Der Wind wirbelt den feinen, rötlichen Staub auf. Er setzt sich in den Kleidern fest, brennt in den Augen. Die Sonne knallt auf die Köpfe der Frauen, die sich auf einem kleinen Platz in dem Lager für Binnenflüchtlinge im Südwesten Somalias versammelt haben. Um den Bauch geschnürte Babys gucken unter den bunten Gewändern ihrer Mütter hervor. Blechhütten spenden ein wenig Schatten, einige Frauen ruhen sich auf der Straubtrockenen Erde aus. Sie wirken resigniert. Hier ist die volle Wucht der Dürre zu spüren.

“Zuhause habe ich alles verloren”, sagt Habiba Isaak. Ein grün- und lilafarbenes Kopftuch umrahmt ihr junges Gesicht. Auch sie hat ihr vier Monate altes Baby in einem Tuch um den Bauch gewickelt, auf dem Platz im Zentrum des Lagers wartet sie, bis sie bei den Helfern drankommt. Ihre dreijährige Tochter macht es ihr gleich: In ein grünes Kopftuch gehüllt trägt sie ihren anderthalb Jahre alten Bruder im Arm.

Mit den Ziegen verloren sie die Lebensgrundlage

Mit einem durchdringenden Blick erzählt die 21-jährige Isaak, sie und ihr Mann seien nahe Wadschid, etwa 150 Kilometer entfernt im inneren des Landes, Hirten gewesen. Zehn Ziegen hätten sie gehabt, doch alle seien gestorben. Damit hatten sie ihre Lebensgrundlage verloren, also sind sie aufgebrochen. In dem Lager Kabasa am Stadtrand von Doolow, einer Kleinstadt nahe der äthiopischen Grenze, fand die Familie zusammen mit rund 25 000 anderen Binnenflüchtlingen Zuflucht.

Isaak ist Opfer der jüngsten Dürre, die Somalia heimgesucht hat. Sie ist eine von mehr als fünf Millionen Menschen, die derzeit in dem Land am Horn von Afrika humanitäre Hilfe benötigen – mehr als ein Drittel der Bevölkerung Somalias. Nach der Hungersnot 2011 mit mehr als 250 000 Toten konnte im vergangenen Jahr durch große Anstrengung noch eine erneute Hungersnot verhindert werden. Doch schlimme Dürren werden immer öfter wiederkehren, fürchten Experten. Die Bevölkerung treffen diese Klima-Schocks hart – als wären Jahrzehnte des Konflikts, der Armut, des Terrorismus und des kaum vorhandenen Staats nicht schon genug. Die Menschen müssen dafür gewappnet werden. Dabei will Deutschland helfen.

Alle fünf Jahre eine Dürre

“Die immer öfter wiederkehrenden Dürren sind die neue Realität für Somalia”, schreibt die UN. Bis vor etwa 20 Jahren kam es in der Region etwa alle fünf Jahre zu einer Dürre, wie der Klimatologe Chris Funk vom US Geological Survey, einer US-Klimabehörde, erklärt. Seitdem gibt es demnach aber alle zwei bis drei Jahre schlechte Regenzeiten. Nicht nur Funk ist überzeugt, dass dies mit dem Klimawandel zusammenhängt. “Wir sind uns ziemlich sicher, dass die höhere Taktung der Dürren wahrscheinlich bestehen wird und vielleicht noch schlimmer wird.”

Die Bevölkerung Somalias muss widerstandsfähig werden. “Wir fangen mit dem ganz Wesentlichen an”, sagt Steven Lauwerier, Leiter des UN-Kinderhilfswerks in Somalia. Die Gesundheit von Babys und Kleinkindern muss gestärkt werden. Denn in Somalia stirbt Unicef zufolge jedes achte Kind vor dem fünften Lebensjahr, bei einem Drittel spielt die Ernährung eine Rolle. In diesem Jahr allein werden voraussichtlich eine Million Kinder mangelernährt sein – 232 000 davon lebensbedrohlich.

Dagegen soll etwa ein neues Projekt des Welternährungsprogramms (WFP) und Unicef helfen, das mit 50 Millionen Euro für drei Jahre von der Bundesregierung finanziert wird. Dies soll bereits 2018 etwa 315 000 schwangere und stillende Mütter und Kleinkinder erreichen.

Baby-Daten auf der Chipkarte

Die Sonne brennt noch immer. Im Schutz eines einfachen Holzdachs hören junge Mütter mir ihren Babys in dem Lager Kasaba aufmerksam einer Mitarbeiterin des WFP zu. Sie erklärt, wie etwa das Stillen ein Kind vor Krankheiten und Mangelernährung schützen kann. Nebenan prüfen Helfer, wie mangelernährt die Kinder sind. Einige der Kleinen sitzen energielos im Schoß der Mutter, während der Umfang ihrer Arme gemessen wird. Mit großen, gläsernen Augen beobachten sie das Geschehen. Andere lassen sich nur mit lautem Geschrei in die große Waage setzen. Das Gewicht, die Größe und andere Daten werden digital auf einer Art Kreditkarten gespeichert, mit denen die Familien auch ihre Lebensmittel bekommen. Somit kann künftig der Gesundheitszustand der Kinder genau beobachtet und wenn nötig früh Alarm geschlagen werden.

