NiederanvenKlimaneutral bis 2030: Zentrumsgemeinde setzt auf Fotovoltaik und zweieinhalb Windräder

Niederanven / Klimaneutral bis 2030: Zentrumsgemeinde setzt auf Fotovoltaik und zweieinhalb Windräder
Bürgermeister Fréd Ternes hat vor, alle Privathaushalte seiner Gemeinde bis 2030 mit erneuerbarer Energie zu versorgen Fotomontage: Editpress

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Fotovoltaikanlagen auf so vielen Gebäuden wie möglich und zweieinhalb Windräder: Niederanven will bis 2030 klimaneutral sein. Die schwarz-grüne Koalition hat sich für die nächsten sechs Jahre viel vorgenommen. Das Tageblatt hat mit CSV-Bürgermeister Fréd Ternes über die Pläne der Kommune gesprochen.

Tageblatt: Die Gemeinde Niederanven soll bis 2030 klimaneutral sein. Das ist ein ehrgeiziges Vorhaben. Was heißt das genau?

Fréd Ternes: Das bezieht sich nur auf die Privathaushalte, also nicht die Industrie – aber das ist noch immer ehrgeizig. Wir haben etwa 2.400 Haushalte, die 13,5 Millionen Kilowattstunden (kWh) Strom pro Jahr verbrauchen. Davon werden momentan 1,5 Millionen erneuerbar hergestellt, es fehlen also 12 Millionen. Wir wollen deswegen massiv auf Fotovoltaik setzen. Ein Beispiel: Wir arbeiten momentan mit einer Kooperative zusammen, um eine Anlage von 240 kW auf dem Altersheim zu installieren. Um den kompletten Strombedarf zu decken, bräuchten wir 50 davon. Ein paar davon werden wir zusammen mit der Energiekooperative Syrdall installieren.

Das reicht allerdings noch nicht – vor allem mit dem möglichen Bevölkerungswachstum.

Bei uns gibt es das Potenzial für eine Verdopplung der Einwohner. Aber wir wollen es obligatorisch machen, dass alle Neubauten Fotovoltaikanlagen benötigen und das wird jetzt relativ kurzfristig kommen. Gleichzeitig heben wir unsere Prämien an. Der Staat ist mittlerweile bei einem Zuschuss von 62,5 Prozent für eine Fotovoltaikanlage, wenn man den Strom selbst nutzt. Als Gemeinde geben wir unseren Bewohnern noch einmal zusätzlich 30 Prozent der staatlichen Prämien – das wollen wir auf 50 Prozent erhöhen. Dann werden knapp 94 Prozent der Kosten vom Staat und der Gemeinde übernommen. Für die Menschen ist das rentabel.

Das betrifft allerdings nur den Stromverbrauch. Wie sieht es mit dem Heizen aus?

Das ist die große Herausforderung. Wir sind bei 100 Millionen kWh, die für das Heizen benutzt werden. Davon werden momentan vier Millionen erneuerbar hergestellt. Es führt kein Weg an der Elektrifizierung vorbei, weil man für ein Kilowatt Heizen nur 0,3 bis 0,5 Kilowatt Strom in der Produktion benötigt. Heißt: Aus den 96 Millionen nötigen kWh werden dann etwa 38 Millionen. Das kann man mit zweieinhalb Windmühlen decken. Wir müssten also 50 größere Solaranlagen und zweieinhalb Windmühlen bauen. Das ist schon ehrgeizig, aber ich bin jetzt zwölf Jahre in der Politik und ich habe gelernt, wenn man sich nicht ein ambitioniertes Ziel gibt, dann bewegt man sich nie in die richtige Richtung.

Das müsste dann alles in dieser einen Legislaturperiode angestoßen werden. Haben Sie schon einen Plan?

Das Fotovoltaik-Ziel ist kein Problem. Was wir noch nicht mit Sicherheit wissen, ist die Frage der Windanlagen. Die Standortanalysen sind nahezu abgeschlossen. Wie schnell das voranschreiten kann, hängt an den Prozeduren. Aber das kann auch sehr schnell gehen.

