Vor dem Hochwasser flüchtet auch auf dem Balkan nicht nur der Mensch, sondern auch das Tier: Eine ungewöhnliche Invasion von Wildschweinen hält Serbiens Hauptstadt Belgrad schon seit Tagen auf Trab.

Von unserem Korrespondenten Thomas Roser, Belgrad

Nichts ist in diesen bewegten Tagen in Serbiens Hauptstadt Belgrad, wie es war.
Alle Politturbulenzen, der Ärger um zweifelhafte Dauerbaustellen und selbst der Dauerbrenner Kosovo scheinen in der Donau-Stadt vergessen.

Es ist die Invasion von mehreren Dutzend Schwarzkitteln, die das Leben in der Millionenmetropole schon seit Tagen entregelt. „Belgrad in Panik!“, titelt aufgeregt das Boulevardblatt Kurir über die „Belagerung durch die Wildschweine“: „Die Bürger der Hauptstadt leben seit Tagen in Angst.“ Vermehrte Begegnungen mit Ratten, Schlangen und Stechmücken hatten die allzeit eifrig die Alarmtrommeln schlagenden Gazetten nach den Überschwemmungen prognostiziert.

Auf der Flucht

Aber kaum einer der professionellen Schwarzseher hatte die Schwarzkittel auf der Rechnung: Das Hochwasser auf einer der Save-Mündung vorgelagerten Donau-Insel hat die Paarhufer aus ihrem angestammten Revier direkt ins Herz der Zweistromstadt vertrieben. Fast jeder Angriff in Belgrads bewegter Geschichte soll von der gegenüber der Festung Kalemegdan gelegenen „Insel des Großen Kriegs“ erfolgt sein. Zwar ist die Flußinsel heute eher als Vogelschutzgebiet bekannt. Doch nicht nur die im Web kursierenden Aufnahmen von durch die Donau schwimmenden Wildschweinrotten zeugen von deren strategisch günstigen Lage für etwaige Stadteroberungen.

„Aufgepasst, hier sind die Wildschweine!“, titelt die Zeitung Blic, die auf einer Landkarte mit Pfeilen die diversen Stoßrichtungen der am Donau-Gestade anlandenden Invasoren markiert hat: Die borstigen Hochwasserflüchtlinge würden in Belgrad „verschiedene Orte“ ansteuern.

Im Notfall: Rauf auf den Baum!

Tatsächlich sorgen die ungebetenen Gäste vor allem zwischen den Wohnblocks und auf den Asphaltpisten von Neu-Belgrad für Chaos. Im Web kursieren bereits unzählige Aufnahmen von Wildschweinrotten, die über Straßen und durch Parks jagen. Vereinzelt haben sich versprengte Frischlinge auch schon in Cafés und in Einkaufszentren verirrt. Die Aufnahme eines mächtigen Keilers, der vergeblich eine vier Meter hohe Festungsmauer des Kalemegdan zu überwinden suchte, bewegt die Belgrader ebenso wie das Schicksal von bereits sechs im Verkehr zu Tode gekommenen Bachen und Bassen.

Unfreiwillig setzte auch ein in ein Parkhaus in der Innenstadt geflüchtetes Wildschwein-Immigrant seinem Leben ein Ende. Als Parkhauswächter das Tier vertreiben wollten, sprang es in Panik vom fünften Stock in die Tiefe – und war auf der Stelle tot.

Die in die Stadt verschlagenen Tiere scheinen noch verschreckter als der aufgeregte Mensch. In den Belgrader Medien herrscht an Tipps bei Begegnungen mit dem sicherlich nicht ganz ungefährlichen Schwarzkittel kein Mangel. Am besten man erklimme im Notfall einen Baum, so der Ratschlag des Kurir: Ab einer Höhe von zwei Metern sei man „in Sicherheit“.

Bestes Material für Satire

Veterinäre und Jäger versuchen derweil mit mäßigem Erfolg, die sichtlich desorientierten Tiere einzufangen oder mit Schreckschüssen zu vertreiben. Ihre beruhigende Botschaft: Mit dem sinkenden Wasserpegel würden sich die Allesfresser ohnehin bald wieder auf ihre vertraute Insel zurückziehen.

Das satirische Webportal njuz.net vermeldet hingegen, dass die Wildschweine „die Schweinerei“ auf den Endlosbaustellen der umgegrabenen Hauptstadt genießen und einige selbst die Verlängerung ihres Aufenthalts erwägen würden.

Er und seine Schicksalsgenossen hätten sich wegen des Asphalts nur ungern in die Stadt aufgemacht, gesteht ein Keiler und Rottenführer in einem imaginären Interview. „Aber als wir nach Belgrad kamen, merkten wir, dass sich die Stadt verändert hat und es nun genügend Schlammgruben gibt, in denen wir uns wälzen können. Belgrad ist definitiv eine Schweine freundliche Stadt geworden!“

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