Am Samstag wurde die gleichnamige Ausstellung “Breaking the Silence” in der Abtei Neumünster in Luxemburg eröffnet. Die Besucher hatten im Anschluss die Möglichkeit, einem Interview mit einem der israelischen Soldaten beizuwohnen und auch selbst Fragen zu stellen.

“Es gibt keine moralisch vertretbare Art der Besatzung!”, erklärt Chay, ein ehemaliger israelischer Soldat, der nach der zweiten Intifada in den besetzten palästinensischen Gebieten stationiert war. Vor einem gut besetzten Saal erzählt der 28-Jährige von seinen Erfahrungen. In Israel bekommt man, wenn man nicht hinsieht, auch nichts mit von dem, was jenseits der “Grünen Linie” geschieht. Vor seiner Armeezeit hat er zwar Palästinenser gesehen, jedoch nie mit einem von ihnen gesprochen. “Jeder Palästinenser ist ein potenzieller Terrorist.” Der Hass, aber vor allem die Angst vor den Palästinensern ist fest verankert.

Sobald die jungen israelischen Soldaten in den besetzten Gebieten eingesetzt werden, werden sie jedoch mit einer anderen Art der Realität konfrontiert. Sie gehen in die Armee mit dem Ziel, für Sicherheit gegen Terrorismus zu sorgen, und finden sich wieder, wie sie mit geladenen Gewehren fünfjährigen Jungen hinterherjagen oder mitten in der Nacht zur willkürlichen Passkontrolle in Familienhäuser eindringen. All das mit dem Ziel, die Palästinenser ihre Präsenz vor Ort spüren zu lassen – für die israelische Sicherheit, erzählt Chay.

Zurück zu Hause wird über dieses Tabuthema nicht gesprochen. Die meisten Menschen wissen nichts über die erschreckende Realität, die sich in ihrer unmittelbaren Nähe abspielt.

Aufklärung

Viele ehemalige Soldaten haben sich aus diesem Grund der Organisation “Breaking the Silence” angeschlossen und möchten so für Aufklärung in der Gesellschaft sorgen. Zeugenaussagen beschreiben Erniedrigungen und Schikanen, Folter, Gewalt, Machtausübung und Unterdrückung als den Alltag in den besetzten Gebieten. Die Soldaten erklären, dass die meisten Entscheidungen, die sie während ihrer Besatzungszeit treffen mussten, moralisch, menschlich und rechtlich nicht zu vertreten sind und in Frage gestellt werden müssen.

Das Schweigen muss gebrochen werden, und die Menschen müssen wachgerüttelt werden. Das Ziel der Organisation ist es, ein Ende für die Besatzung zu finden.

Die Ausstellung zeigt circa 100 privat aufgenommene Fotografien von Szenen aus dem Alltag in den Besatzungsgebieten. Es sind Amateuraufnahmen, interessant sind aber vor allem die Bildunterschriften in Form von Zeugenaussagen, die einen Einblick in die Gedanken der Soldaten gewähren lassen:

“… when your enemy is an Arab or somebody else like in your eyes … like, you don’t look at him as a person standing in front of you, but as the enemy, and this is the word for him: enemy. He is not a dog, he is not some animal, you don’t think of him as inferior, he simply doesn’t count.”

Ignoranz brechen

Diese Aussage spiegelt sich in vielen der Fotos wider. Erinnerungsfotos mit Gefangenen, neben denen die Soldaten stolz grinsend posieren, oder Graffitis mit dem Ausspruch: “Araber in die Gaskammern”. Besonders erschreckend ist die Bilderserie eines toten palästinensischen Terroristen, neben dessen entstellten Körper sich sämtliche Soldaten für ein Triumphfoto ablichten haben lassen und, um es besser aussehen zu lassen, dafür manchmal sogar Photoshop verwendet haben. Die israelische Regierung und die Armee lehnen die Aktivitäten der Organisation ab, und es ist nicht leicht, Medienpräsenz in Israel zu bekommen. Jedoch hofft die Organisation, durch Aufklärung auch außerhalb Israels, so viel zur Öffentlichkeit wie möglich durchzudringen und somit zu helfen, die Ignoranz zu brechen und die Dringlichkeit der Aufklärung bewusst zu machen.

Für die Dauer der Ausstellung bietet Chay kostenfreie Gruppenführungen in englischer Sprache an und berichtet von seinen eigenen Erlebnissen. Bei Interesse kann man sich das Buch “Our Harsh Logic” auf Englisch oder Französisch kaufen.

Nina Guagnano