Die Philharmonie bot in der vergangenen Woche drei außergewöhnliche Konzerte,
die von Thomas Hengelbrock, Christoph König und Bernard Haitink dirigiert wurden.

Denkt man an die Komponisten Franz Schubert oder Robert Schumann, so spricht man in erster Linie von ihren wunderbaren Liedern, ihrer Kammermusik und ihren Symphonien. Thomas Hengelbrock und sein Balthasar-Neumann-Ensemble und Chor zeigten an Wochenende auch eine andere Seite dieser Komponisten.

Das Konzert begann mit dem kurzen Stabat Mater D 175 von Franz Schubert, einem kaum gespielten und eher simplen geistlichen Werk. Ohne Pause ließ Hengelbrock Schuberts Symphonie Nr. 8 h-moll „Unvollendete“ D 759 folgen, was dem ersten Konzertteil eine besondere atmosphärische Dichte und musikalische Logik gab. Es war dann auch die Unvollendete, die interpretatorisch das Augenmerk auf sich zog. Hengelbrock dirigierte das Werk ohne Sentimentalität, versah es mit scharfen Akzenten und einem an verschiedenen Stellen sehr dramatischen Charakter, was durch diesen Kontrast wiederum die wunderbar lyrischen Passagen in ein ganz neues Licht rückte.

‘Im zweiten Konzertteil konnte das Publikum Robert Schumanns zum Teil dunkel gefärbte, zum Teil in schönsten Klängen leuchtende Missa sacra c-moll erleben. Hengelbrocks intensives Dirigat, das exzellente Spiel des Balthasar-Neumann-Ensembles und der absolut phänomenale Balthasar-Neumann-Chor ließen Schumanns aufwendige Missa sacra mit transzendentaler Kraft und emotionaler Tiefe erklingen.

Welch tolle Symphonie!

Die drei solistischen Einlagen wurden sehr gut (Mirko Ludwig, Tenor) bzw. hervorragend Agnes Kovacs, Sopran, Raimonds Spogis, Bariton) aus dem Chor heraus besetzt und vorgetragen. Als Zugabe und Dank für den begeisterten Applaus gab es dann noch das wunderschöne Lied Verleih uns Frieden von Mendelssohn-Bartholdy, das, wie Thomas Hengelbrock erklärte, ein Lieblingsstück von Robert Schumann war.

Raritäten und wenig gespielte Werke neu zu entdecken, ist Programm bei den Solistes Européens Luxembourg und ihrem Dirigenten Christoph König. Die Mischung von Unbekanntem und beliebten Klassikern scheint dem Publikum zu gefallen. Jedenfalls gab es sehr viel Applaus nach der Aufführung der Symphonie in d-moll op. 20 von Albert Hermann Dietrich (1829-1908), einem Zeitgenossen und Freund von Robert Schumann und Johannes Brahms, am Montag. Die Symphonie ist außerordentlich interessant und bietet mit ihren 40 Minuten Spieldauer genug Raum und Zeit, eine z.T. ungewöhnliche Musik zu entdecken.

Da ist beispielsweise der 1. Satz, der wie eine dramatische Tondichtung im Sinne Smetanas daherkommt. Slawische Einflüsse einerseits, Brahms-ähnliche Melodien andererseits findet man in den anderen drei Sätzen. Mal pastoral, mal tänzerisch, mal kraftvoll, Dietrichs Symphonie – wenn man sich denn darauf einlässt – weiß immer wieder zu überraschen und zu packen. Christoph König und die SEL hatten das Werk hervorragend eingeprobt, sodass die Musik sehr stimmungsvoll, flüssig und mit einem sehr natürlichen Atem versehen daherkam.

CD-Tipp 1

A. Dietrich: Symphonie in d-moll, Violinkonzert, Introduktion und Romanze; Elisabeth Kufferath, Violine, Marie Louise Neunecker, Horn, Oldenburgisches Staatsorchester, Alexander Rumpf; 2 CD cpo 777 314-2; Aufnahme: 03/07 (86’19).

Die einzige erhältliche Aufnahme von Dietrichs Symphonie in der sehr guten Interpretation des Oldenburgischen Staatsorchesters. Auch Dietrichs Violinkonzert macht Lust auf mehr.

