Die Entwicklung von Antibiotikaresistenzen in Luxemburg nimmt zu. Durch den zu häufigen Gebrauch der Wirkstoffgruppe verbreiten sich auch multiresistente Keime. Die zuständigen Stellen wollen keine Phobie gegen Antibiotika provozieren, sondern erreichen, dass diese lediglich dort eingesetzt werden, wo sie auch notwendig sind. Das Tageblatt hat sich mit Pharmazeutin Viviane Knepper aus dem CHEM unterhalten.

Tageblatt: Wie schlimm ist das Problem der Antibiotikaresistenz in Luxemburg?

Viviane Knepper: Es ist offensichtlich, dass die Resistenzentwicklung sowohl in Krankenhäusern als auch im ambulanten Bereich gestiegen ist – und das auch bei gängigen Keimen. Der Anstieg fand in solchem Maße statt, dass man sich Fragen zu einem verantwortlicheren und besseren Gebrauch von Antibiotika stellen muss. In Luxemburg gibt es bislang keine konkreten Zahlen zu den resistenten Patienten im ambulanten Bereich. Die mikrobiologischen Abteilungen der Krankenhäuser hingegen sammeln und verfolgen die Daten der hospitalisierten Patienten; die Resistenzdaten über invasive Keime werden von den Krankenhäusern an das europäische Kontrollsystem EARS-Net (European Antimicrobial Resistance Surveillance Network) weitergeleitet. Der “Plan national antibiotiques” (PNA) sieht vor, dass ab 2019 im “Laboratoire national de la santé” eine Plattform geschaffen wird, die Daten zu Resistenzen in Krankenhäusern und öffentlichen Laboratorien sammeln soll.

Der “Plan national antibiotiques” wurde im März vorgestellt. Was hat sich seitdem verändert?

Der PNA betrifft Human- und Veterinärmedizin sowie die Umwelt, da Übertragung und Resistenzentwicklung in den drei Bereichen zusammenhängen. Ich möchte mich nur zu den Aspekten der Humanmedizin äußern, allerdings ist es auch so, dass derzeit Arbeitsgruppen von Veterinärmedizinern aktiv sind und im Dezember eine erste Fortbildungsveranstaltung organisieren. Wie bereits erwähnt, ist die nationale Plattform zur Erhebung der Resistenzen dank der Beteiligung des LNS auf nationaler Ebene im Aufbau. In Bezug auf die Weiterbildung und Information der Ärzte und des medizinischen Fachpersonals findet am 6. Dezember eine erste Fortbildung für den Humanbereich statt. In einer Arbeitsgruppe des Gesundheitsministeriums wird augenblicklich an der Umsetzung eines “Antibiotic Stewardship”-Konzepts (ABS) gearbeitet. Unter ABS versteht man alle Maßnahmen, die zu einem verantwortlichen Gebrauch von Antibiotika beitragen, mit der Zielsetzung, die Wirkung der Antibiotika zu bewahren und die Sicherheit der Patienten zu gewährleisten. 2012 hat das CHEM intern ein ABS-Team, bestehend aus Fachkräften der Mikrobiologie-, Hygiene- und Apotheken-Abteilung, aufgestellt, das sich in Zusammenarbeit mit Ärzten um einen verantwortungsvollen und sicheren Gebrauch von Antibiotika kümmert und die Verbrauchszahlen von Antibiotika sowie die Resistenzdaten genau verfolgt. Ein Ziel des nationalen Plans ist es, ein solches Konzept in allen Krankenhäusern umzusetzen. In einer Arbeitsgruppe des PNA werden derzeit die Kernpunkte eines ABS-Programms im Krankenhausbereich definiert, zudem sollen ähnliche Kernpunkte in absehbarer Zeit ebenfalls im ambulanten Bereich und in den Pflegeheimen umgesetzt werden. Obwohl bisher manche Maßnahmen in den Krankenhäusern und auch in den anderen Bereichen getroffen wurden, müssen auch die restlichen Ideen des “Plan national antibiotiques” in den kommenden fünf Jahren in die Tat umgesetzt werden.

Was müssen die Ärzte berücksichtigen?

Es ist wichtig, dass Ärzte und auch alle anderen medizinischen Fachkräfte die Patienten darüber aufklären, in welchen Fällen Antibiotika wirklich nötig sind. Der Gebrauch dieser Arzneimittel soll jedoch nicht verteufelt werden. Ganz nach dem Motto: “Nicht an Antibiotika sparen, sondern mit Antibiotika.” Ausschlaggebend soll hier nicht der Kostenpunkt sein, sondern dass man der Entwicklung von Antibiotikaresistenzen entgegenwirkt. Die Ärzte müssen die Patienten darüber aufklären, welche Erkrankungen viraler Natur sind und nur einer Behandlung der Symptome bedürfen. Die Einnahme von Antibiotika bringt in diesen Fällen keinen Nutzen und birgt hier nur die Gefahr von potenziellen Nebenwirkungen und von einer Förderung der bakteriellen Resistenzen – und zwar nicht nur für den Patienten selbst, sondern auch für die gesamte Bevölkerung.

Was muss der Patient beachten?

Es ist wichtig, dass der Patient die Hinweise zur Antibiotikaeinnahme genau befolgt, in Hinsicht auf die Dosis und die Zeitdauer. Auch wenn es dem Patienten nach zwei Tagen besser geht und er kein Fieber mehr hat, muss er die vorgeschriebene Zeitdauer der Behandlung respektieren. Wichtig ist auch, dass Patienten ohne klare ärztliche Diagnose keine Antibiotika einnehmen, die von einer vorhergehenden Behandlung übrig geblieben sind. In dem Sinne darf man ebenfalls keine Antibiotika an Familienmitglieder weitergeben. Im Alltag gilt es bei Krankheitsfällen in der Familie, ein paar einfache Hygienevorschriften zu beachten: Regelmäßiges Händewaschen, das Benutzen von Papiertaschentüchern und das Niesen oder Husten weg von anderen Menschen kann die Ansteckungsgefahr deutlich vermindern. Eine ausreichende Zufuhr von Flüssigkeit, Bettruhe und das Vermeiden von öffentlichen Räumen können zudem zur Genesung des Kranken beitragen. Ein weiterer wichtiger Punkt, um Antibiotikabehandlungen zu vermeiden: Die Empfehlungen zu gängigen Impfungen gegen bakterielle und virale Erkrankungen sollten befolgt werden. Augenblicklich bietet sich die Impfung gegen die Grippe an, und zwar besonders für Risikopatienten.

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