„Fährmann, hol über …“, lautet ein Ausruf aus einer Sage aus der Domstadt Speyer aus dem 19. Jahrhundert. Diesen Ruf hörte man auch über Jahrhunderte vom Moselufer in Wasserbillig und dem gegenüberliegenden Oberbillig auf der deutschen Seite.

Die beiden Orte bildeten eine Gemeinschaft, bis zur Unterzeichnung des Wiener Vertrages im Jahre 1815, als das Großherzogtum Luxemburg ausgerufen wurde. Über Jahrhunderte funktionierte hier schon ein Fährverkehr mit Nachen – urkundlich erwähnt erstmals im Jahr 1424 –, sodass die Landwirte von beiden Seiten ihre Felder bestellen konnten. Ab 1966 übernahm die dieselgetriebene Fähre „Sankta Maria“ den Fährbetrieb mit täglich rund 200 Überfahrten, vier Pkws hatten Platz auf der Fähre, die Überfahrt brachte den Berufspendlern von beiden Seiten des Flusses eine Wegersparnis von 12 bis 14 km sowie wertvolle Zeit.

Nach etwas mehr als 50 Jahren hatte das Gefährt ausgedient, die Gemeindeautoritäten von Wasserbillig und Oberbillig einigten sich auf die Anschaffung eines emissionsfreien Nachfolgers. Am 10. Dezember 2017 wurde die, durch 15 Solarzellen gespeiste, „Sankta Maria II“ ihrer Bestimmung übergeben, die weltweit erste solar betriebene und elektrische Autofähre, gebaut vom Spezialunternehmen Formstaal GmbH in einer Werft in Stralsund. Die Weltneuheit kostete rund 1,7 Mio. Euro, das europäische Förderprogramm „Interreg“ steuerte 670.000 Euro bei, 570.000 Euro kamen aus Rücklagen, sodass jede Gemeinde 225.000 Euro aufbringen musste.

Fährmann (auf Luxemburgisch: „Ferjer“) Martin Schreiner lädt uns ein zu einer Überfahrt. Mit an Bord zwei Autos und eine Handvoll Radtouristen. Wir fragen nach seinem Arbeitsalltag und Schreiner, seit 2015 im Dienst, gibt bereitwillig Auskunft. „Mein Tag beginnt um 6.00 Uhr, die erste Überfahrt ist um 6.30 Uhr. Drüben werde ich gleich abgelöst von meinem Kollegen Velibor Gacik, der fährt dann bis Feierabend um 20.00 Uhr. Unsere Stoßzeiten sind die frühen Morgenstunden und der Abend, zumeist transportieren wir Berufspendler, wir haben Platz für 45 Personen und sechs Autos.“

Die Überfahrt geschieht nahezu lautlos und dauert zwei Minuten. Neben der Kraftstoffersparnis von jährlich 14.000 Litern Diesel ist die Reduzierung der Abgas- und Lärmemissionen von größter Bedeutung, sehr zur Freude der Anrainer. Auf der deutschen Seite spuckt die „Sankta Maria II“ ihre Fahrgäste wieder aus, Neue kommen an Bord. Velibor Gacik übernimmt das Ruder, kassiert den Fahrpreis und wir gleiten wieder zurück ans Luxemburger Ufer. „Wie hoch ist das jährliche Transportaufkommen?“, möchten wir zum Schluss in Erfahrung bringen. „Im vergangenen Jahr haben wir 66.000 Autos, 19.500 Fahrräder und 143.000 Personen transportiert“, weiß Gacik.

 

Von unserem Korrespondenten Herbert Becker

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