Wien tickt gerade nicht ganz normal. Der Wahlkampf ist schuld. Es ist nicht irgendeiner, Beobachter stufen ihn als den schmutzigsten ein, den Österreich bislang über sich ergehen lassen musste. So etwas zieht auch nicht spurlos an Elisa Leclerc, Lou Pepin und Laurent Peters vorbei. Die drei jungen Luxemburger studieren in Wien. Und wenn man seine Zelte so weit von zu Hause aufschlägt, dann lebt man auch in seiner Unistadt. Zwei, drei Mal im Jahr kommen sie nach Luxemburg zurück.

Alle drei schätzen die Stadt an der Donau mit ihren knapp zwei Millionen Einwohnern. Immerhin sei Wien mehrmals hintereinander zur lebenswertesten Stadt der Welt gekürt worden, sagt Lou, den es nach seinem Germanistik-Studium aber wohl in die Heimat zurückziehen wird. Laurent, der angehende Ingenieur in Verfahrenstechnik, und Elisa, die vergleichende Literaturwissenschaften und Publizistik studiert, scheinen sich mit der Idee angefreundet zu haben, in Wien ein neues Zuhause gefunden zu haben.

Anzeige

Ob sie sich denn Gedanken machen, dass sich die Nationalratswahl, die in Österreich den Kanzler bestimmt, auf ihre persönliche Lebensqualität niederschlagen könnte, wollen wir wissen, immerhin ist eine künftige Regierungsbeteiligung der rechtsextremen FPÖ ein wahrscheinliches Szenario. Die Studenten sind sich nicht ganz einig in der Frage. Von direkten Konsequenzen für sich selber gehen sie nicht wirklich aus, sie wohnen ja im eher linken Wien. „Aber für einen dunkelhäutigen Ausländer auf dem Land sieht die Sache wohl völlig anders aus“, sagt Laurent. Auch Elisa geht davon aus, dass besonders Migranten unter einer solchen Konstellation leiden würden, sie selber, als Luxemburgerin, aber eher nicht.

Elisa ist bewusst, dass Österreich nach rechts rückt, ist aber froh im linken Wien zu wohnen

An den Rechten kommt keiner ganz vorbei

Direkte Bekannte, die die FPÖ wählen oder mit ihr sympathisieren, hat keiner von den dreien. Mit Rechtsextremen kommen sie dennoch in Kontakt. „Wir haben natürlich die Burschenschaften, die einmal die Woche vor der Uni Präsenz zeigen“, sagt Lou. Die anderen beiden machten dieselbe Erfahrung. Elisa erinnert daran, dass Wien nicht gleich Österreich ist. „Fast jedes Strache-Plakat in Wien ist beschädigt oder jemand hat es mit Nazi-Vergleichen verziert.“ Das, so Elisa, sei auch ein Zeichen dafür, wo die Stadt politisch verankert ist.

Der Zustand der Wahlplakate ist aber auch ein Zeichen für die Heftigkeit der Auseinandersetzung, die in Österreich gerade auf ihren Höhepunkt zusteuert. Bereits das ganze Jahr 2016 steckte die Alpenrepublik im Wahlkampf. Damals konkurrierten der Grüne Alexander Van der Bellen und der FPÖler Norbert Hofer um das höchste Amt im Staat, den Posten des Bundespräsidenten. Bereits damals war von einem Tiefpunkt die Rede. Der Wahlkampf war gesät von Pleiten, Pech und Pannen: Die Wahl wurde einmal annulliert, einmal verschoben, Beleidigungen und persönliche Angriffe von rechts waren an der Tagesordnung.

Aus Politik wird Humor

Es war eine Tour de Force für alle Beteiligten, auf die nur eine kurze Pause folgen sollte. Im Frühling war klar, dass es Neuwahlen geben muss. Die Koalition aus SPÖ und ÖVP war gesprengt. Mittlerweile – nach einer Reihe von Politskandalen um Doppelagenten, gefälschte Statistiken, parteienfinanzierte Facebook-Schmutzkampagnen und nach fast 40 TV-Duellen der Kandidaten – scheint Österreich mit den Nerven am Ende. „Mir ist auch aufgefallen: Hier sind wirklich dauernd Wahlen“, sagt Elisa über ihre mittlerweile zwei Jahre in Wien.

