Tageblatt: Auf dem Podium sind Sie ein kommunikationsfreudiger Dirigent. Man kann die Energie fast sehen, die zwischen Ihnen, dem Orchester und dem Publikum fließt. Können Sie diesen Zustand des Energieflusses beschreiben?
Jonathan Nott: „Es ist Spiralprozess, für den ich als Dirigent den Impuls gebe, dieser Impuls dann von den Musikern aufgenommen wird und als musikalisches Resultat an das Publikum und wieder an mich zurückgegeben wird. Es ist faszinierend. Die Energie fließt unheimlich schnell und berührt eigentlich jeden, der bei einem Konzert zugegen ist. Diese Energie kann aber auch gefährlich sein. Ein Beispiel: Als ich letztes Jahr mit den Bamberger Symphonikern in Köln die Alpensymphonie aufgeführt habe, passierte sofort zu Beginn ein Fehler, der auf der ganzen Tournee nie passiert war. Ich war unheimlich wütend und peitschte das Orchester hoch. Bis dann an einer heiklen Stelle mein Blick den des Solotrompeters kreuzte. Er spürte meine aufgestaute Wut und vermasselte natürlich seinen Einsatz. Ich habe in dem Moment so viel negative Energie ausgestrahlt, dass er einfach falsch spielen musste.“

„T“: Es gilt also nicht unbedingt, dass man sich als Zuhörer bei einem Stück entspannt zurücklehnen soll?
J.N.: „Es gibt sicherlich Stücke, bei denen man sich als Zuhörer entspannen kann. Aber Entspannung ist dem Wesen der Musik diametral gegenübergesetzt. Musik, Musik machen, Musik hören, das lebt alles von der Spannung, von der Energie, von der Intensität der Darbietung. Stellen Sie sich nur vor, ein Dirigent würde ohne Anteilnahme und nur entspannt dirigieren, Musiker würden sich zurücklehnen und keinen persönlichen Einsatz zeigen, das Resultat wäre in musikalischer Hinsicht katastrophal.“

„T“: Ich persönlich habe diese Aufführung der „Alpensymphonie“ unheimlich toll gefunden, gerade weil Sie und das Orchester so eine aufgepeitschte, ja wilde Interpretation geboten haben.
J.N.: (lacht) „Da sehen Sie. So unterschiedlich kann sich Energie und das daraus entstehende Resultat auf den Einzelnen auswirken. Meine persönliche Wut über diesen Patzer …“

„T“: …der mich als Zuhörer überhaupt nicht gestört hat…
J.N.: „…hat das Spiel des Orchesters direkt beeinflusst und uns von unserer ursprünglichen Interpretation abgebracht. Auf Sie hat dann vielleicht gerade dieses improvisierte und somit sehr lebendige Element eingewirkt und Ihnen eine neue Perspektive eröffnet. Also hat sich das Schlechte doch noch zum Guten gewendet (lacht). Und es zeigt, dass diese fließende Energie jeden anders berührt, abhängig von seinem seelischen Zustand, seiner Offenheit, seinen Erwartungen. Musik hören und erleben ist für jeden immer anders.“

„T“: Wenn Sie ein Stück erarbeiten, was interessiert Sie dabei am meisten?
J.N.: „Ich betrachte meine Musikalität als Mischung aus persönlicher Neugier, Freude am Musizieren und intellektueller Herausforderung. Ich muss als Interpret irgend etwas zu erzählen haben, ich muss die musikalische Botschaft des Komponisten weitergeben genauso wie meine persönliche Freude an dem, was ich gerade mache. Ich muss als Dirigent glaubwürdig sein.“

„T“: Thema Kinder und Jugend. Sie und das Bamberger Orchester haben diese Alpensymphonie nun auch für ein junges Publikum gespielt. Das ist schon ein recht anspruchsvolles Werk.
J.N.: „Ja, wenn man ein Konzert für Kinder programmiert, muss man das schon sehr ernsthaft vorbereiten. Ich finde es nicht gut, immer nur die gleichen Stücke wie ’Peter und der Wolf’ oder ’Till Eulenspiegel’ zu machen. Wir haben uns lange überlegt, ob wir einem Zehnjährigen einen Brocken wie die Alpensymphonie zumuten können. Aber das Stück hat niemanden abgeschreckt, im Gegenteil, im Konzert waren sogar noch viel jüngere Kinder. Kinder darf man nicht unterschätzen, aber man darf sie auch nicht alleine lassen. Deshalb ist ein Minimum an Information schon wichtig.“

