faktoren mitspielen. Im Gegensatz zu vielen Künstlern auf der Anklagebank ist Jackson Kult – und aus der kollektiven Erinnerung nicht mehr zu streichen. Zudem teilt er mit den beiden eben aufgelisteten Künstlern eine Gegebenheit: Er ist tot. Legitimiert das Ableben (Jackson) oder das Absitzen der Strafe (Cantat), dass man sich dem Werk der Angeklagten erneuert nähert? Und wie schwer muss ein Vergehen eigentlich sein, damit die von Marcel Proust verteidigte Trennung von Schaffenswerk und Biografie nicht mehr operativ ist? Solange die Kunst nicht inhaltlich von der Perversion des Künstlers zeugt, müsste das Schaffenswerk eigentlich unabhängig von der Biografie genießbar sein. Und trotzdem will ich die Lost Prophets nie wieder hören.

Die Justiz soll und wird über die Vergehen der Künstler richten – wir selbst müssen für uns entscheiden, ob und wann wir die Schönheit der Klänge wegen der inneren Hässlichkeit ihrer Schöpfer aufgeben. Dass die Popmusik ihre moralische Unbeflecktheit in den letzten Monaten verloren hat, deutet hauptsächlich darauf hin, dass eine Ära blinder Verherrlichung durch das Publikum definitiv vorbei ist – und wir selbst abwiegen müssen, wie viel Moral uns in der Popmusik wichtig ist.

3 Kommentare

  1. Kann man das Werk vom Künstler trennen? Wohl kaum. Kann man es vom Menschen trennen? Ethisch gesehen nein. Würde nie ein Werk von einem pädophilen Künstler kaufen. Auch beim Anhören seiner Musik oder Songs wird man unweigerlich an den Straftäter erinnert. Proust muss man verstehen, weil er homosexuell war und zu seiner Zeit die Homosexualität noch strafbar war (übrigens bis vor kurzem noch ). Aber er war moralisch gesehen kein Deliquent. Es sei jedem selbst überlassen, wie er mit diesem heiklen Thema umgeht und ob er bewiesene “Lustmolche ” besonderer Art finanziell unterstützen will.

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