Elisas österreichische Freunde, sagt sie, könnten das alles nicht mehr richtig ernst nehmen, „sie nähern sich der Politik quasi nur noch auf humoristische Weise“. Das mag über die Situation hinweghelfen, gut für eine Gesellschaft ist eine solche Art der Distanzierung nicht. Wie sehr sich Lou und Laurent mit der Politik in ihrer momentanen Wahlheimat auseinandersetzen, wird spätestens beim Diskutieren über das „Burkaverbot“ klar.

Laurent und Lou sitzen im Café Europa und diskutieren über die österreichische Politik

Das sogenannte Anti-Verhüllungs-Gesetz trat in Österreich am 1. Oktober in Kraft. Erste „Opfer“ waren vier Clowns auf einer Demonstration, drei Straßenmusiker mit Pferdemasken und das Werbe-Maskottchen eines Geschäftes in der Fußgängerzone, ein als Haifisch verkleideter Mann, die alle in irgendeiner Weise von der Polizei ermahnt wurden, da ihr Gesicht verdeckt war. Lou findet das Gesetz albern, da es zu nichts führe.

Fehlende Fairness

Laurent findet es gut, da es in Terrorzeiten mehr Sicherheit bringe. Die beiden diskutieren lange, argumentieren überlegt, wägen ab. Den Spitzenpolitikern Österreichs ist das in diesem Wahlkampf oftmals weniger gut gelungen als den beiden Luxemburger Studenten im Café Europa in Wien.

Auch sonst hat man bei den beiden jungen Männern den Eindruck, hier würden das konservative und das sozialdemokratische Lager Österreichs diskutieren. Laurent findet, dass es in der Politik und in der Gesellschaft wieder „fair“ zugehen sollte. Dieser Gedanke der scheinbar fehlenden „Fairness“ ist auch ein Leitmotiv aus dem Wahlkampf von Sebastian Kurz, dem 31-jährigen Spitzenkandidaten der ÖVP und hohen Favoriten bei der Wahl am Sonntag. Es ist aber ein „fair“, das sich auf Leistung bezieht: Wer Leistung bringt, soll dafür auch belohnt werden.

Plumpe Werbung auf Facebook

Laurent, Lou und Elisa sind zwischen 21 und 24 Jahre alt, dementsprechend informieren sie sich hauptsächlich über soziale Netzwerke, vor allem über Facebook. Elisa wundert sich in dieser Hinsicht, dass sie auf Facebook zum Ziel von Wahlwerbung geworden ist. „Christian Kern muss sehr stark auf die jungen Wähler zielen“, sagt sie. Von keinem anderen Kandidaten habe sie Werbung auf ihrer Facebook-Seite gesehen, nur vom SPÖ-Kandidaten. Kern liefert in den Werbefilmchen Pizzas aus oder gibt trendigen Musikmagazinen Interviews. Elisa kann das aber nicht überzeugen, wirklich glaubwürdig wirke das nicht, sagt sie.

Österreichs schmutziger Dauerwahlkampf hat also auch das Leben der drei Luxemburger Studenten erreicht. Die Nervosität, die sich zurzeit durch den Wiener Alltag zieht, ist ihnen nicht entgangen. Wen sie hier wählen würden, können sie nicht sagen. Alle sind froh, dass sie sich diese Gedanken nicht machen müssen – dass ihnen diese Qual der Wahl erspart bleibt.

4 Kommentare

  1. Wei den Haider mat an der Regierung war, sin sie boykotteiert gin.
    An genau esou waert ech sie och elo erem boykotteieren an an Südtirol Ski fueren goen, sollt deen infekten HC mat an Regierung kommen.

Kommentieren Sie den Artikel

Please enter your comment!
Please enter your name here