Doch allein wird dies die nächste Hungersnot nicht abwehren. Die meisten Somalier sind Viehhirten oder Bauern, wenn es nicht regnet, haben sie auch keine Lebensgrundlage. In manchen Gegenden Somalias sind durch die jüngste Dürre nach Angaben der UN-Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation bis zu 60 Prozent der Herden der Viehhirten gestorben. Den Menschen müsse gezeigt werden, wie sie sich an die Klimaveränderung anpassen könnten, sagt Liljana Jovceva, Leiterin der WFP-Programmarbeit in Somalia: etwa unterschiedliche Tierarten statt nur einer zu halten; dürreresistente Pflanzen anzubauen; ihre Ressourcen besser zu managen. “Sie müssen langsam aber stetig ihre Fähigkeit aufbauen, mit Krisen umzugehen”, sagt Jovceva. “Dies ist ein Prozess und es wird dauern.”

Doch die immer wiederkehrenden Krisen hängen nicht nur mit dem Klima zusammen, sondern auch stark mit den Konflikten im Land, wie der höchste Vertreter der UN in Somalia, Michael Keating, erklärt. Sein Büro befindet sich in der Hochsicherheitszone rund um den Flughafen von Mogadischu. Eine Festung mitten in der Stadt. Hinter hohen Mauer, von schwer bewaffneten Soldaten geschützt, arbeiten die meisten UN-Mitarbeiter und humanitäre Helfer abgeschottet vom Alltagsleben in der Hauptstadt. Hier existiert eine Welt für sich. Draußen kommt es fast täglich durch die Terrormiliz al-Shabaab, die große Teile des Südens Somalias kontrolliert, zu Angriffen. Im vergangenen Oktober etwa starben bei einem Anschlag in Mogadischu mehr als 500 Menschen.

Humanitäre Helfer in gepanzerten Fahrzeugen

Wegen Al-Shabaab können humanitäre Helfer einige Teile des Landes gar nicht erreichen. Selbst in Gegenden, die als recht sicher gelten, etwa Doolow, bewegen sich humanitäre Helfer in Kolonnen gepanzerter Fahrzeuge oder mit Sicherheitspersonal. “Wenn wir die Menschen in Not erreichen könnten, müssten sie nicht zu uns kommen”, sagt Lauwerier. So sind derzeit zwei Millionen Somalier innerhalb der Landesgrenzen auf der Flucht – die Hälfte davon haben ihr Zuhause im vergangenen Jahr zurückgelassen. Zudem sind fast 900 000 somalische Flüchtlinge in andere Länder der Region geflohen, 3100 Somalier kamen im vergangenen Jahr über das Mittelmeer nach Europa. Stabilität in Somalia würde also wohl auch diese Flüchtlingsbewegungen beenden.

Die junge Somalierin Fardosa Sheikh Ali hat die Macht von Al-Shabaab gespürt, bevor sie ihren Heimatort verlassen hat. Ihre Region wurde von der islamistischen Terrorgruppe kontrolliert. “Ich will dorthin nicht zurück”, sagt sie. Die 26-Jährige und ihr Mann waren in der Nähe von Baidoa im Zentrum des Landes Kleinbauern. Wegen der Dürre und des Terrors machten sie sich zu Fuß auf den Weg, zehn Tage dauerte es nach Doolow. Hier kommen sie gerade so über die Runden. Ihr Ehemann habe Glück gehabt und einen Job als Bauarbeiter in Doolow gefunden, sagt die junge Mutter von acht Kindern.

Ohne Sicherheit keine Entwicklung

“Das wichtigste für Somalia: Ohne Sicherheit geht gar nichts”, sagt die deutsche Botschafterin für Kenia und Somalia, Jutta Frasch. Wenn sich die Sicherheit nicht verbessert, könne sich Somalia auch nicht nachhaltig entwickeln. Doch ohne diese Entwicklung können sich die Menschen wohl kaum vor kommende Hungerkrisen wappnen. Ein Teufelskreis.

Das Zuhause für die meisten Flüchtlinge in Kabasa sind einfache runde Hütten aus Ästen, bedeckt mit Plastikplanen. Vor dem Staub und der Hitze gibt es kaum Schutz. Tausende und Abertausende dieser Hütten reihen sich aneinander. In Doolow leben inzwischen insgesamt 36 000 Binnenflüchtlinge, fast so viel wie die rund 41 000 alteingesessenen Bewohner der Stadt.

Obwohl das Leben in Kabasa nicht einfach ist, will Habiba Isaak bleiben. Um für sich, ihre vier Kinder und ihren Ehemann zu sorgen, hat sich die 21-Jährige Arbeit gesucht. Sie wäscht für einige Bewohner von Doolow die Kleider. “Wir sind von diesen Einnahmen und der humanitären Hilfe anhängig”, sagt sie. Ihr Ehemann hat noch keinen Job gefunden. Ob es auch ohne die Unterstützung der Hilfsorganisationen ginge? “Ohne wäre das Leben sehr schwer.”

12 Kommentare

  1. Man kann sich das alles kaum vorstellen, angesichts des Überangebots in unseren Supermärkten… umso wichtiger ist dieser Artikel, der so hervorragend geschrien und recherchiert ist von einer jungen, sehr kompetenten Journalistin! Danke dafür!!!

  2. Sicherheit, Klimawandel und Bevölkerungswachstum … die Themen unserer Generation. Ein toller Einblick in einen oft übersehenen Winkel der Welt, der immer und immer wieder von Krisen heimgesucht wird und Entwicklungsarbeit vor neue Herausforderungen stellt.

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