Für “Luxemburger Porträts 2018” lichtete der luxemburgische Fotograf Marc Wilwert insgesamt 52 mehr oder weniger bekannte Landsleute ab. Von diesen werden nun 38 in der Galerie Clairefontaine gezeigt.

Von Christian Schaack

Tatsächlich sind seit der Erstauflage dieses Formats bereits 20 Jahre vergangen und die Galerie feiert zudem 30-jähriges Bestehen. So bündeln sich in diesem Projekt vergangene Initiativen mit neuen Ideen zum aktuellen Geburtstagsereignis.

1997 schoss Marina Abramovics damaliger Weggefährte Uwe Laysiepen alias Ulay die erste Staffel Luxemburger Porträts mit einer großformatigen Polaroidkamera in Amsterdam. Jedes Foto war ein Einzelstück und jede Person stand auf individuelle Art vor der Kamera. Fünf Jahre später posierten sie erneut – und zwar vor einer Wärmebildkamera von Luxcontrol unter der Aufsicht des Künstlerduos Daniel und Geo Fuchs. 2012 fand dann ein dritter Versuch statt. Doch nachdem alle Porträts abgelichtet waren, wurden die Bilder nicht von der Fotografin herausgegeben. Eine Erklärung für dieses Handeln gab es ebenfalls nicht.

Beim Porträt handelt es sich um die vielleicht nobelste Aufgabe in der Fotografie. So sollte ein gutes Porträt nicht nur das Modell erkenntlich darstellen, sondern auch dessen Persönlichkeit. Da es sich um eine Momentaufnahme handelt, gelingt es den allerbesten Fotografen sogar, die innere Gedankenwelt der abgelichteten Person festzuhalten.
Dabei wurde dieser Anspruch bereits Ende des Quattrocento von Leonardo da Vinci perfekt erfüllt. Seinem Gemälde “Dame mit dem Hermelin” gelingt es beispielhaft, den Gemütszustand und die Gedankenwelt der 17-jährigen Cecilia Gallerani wiederzugeben. Zuversichtlich und mit sanfter Körpersprache schaut Letztere in die Zukunft. Neben einer zarten Lichtführung und einer symbolträchtigen Bekleidung benutzt Da Vinci sehr gezielt die Körpersprache, um den Augen diesen hoffnungsfreudigen Ausdruck zu verleihen. Dabei spielt der schwarze Hintergrund keine wesentliche Rolle: Er betont auf neutrale Weise die Figur.

Marc Wilwert benutzt in seiner Serie systematisch einen weißen Hintergrund. Emotionslos hüllt dieser die Porträts in pure Helligkeit. Zudem wurde jedem Modell ans Herz gelegt, sich weiß anzuziehen. Somit sticht vor allem das jeweilige Gesicht hervor. Unberührt, rein und unverfälscht erscheint so jede Persönlichkeit. Dieses einheitliche Gestaltungsprinzip ergänzt Wilwert durch die systematische Verwendung eines lichtstarken Objektivs mit offener Blende. Auf diese Weise sind fast nur die Augen scharf, der Rest des Antlitzes verschwindet rasant in zunehmender Unschärfe.

Bitte nicht lächeln

Dadurch wirken die Gesichter sanft und mild. Sie lösen sich förmlich auf und erlangen einen vergänglichen Charakter. Jedoch können die Mienen nicht wirklich “durchatmen”: Sie verharren eng in den Bildausschnitt eingesperrt. Die Haare werden so in mehreren Fällen angeschnitten und die Fotografierten systematisch auf Höhe des Schlüsselbeins abgetrennt. Auf diese Weise entstehen kompakte und abrupte Porträts, die formell die Merkmale eines Passfotos übernehmen. Eingepferchte Gebärden widersprechen auf diese Weise der gewollt fehlenden Tiefenschärfe.

Anhand dieser Tatsachen bleiben dem Fotografen nur noch zwei Parameter, um ein gelungenes Bild festzuhalten: das Licht und der Ausdruck der Augen. Als Lichtquelle wählte Wilwert den sogenannten Ringblitz, der die Gesichter homogen hell und ausgeglichen sachte beleuchtet. Leider hinterlässt dieser Blitz ein perfekt ringförmiges Glanzlicht in den Pupillen. Dies wirkt sehr störend, da die Augen unnatürlich erscheinen. Für den Betrachter hat dies zur Konsequenz, dass man nicht in die Augen der Modelle schaut, sondern in das Blitzlicht.

Da der Fotograf bewusst auf jegliche Körpersprache verzichtet, bleiben nur noch die Augen mitsamt der Mimik, um Akzente zu setzen. Also muss man die Modelle in einem ausdrucksvollen Moment festhalten. Stattdessen gab Wilwert ihnen jedoch die Vorgabe, nicht zu lächeln, sprich einen neutralen Gesichtsausdruck einzunehmen. Demnach waren keine lachenden Augen erwünscht. Gerade deswegen fehlt vielen Porträts ein lebendiges Zusammenspiel zwischen Sehorgan und Mimik. Auch die innere Gedankenwelt bleibt allzu oft auf der Strecke: Was die Personen denken oder wie sie sich fühlen, kommt nicht immer zum Vorschein.

Letztlich hat sich der Künstler viel Mühe gemacht, um eine moderne und ausgereifte Vorgehensweise umzusetzen. Es gelingt Wilwert jedoch nicht, die Serie am Ende so einheitlich wie geplant erscheinen zu lassen. Schade auch, dass dieses Unterfangen scheinbar nur an Kleinigkeiten scheitert. Da die gewählte Form bewusst sehr schlicht gehalten wurde, erhält auch das kleinste Detail größte Wichtigkeit. Die Wirkung dieser Einzelheiten wurde wohl unterschätzt und lässt somit das Konzept unausgereift wirken. Interessant ist die Serie trotz allem.

Die Porträts kann man sich noch bis zum 19. Januar in der Galerie Clairefontaine anschauen. Dort gibt es auch das bereits erschienene und zur Ausstellung passende Bildband “Luxemburger Porträts”.

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