Wo hört Nostalgie auf und wo fängt staatlich kultivierter Revisionismus an? Slowenien zeigt sich von der Infragestellung seiner Grenzen durch die nationalpopulistisch regierten EU-Nachbarn Ungarn und Italien zunehmend genervt – und empört.

Von unserem Korrespondenten Thomas Roser, Belgrad

Bei den umstrittenen Landkartengrüßen der Nachbarn versteht der einstige Politiker-Imitator in Sloweniens Regierungssitz längst keinen Spaß mehr. „Dies ist weder europäisch noch friedliebend, sondern ein Messerstich in das Herz Sloweniens“, empörte sich Premier Marjan Sarec am Wochenende per Twitter. Der Grund für seinen Ärger: Nach einem italienischen Würdenträger hat nun auch Ungarns Regierung vergangene Woche per Tweet eine Landkarte veröffentlicht, die Teile Sloweniens als eigentlich ungarisch zeigt.

Die gierigen Hände der Nachbarn eignen sich auf der zum Jahrestag des Trianon-Vertrags von 1920 veröffentlichten Karte große Teile der ungarischen Scholle an. „Zwei Drittel des Landes wurden weggenommen“, so der bitter anklagende Text zur zeichnerischen Umsetzung von Ungarns ewig blutender Trianon-Wunde.

Wenige Tage zuvor hatte im nahen Triest der für europäische Zusammenarbeit zuständige Stadtrat Lorenzo Giorgi von der Forza Italia per Facebook unter der Schlagzeile „Unser Italien“ eine Karte veröffentlicht, die bei den Nachbarn für eine nicht minder kräftige Verstimmung sorgte: Sie zeigt nicht nur das französische Korsika und den Schweizer Tessin, sondern auch das heute zu Slowenien und Kroatien gehörende Istrien sowie das kroatische Dalmatien als Teil Italiens.

Staatlich kultivierter Revisionismus

Wo hört Nostalgie auf und wo fängt staatlich kultivierter Revisionismus an? Ähnliche Klagegesänge wie in Ungarn über den Trianon-Vertrag werden in Deutschland gelegentlich zwar auch noch in nationalistischen Kreisen über das „Diktat von Versailles“ angestimmt. Doch hundert Jahre nach dem Versailler Vertrag scheint es in Berlin heute undenkbar, dass eine offizielle Regierungsstelle die französischen, polnischen oder tschechischen Nachbarn mit einer Landkarte über als geraubt dargestellte Gebietsverluste brüskieren könnte.

Für das sich gleich von zwei EU-Nachbarn provoziert fühlende Slowenien ist die Grenze des Erträglichen mittlerweile erreicht. Denn schon im Februar hatte der scheidende Europaparlament-Vorsitzende Antonio Tajani bei einer Gedenkveranstaltung für italienische Weltkriegsopfer mit der Botschaft „Lang lebe das italienische Istrien“ die slowenischen EU-Partner nachhaltig verärgert. Seine als Entschuldigung gemeinte Erklärung, dass sein Gruß eine „Botschaft des Friedens“ gewesen sei, vermochte die aufgebrachten Gemüter in Ljubljana kaum zu beruhigen. Weder Tajanis Rede noch seine „halbherzige Entschuldigung“ trage irgendetwas zum Frieden bei, ergrimmte sich der frühere Premier Lojze Peterle.

Die Veröffentlichung von Landkarten, die als Ausdruck von territorialen Ansprüchen verstanden werden könnten, werde von Sloweniens Öffentlichkeit und Politik „mit Sorge und Ablehnung“ aufgenommen, so Staatschef Borut Pahor. Auffällig schweigsam und kommentarlos hat hingegen die sich sonst so patriotisch gebärdende SDS von Ex-Premier Janez Jansa auf den jüngsten Affront aus Budapest reagiert: Sloweniens größte Oppositionspartei ist mit der Fidesz von Ungarns Premier Viktor Orban eng verbandelt.

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