Die Gemeinde hat 73,5 Millionen Euro Reserve. Es ist also Potenzial da, um in den Energiesektor zu investieren.

Welche Standorte kommen denn infrage?

Potenziell sind es zwei.

Aber Sie benötigen zweieinhalb Windräder. Wie geht das auf?

CSV-Bürgermeister Fréd Ternes
CSV-Bürgermeister Fréd Ternes Foto: Editpress/Alain Rischard

Es sind zwei grobe Standorte. Das verhindert nicht, dass man versucht, ein drittes noch unterzukriegen. Junglinster plant fünf Anlagen zu bauen und wir schauen, ob man dort ein Joint Venture machen kann. Die ersten Gespräche laufen.

Wie schwierig war es, mögliche Standorte zu finden, da ja der Flughafen zum Teil in der Gemeinde Niederanven liegt?

Genau. Diesen Teil kann man schon ganz weglassen. Dann kommt für die beiden Windmühlen eigentlich nur noch die Anhöhe zwischen Ernster und Rammeldingen infrage. Wir arbeiten mit der Firma Soler zusammen, die auch die anderen Windkraftparks in Luxemburg macht. Gerade führt sie die nötigen Analysen durch. Solange wir diese Resultate nicht haben, ist es schwierig, zu sagen, in welchem Zeitraum das Projekt abgeschlossen werden kann.

Was passiert, wenn keiner der beiden Standorte zugelassen wird?

Wenn wir keine einzige Windanlage hierhin bekommen, ist es unmöglich, das Ziel beim Heizen zu erreichen. Es gibt allerdings auch noch enorm viel Potenzial beim Isolieren. Da wollen wir auch relativ kurzfristig alle Haushalte anschreiben, die in Häuser leben, die schlecht isoliert sind und sie auf die Zuschüsse hinweisen. Bis jetzt ist angedacht, mit der Klima-Agence zusammenzuarbeiten, um den Menschen mitzuteilen, welche Zuschüsse bei der Größe und dem Energiewert ihres Hauses infrage kommen.

Werden die kommunalen Zuschüsse für das Isolieren ebenfalls angehoben?

Genau, ebenfalls auf 50 Prozent der staatlichen Prämien.

Das klingt alles nach viel Geld. Wie sieht das Budget für die Maßnahmen aus?

Momentan gibt es noch keinen definitiven Betrag. Die Gemeinde hat 73,5 Millionen Euro Reserve. Es ist also Potenzial da, um in den Energiesektor zu investieren. Eine Windkraftanlage kostet etwa sechs bis sieben Millionen. Wenn wir zwei bauen und uns zur Hälfte beteiligen, dann sind das sechs bis sieben Millionen. Ich glaube schon, dass Potenzial da ist, um zehn Millionen in die Energietransition zu investieren.

Viele Politiker haben die Notsituation noch immer nicht erkannt

Ist das etwas, was sich nur reiche Gemeinden leisten können?

Es gibt sicher Gemeinden, die sagen, dass sie einen Windpark nicht finanziell stemmen können. Aber es gibt Akteure in Luxemburg, die das machen. Niederanven muss keine Schulden machen, um so etwas zu bauen, aber das sind Projekte, die sich auch so rechnen. Bei einer Fotovoltaikanlage hat sich die Investition nach spätestens sieben Jahren amortisiert. Gemeinden müssen den Mut haben, einen Kredit aufzunehmen und darin zu investieren. Es gibt außerdem Energiekooperativen. Wir haben mittlerweile zwei Fotovoltaikanlagen mit ihnen gemacht – das kostet uns nichts. Sie bekommen von uns ein Dach – das wir sowieso haben –, wir müssen keine Anlage installieren, bekommen einen symbolischen Euro und nach 15 Jahren fällt die Anlage komplett an die Gemeinde zurück. Das kostet die Kommune keinen Cent.