„T“: Sie haben die Gesamteinspielung der Schubert-Symphonien mit Ihrem Orchester, den Bamberger Symphonikern, abgeschlossen. Was können Sie rückblickend auf die Auseinandersetzung mit Schuberts symphonischem Werk sagen?
J.N.: „Als wir vor drei Jahren mit dem Aufnahmeprojekt in Bamberg begonnen haben, hatte ich noch keine einzige Schubert-Symphonie dirigiert. Es war also zuerst einmal ein wichtiger Lernprozess für mich. Aber es sollte auch ein Experiment sein. An einem traditionellen Schubert waren wir nicht interessiert, da sind genug exzellente Aufnahmen auf dem Markt. Uns ging es darum, mit neuen Errungenschaften herumzuexperimentieren. Wie kann man hier mit Rubati und Vibrato umgehen, wie mit der Phrasierung, wie kann man scheinbare Gegensätzlichkeiten innerhalb der orchestralen Struktur hörbar machen? Je mehr wir uns mit Schuberts Symphonien auseinandersetzten, desto mehr wurde uns bewusst, dass es hier noch viel unentdecktes Land gibt.“
„T“: Ob im Konzert oder auf CD, das Orchester scheint sich jedenfalls eine helle Freude daraus zu machen, neue Klangwelten auszuprobieren.
J.N.: „Oh ja. Das Orchester weiß ganz gut, welches Potenzial in ihm steckt. Und die Musiker merken, dass sie nun über ihre Grenzen hinausgehen können. Diese ganzen Experimente, die wir seit einigen Jahren durchführen, haben ihnen Lust auf mehr gemacht und sie haben gemerkt, dass sie ihren typischen Bamberger Klang gar nicht zu verleugnen brauchen, sondern ihn auch auf neuen Interpretationswegen und in einem neuen Repertoire hervorragend zeigen können. Zudem ist das Orchester ungemein flexibel geworden und versteht es, mit improvisatorischer Sicherheit zu reagieren.“

„T“: Als Engländer spielen Sie relativ wenig Musik englischer Komponisten. So scheint es wenigstens. Warum?
J.N.: „Ich war zuerst Sängerknabe in einem typisch englischen Chor, habe also die ganze englische Tradition als Kind mitbekommen. Die englische Musik hatte ihre Blüte ja besonders in der Renaissance mit ihren Chorwerken. Und es waren diese einzigartigen Werke, die wir mit dem Chor einstudierten und die letztendlich meine Auffassung und mein Empfinden für Musik geprägt haben. Allerdings habe ich als professioneller Dirigent kaum in England gewirkt, sondern vor allem in Deutschland, der Schweiz und zum Teil auch in Frankreich.
Und es ist klar, dass man in Deutschland und der Schweiz in erster Linie deutsche oder österreichische Komponisten hören will und nicht so sehr die englischen. Zu Beginn meiner Karriere hatte ich allerdings eine Vorliebe für die französische Musik, Debussy, Messiaen. Und ehrlich, in der englischen Musik gibt es nicht viele Komponisten, die wirklich herausragend sind. Sicher, wir haben Vaughn-Williams, wir haben Elgar, wir haben Tippet und Benjamin Britten. Aber dann ist fast schon Schluss. Nur Elgars ’Dream of Gerontius’ würde ich wahnsinnig gern mit Bamberg machen. Ansonsten ist die englische Musik furchtbar altmodisch. Für die zeitgenössische Musik sieht es allerdings viel, viel besser aus.“

„T“: Sie dirigieren ja viel zeitgenössische Musik. Geht man dadurch als Interpret irgendwann anders an die klassische Musik heran?
J.N.: „Das ist sicherlich ein Lernprozess, der sich im Laufe der Jahre einstellt. Ich glaube, zuerst muss man sich als Interpret wohl fühlen mit der zeitgenössischen Musik und darin zu Hause sein. Erst wenn man sich hier eine gewisse Lässigkeit – ich meine das jetzt im positiven Sinne – angeeignet hat, kann man die traditionelle klassische Musik mit anderen Ohren hören. Dann klingt sie auch plötzlich ganz anders und letztendlich wirkt sich das direkt auf meine Interpretation aus. Zeitgenössische Musik schärft den Verstand, man wird sich dadurch vieler Sachen, die sonst natürlich ablaufen, anders bewusst.“

„T“: Wenn man Sie beim Dirigieren beobachtet, dann merkt man, dass Sie sich sehr oft auf die rechte Orchesterseite mit den zweiten Geigen und den tiefen Streichern konzentrieren.
J.N.: „Das hängt wohl mit meinem Gefühl für Balance zusammen. Ich glaube, es ist nicht notwendig, dass ein Dirigent ständig die ersten Geigen dirigieren muss. Sie spielen sowieso das Hauptthema und die schönen Melodien. Wichtig ist es, diesem ein Gegengewicht zu geben. Denn wenn man die rechte Seite nur stiefmütterlich behandelt, klingt das Orchester unisono mit einer Betonung auf den Hauptlinien. Für mich ist das aber nicht so interessant. Ich finde es viel aufregender, Kontraste in die Musik zu bringen. Kontraste machen die Musik lebendig. Und wenn diese Kontraste hörbar werden, dann erhält das Stück eine völlig neue Dimension und man ist viel näher an der Wahrheit.“

JONATHAN NOTT

Jonathan Nott (*1963 in Solihull, England) ist ein englischer Dirigent. Seit Januar 2000 ist er Chefdirigent bei den Bamberger Symphonikern. Sein Vertrag läuft bis 2010.
Nott studierte Musikwissenschaft an der Universität Cambridge, Gesang und Flöte in Manchester und Dirigieren in London. Sein Debüt als Dirigent gab er 1988 beim Opernfestival in Battignano.

Am Samstag, dem 10. Januar, spielen die Bamberger Symphoniker in der Philharmonie unter der Leitung von Nott Werke von Strawinsky und Bartók.
Beginn: 20 Uhr

Internet:
www.philharmonie.lu