Wenn Söhne auf ihre Väter treffen, prallen ebenfalls zwei Generationen, verschiedene Erfahrungswelten und Ansichten aufeinander. Dass dies Sprengpotenzial birgt, zeigt auch Daniela Löffners Inszenierung von “Väter und Söhne”, die kommende Woche im Grand Théâtre gastiert.

Von Monica Camposeo

Arkadi und sein Studienfreund Jewgeni besuchen nach intellektuell anstrengenden und fordernden Uni-Seminaren in der Großstadt Arkadis Familie in der für sie piefigen, russischen Provinz. Die Erwartungshaltung der Gäste entspricht dabei nicht ganz den Vorstellungen, die sich die Familie vor dem Besuch zusammengesponnen hat. Die Ereignisse überschlagen sich. Daran sind die jungen Gäste allerdings nicht ganz unschuldig, lassen sie doch keine Gelegenheit aus, um die ländlichen Konventionen der Älteren infrage zu stellen und zu kritisieren. Letztere lassen sich natürlich nichts sagen. Auch mit Fernglas ist kein Kompromiss in Sicht.

Iwan Turgenjews Roman “Väter und Söhne”, das den Ausgangspunkt für diese Inszenierung darstellt, erschien 1861. Nichtsdestotrotz scheinen die Handlung und der Konflikt, aus der sie resultiert, aktueller denn je.

Der beständige Nihilismus der beiden Studenten, ihre Zweifel an allem und die Überzeugung, das einzig Wahre gefunden zu haben, bringt die Stimmung schon bei der Ankunft zum Brodeln. Vor allem der schwarz gekleidete Jewgeni (gespielt von Alexander Khuon), stets mürrisch philosophierend, gibt sich keinerlei Mühe, seine Hochnäsigkeit zu verstecken. Jedoch stellt sich die Frage, ob er nicht vielleicht doch Recht hat mit dem Motto: “Das Nützlichste, was man tun kann, ist ablehnen, verwerfen, verneinen.” Die Standpunkte fließen, die Moral zerbröckelt. Das Stück nimmt sich viel Zeit, um die langsame Entwicklung aufzudröseln. Manch einer würde sagen zu viel Zeit – dafür, dass die Einsicht bloß wie eine billige Fassade wirkt.

Als Arkadis Vater überraschend proklamiert: “Und wer weiß schon, was die richtige Ordnung der Dinge ist”, könnte der Anschein erweckt werden, die Einsicht sei nah, das Leben habe nun mal keinen Sinn. Doch dann wird wieder getafelt, geliebt und gelacht. Das Rädchen dreht sich wieder im System.

Bei diesem Stück verzeiht die 360-Grad-Bühne nichts. Das Publikum schaut von allen vier Seiten auf das Treiben und bekommt wechselnde Gesellschaft von den Protagonisten. Mal setzt sich eine Schauspielerin in die erste Reihe und verfolgt das Geschehen ihres eigenen Stücks als Außenstehende.

Mal lauschen der Vater oder der Onkel vom Bühnenrand den Gesprächen, die sie eigentlich gar nicht mitbekommen sollten, weil sie in der Szene ja nicht auf der Bühne sind. Das Theaterspiel ist aufgelöst, mit einem Schritt ist man raus aus dem magischen Teil des Parketts.

Das Publikum erwartet ein spannendes Familiendrama, dem es jedoch nicht an Komik fehlt. Reich an Theatralität, aber nie überzeichnet, sodass einem die Figuren in fast vier Stunden durchaus nahe gehen.

Zur Identitätsgrübelei im Theatersessel trägt auch der dargestellte ewige Generationenstreit bei, der wohl nie ausdiskutiert sein wird. Regisseurin Daniela Löffner vertraut demnach auf ein Thema, das immer wiederkehrt und nie aus der Mode kommt. Löffners Inszenierung von “Väter und Söhne” lässt tief blicken. Das Ensemble aus dem Deutschen Theater Berlin leistet mit einem intensiven, stets schmerzlich authentischen Spiel ganze Arbeit.

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