 

 

CD-Tipp 2

R. Schumann: Cellokonzert op. 129, Adagio und Allegro op. 70, Fantasiestücke op. 73 & 88, Fünf Stücke im Volkston op. 102; Gautier Capuçon, Cello, Martha Argerich, Klavier, Renaud Capuçon, Violine, Chamber Orchestra of Europe, Bernard Haitink; 1 CD Erato 0190295634216; Aufnahmen: 2009-15 (78’19).

Die Interpreten dieser CD, allen voran der geniale Cellist Gautier Capuçon, geben uns eine Lektion in Sachen Stil und Musikalität. Haitink dirigiert tiefenentspannt. Musik pur.

Gegenüber den Blech- und Holzbläsern hätte man sich allerdings etwas mehr Streicherpräsenz gewünscht. Ein etwas dünner Streicherklang (was aber wohl eher der Akustik und der Größe des Saals anzurechnen war, denn auf den Aufnahmen ist die Balance dann meistens wieder optimal) fiel dann auch bei der 2. Symphonie von Brahms auf.

Der 1. Satz geriet im ersten Drittel etwas zögerlich und mit unsicheren Einsätzen, danach hatten dann die SEL (trotz eines z.T. zu dominanten Solohornisten) ihren Brahms-Klang gefunden und Christoph König konnte sein schlankes, wendiges Interpretationskonzept bestens umsetzen.

Das Konzert hatte mit der selten gespielten Genoveva-Ouvertüre von Robert Schumann hochkarätig begonnen, die unter Königs Leitung zu einem echten Juwel wurde. Entdeckung des Abends war aber auf jeden Fall die Symphonie von Albert Hermann Dietrich.

Der geliebte Dirigent

Er ist eine der letzten lebenden Dirigentenlegenden. Bernhard Haitink, langjähriger Chefdirigent des Concertgebouw Orchestra Amsterdam, wird am 4. März dieses Jahres 90 Jahre alt. Trotzdem tritt er auch nach 65(!) Jahren Karriere immer noch regelmäßig auf das Dirigentenpodium und überall, wo er dirigiert, schlägt ihm die gleiche Begeisterung und die gleiche Liebe des Publikums entgegen.

Auch am Dienstag in Luxemburg wurde er am Ende des Konzerts mit lautstarkem Jubel und lang andauernden Standing Ovations gefeiert. In der Philharmonie trat er mit dem Chamber Orchestra of Europe und dem Solisten Gautier Capuçon auf. Auf dem Programm: die Ouvertüre, Scherzo und Finale op. 52 und das Cellokonzert von Robert Schumann sowie die Symphonie Nr. 7 von Ludwig van Beethoven.

Es war ein Konzert, dem eigentlich nichts hinzuzufügen ist. Bei Haitinks Konzerten weiß man immer, dass man als Hörer Musik pur und Musik in ihrer schönsten Form geboten bekommt, egal, ob er jetzt mit dem Concertgebouw, den Wienern oder, wie hier, dem Chamber Orchestra of Europe auftritt. Wie bei kaum einem anderen Dirigenten erübrigt sich die Frage nach der Interpretation. Wenn Haitink dirigiert, dann erlebt man immer absolute Musik. Demnach war Schumanns Ouvertüre, Scherzo und Finale ein Musterbeispiel an Stil, Balance und Ausdruck. Das Konzert dirigierte Haitink dynamischer als in seiner Aufnahme, die weitaus poetischer, aber deshalb nicht besser ist. Nur eben anders.

Solist in diesem Konzert (und auf CD) war Gautier Capuçon, der das etwas sperrige, aber sehr einfallsreiche und musikalisch wertvolle Konzert mit großem Atem, interpretatorischem Feingefühl und diskreten Farben spielte. Als Zugabe erlebte das Publikum Chants des oiseaux für Cello Solo und Cellogruppe von Pablo Casals. In der zweiten Konzerthälfte dirigierte Haitink eine eher klassische, aber sehr vitale, dynamische und lebensbejahende 7. Symphonie von Ludwig van Beethoven.

Wir wünschen Bernard Haitink an dieser Stelle alles Gute für seinen 90. Geburtstag und ich persönlich bedanke mich bei diesem Künstler für viele außergewöhnliche Konzerte, die ich unter seiner Leitung erleben durfte, und natürlich für die unendlich vielen Aufnahmen, die mich nunmehr seit über 40 Jahren begleiten und immer noch begeistern.

 

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