Ja, sagt Prof. Dr. Heinz Günnewig. Der Dozent an der Universität Luxemburg sprach am Mittwoch im Kulturzentrum in Colmar-Berg zum Thema „Bücher machen Kinder froh; und Erwachsene ebenso“.
Auf unterhaltsame Weise legt er dar, wie wichtig es ist, Leselust und Lesevermögen von Kindern zu entwickeln und zu fördern. Lesefähigkeit ist für ihn die Basisfähigkeit zur Schulung des Geistes, zum Umgang mit elektronischen Medien und, neben Sprachvermögen, der Zugang zum gesellschaftlichen Leben.
PISA frage nicht nach Lernbereitschaft und gedanklicher Disposition, PISA frage nur nach Leistung. Dass das Thema ihm eine Herzensangelegenheit ist, merkt man seinen Worten an. 50% der Jugendlichen sind bekennende Nicht-Leser. Lesen, sagt Günnewig, hat eine subversive Wirkung, stellt Lebensumstände in Frage, weckt Hoffnungen und Sehnsüchte. Warum lesen dann immer weniger, wenn es doch ein Glück ist zu lesen?
Die ganze PISA-Aufregung würde sich erübrigen, gäbe es genügend Erwachsene, die über gute Kenntnisse zur Kinder- und Jugendliteratur verfügen. In der Aufzählung der wichtigsten Bücher der Literatur finden sich keine Kinder- und Jugendbücher, ein erbarmungswürdiger Wissensnotstand, meint der Professor. Dem kann er aber gleich abhelfen. Eine große Auswahl an Büchern hat er mitgebracht. Bilderbuchkünstler stellt er vor, deren Bücher man den Kleinen unbedingt an die Hand geben muss. Antony Browne mit „Willi der Maler“ ist dabei, Binette Schroeders Mär „Der Froschkönig“, Lisbeth Zwegers „Der selbstsüchtige Riese“ mit zauberhaften Bildern und natürlich Tomi Ungerer. Maurice Sendak, der sich in die kindliche Seele hineinmalt, oder auch Chris van Allburgs „Polarexpress“.
Was wir heute investieren, investieren wir in die, die später über unsere Geschicke entscheiden. Die Aufmerksamkeit müsse mehr auf die frühe Kindheit gerichtet werden, hier tue Bildung not. Wer nimmt sich noch Zeit, Kindern am Abend vorzulesen?
Gerade schwache Kinder brauchen Bildung, damit aus ihnen keine schwachen Erwachsenen werden. Lesen eröffnet Räume, in Geschichten ist alles möglich. „Bücher“, sagt Günnewig, „sind die wahren Selbsterziehungscamps, sie zeigen, wie wir sein könnten, wenn wir anders wären“. Gerade im Jugendalter könnten Bücher Probebühnen für wechselnde Lebensrollen sein.
Geschichten wie Kevin Brooks „Candy“, Patricia McCormicks „Verkauft“ oder Sonya Harnetts „Schlafende Hunde“ sind solche, die Jugendliche lesen sollten. Lesen gibt Orientierung und trägt entscheidend dazu bei, sich persönliche Identität anzueignen. Darum brauchen Kinder und Jugendliche Literatur.
Natürlich gilt es auch zu bedenken, was und wie gelernt werden soll und was diejenigen mitbringen sollen, die mit Kindern umgehen. Bücher sollten zur Alltagskultur gehören, wie Brötchen, Brillen und Unterwäsche, gibt Prof. Günnewig den interessierten Zuhörern mit auf den Weg, man kann sie genießen, besser sehen und sie sind verführerisch.