Die Zuschüsse kosten auch Geld …

Das ist richtig. Da liegen wir momentan bei etwa 100.000 Euro pro Jahr. Wenn man das allerdings auf ein Budget von 35 Millionen Euro rechnet, dann ist das eine Sache der Priorisierung. Ein großes Kulturzentrum kostet 20 Millionen. Ich fahre durch viele kleine, ärmere Gemeinden und jede hat ein solches Gebäude – davon kann man 200 Jahre Zuschüsse ausbezahlen.

Es ist angenehmer, ein Kulturzentrum zu bauen, als zu schauen, dass eine Gemeinde klimaneutral ist

Woran liegt es denn Ihrer Meinung nach, dass andere Gemeinden nicht so ehrgeizig sind?

Als ich vor zwölf Jahren als Schöffe angefangen habe, war ich 24. Viele ältere Politiker haben sich damals gefragt, ob es den Klimawandel überhaupt gibt. Vor ein paar Jahren hatte ich das wieder. Viele Politiker haben die Notsituation noch immer nicht erkannt. Ich will niemandem einen Vorwurf machen, man hat als Politiker so viel zu tun und dann macht man natürlich die Sachen, bei denen die Menschen am lautesten schreien. Es ist angenehmer, ein Kulturzentrum zu bauen, als zu schauen, dass eine Gemeinde klimaneutral ist. Doch im Endeffekt kommt es den Menschen zugute.

Sind die Bürger Ihrer Gemeinde begeisterter von der Energietransition als in anderen Kommunen?

Auch hier wird es Gegenwind geben. Da muss man dann Mut haben. Ich bin nicht die Art Politiker, die nur da sitzen und jedem zustimmen. Die Menschen wohnen hier mitten im Grünen und sind hier wenigstens naturbewusst. Vor allem, was Fotovoltaik betrifft, ist die Bereitschaft in den vergangenen zehn Jahren enorm gestiegen – und davon muss man profitieren.

Welche Rolle spielt dabei der Klimapakt? Ist das nur eine nette Initiative oder ist es die treibende Kraft hinter dem Vorhaben?

Der Klimapakt ist für mich ein Rahmen, der vorher nie da war. Als ich angefangen habe, gab es vereinzelte Aktionen, aber es gab kein Framework, das definierte, was wir in welchen Bereichen machen. Es war sehr viel Arbeit am Anfang, am Klimapakt teilzunehmen, aber der große Vorteil ist danach, dass man den Fortschritt messen kann. Und man hat Zugriff auf einen riesigen Katalog, der national und sogar europäisch definiert ist. Unsere Gemeinde bekommt im Herbst die Gold-Zertifizierung des Klimapakts. Vor zehn Jahren waren wir weit weg davon. Der Klimapakt hat dem Ganzen einen Rahmen gegeben.

Kleiner Stromer
21. September 2023 - 9.33

Das Ziel des Schöffenrats finde ich super!!!

Endlich mal eine Gemeinde die etwas tut und ich hoffe, dass dieses tolle Projekt in der Gemeinde eine breite Unterstützung findet und auch umgesetzt wird.

Leider geht aus dem Artikel nicht genau hervor wie die Umsetzung gestaltet werden soll. Geht der in der Gemeinde auf den Dächern der öffentlichen Gebäude und der Windräder erzeugte Strom nur ins Netz der Creos und wird bilanziell gewertet? oder wird er direkt vor Ort in Form einer Energiekooperative den Bürgern der Gemeinde (kostengünstiger, weil ohne Netzgebühren) zur Verfügung gestellt.

Wenn es wieder so gemacht wird wie bei dem Solarfeld in Bertrange dann stellt die Gemeinde alles kostenlos zur Verfügung und zahlt die Subsiden.
Der Bürger kauft seinen teueren Strom weiterhin bei der Enovos, der Staat zahlt die Kappung des überteuerten Stroms und die Enovos freut sich über günstig hergestellten Strom, den sie für das Vielfache verkaufen können und macht die dicken Gewinne!
Da gibt es bessere Modelle mit Eigenstromnutzung ohne Netzeinspeisung!...nur mal so am Rande.