Mit der Antonow An-2, dem weltgrößten einmotorigen Doppeldecker, über Luxemburg zu fliegen, ist etwas ganz Besonderes. Im Cockpit neben dem Piloten Chris Vannieuwenhuyse schwebte Robert Spirinelli in seinem Element und genoss dabei jede Flugphase.

Als unter der Woche das Redaktionstelefon in der Kanalstraße in Esch klingelte, brauchte der Mann an der Strippe nicht viel Überzeugungsarbeit zu leisten: „Salut, hei ass de Chris vun der Antonow, gees de e Sonnde mat fléien?“ Diese Stimme und die Art und Weise sind unverkennbar. Wer einmal mit dem einzigen Luxemburger Antonow-An-2-Piloten und -Besitzer zu tun hatte, kann seinen Nachnamen nach wie vor nicht oder kaum aussprechen, obschon Chris Vannieuwenhuyse mittlerweile in der Welt der Aviation längst kein Unbekannter mehr ist. Wo immer er mit seiner Antonow An-2 landet, ist er ein gern gesehener Gast. „Roger, alles klar Chris, die Tageblatt-Aero-Crew ist startbereit“, so unsere prompte Antwort.

Schwungvoll kommt der Sternmotor auf Touren

Am Flughafen angekommen, stand Chris dann auch schon bei seiner Antonow oder besser gesagt auf der Motorhaube des Doppeldeckers und prüfte den Ölstand der Maschine, die er liebevoll ganz einfach nur „Mäi Fliger“ nennt. „Der Flug von heute ist ausgebucht“, schmunzelt Chris von oben herab und lässt sich von den Vorbereitungen nicht weiter ablenken, denn bevor seine Passagiere eintreffen, will seine „Annuschka“ schön sein. Akribisch prüft Chris jedes Detail der An-2T, die er mittlerweile von der kleinsten Niete bis zur größten Schraube, dem imposanten 4-Blatt-Propeller, aus dem Effeff kennt.

Chris Vannieuwenhuyse

Dazu gehört auch das Anlassen des 1.000 PS starken Sternmotors, ein Ritual, dem jeder Flugzeugenthusiast beiwohnen möchte. Die „Annuschka“ ist fitter als je zuvor, kaum hat Chris den elektrischen Anlasser bestätigt, macht sich der enorme Motor auch schon durch seinen einzigartigen Klang bemerkbar. Schwungvoll kommt auch der Propeller auf Touren. Reden hat jetzt erst mal keinen Sinn mehr, denn je unverständlicher die Silben und Wörter werden, umso größer öffnen sich die Pupillen und die verbreiterten Mundwinkel sind ganz klare Anzeichen von Bewunderung.

Das Zusammenleben an Bord

Kurz danach treffen auch schon die ersten Fluggäste ein und die „Annuschka“ ist einem ersten Blitzlichtgewitter ausgesetzt. Nachdem sich die Emotionen etwas gelegt haben, gibt Chris die Anweisungen für den Flugverlauf, Sicherheitsvorkehrungen und das Zusammenleben an Bord. „Die Leichten nehmen bitte hinten in der Maschine Platz, die Korpulenteren vorne.“ Diese Worte klingen wie Musik in unseren Ohren, wir fühlen uns damit bestätigt und sind wohl zum allerersten Mal ganz stolz auf unsere überschüssigen Kilos. Die Anweisungen waren klar und deutlich, wir durften also ganz vorne im historischen Flugzeug Platz nehmen.

Spaß beiseite, in der Tat ist die Gewichtsverteilung in der An-2 extrem wichtig, um die sichere Längsneigung der Maschine zu gewährleisten. Die Sicherheit der Fluggäste ist auch bei diesem historischen Flugzeug von höchster Priorität und kompromisslos gelten auch hier die gleichen Standards und Bestimmungen wie bei normalen Fluggesellschaften. „Auch wenn rein rechtlich gesehen unsere Antonow kein gewöhnliches Passagierflugzeug ist“, gibt Chris Vannieuwenhuyse zu verstehen. Deshalb dürfen auch nur Klubmitglieder von „Antonov AN2 Lëtzebuerg“ mitfliegen.

Mitfluggelegenheiten

Der größte einmotorige Doppeldecker der Welt ist am Flughafen Findel stationiert und nach Vereinbarung mit den Verantwortlichen können auch Erlebnisflüge über Luxemburg oder der Grenzregion durchgeführt werden. Bis zu zehn Passagiere finden an Bord der An-2 Platz, wobei eine Mindestzahl von sieben Fluggästen erreicht werden muss, um kostendeckend fliegen zu können. Um mitfliegen zu dürfen, muss man Klubmitglied von „Antonov An-2 Lëtzebuerg“ sein. Allerdings kann jeder Luftfahrt-Fan für 150 Euro Jahresbeitrag Mitglied werden und dann bei einem der angebotenen Flüge dabei sein. Jeder weitere Flug schlägt dann während der Klubmitgliedschaft mit nur noch 125 Euro zu Buche. Findet sich eine private Gruppe von maximal zehn Leuten zusammen, so kann der Doppeldecker bereits für 1.100 Euro starten.

Für Rundflüge oder zur Besichtigung des Fliegers können Interessenten sich direkt an Chris Vannieuwenhuyse (Tel.: 621 299 498) wenden. Weitere Infos gibt es unter www.an2.lu.

Jetzt, wo alle Mann und auch zwei Damen an Bord und die Gurte angeschnallt sind, fährt Chris den Motor hoch. Die Außenhaut der „Annuschka“ vibriert, was das Zeug hält. Im Cockpit trifft Chris die letzten Vorbereitungen für den Start, geht die Checkliste durch und prüft sämtliche Anzeigen und Systeme auf Funktion und Sicherheit, bevor er sich über Funk in gewohnter Manier an den Tower richtet. „Moien, hei ass de Chris vun der Antonow, mir si prett, fir ze rullen.“ Aus dem Kontrollturm folgt sogleich die Rollfreigabe und langsam bewegt sich die An-2 zur Startbahn 24.

Das Zischen der Kompressionsluft lässt auch den Laiern erahnen, dass was in einem modernen Flugzeug von der Elektronik übernommen wird, in der An-2 für den Piloten Muskelkraft bedeutet und die Steuerung nicht über Joystick, sondern mitunter über Stahlseile erfolgt. Alles in allem sieht es im Innern unserer Annuschka ziemlich rustikal aus. Einziger Luxus zwischen den stellenweise in russischer Sprache beschrifteten Anzeigen und Schaltern sind die modernen Navigationssysteme.

In Position gebracht und mit der hochstehenden Flugzeugnase genau in der Bahnachse, schiebt Chris den Gashebel nach vorn und bringt damit den Motor auf Startleistung. Die geballte Kraft der neun Zylinder beschleunigt den „Traktor der Lüfte“ recht sanft, bereits nach einigen Metern erhebt sich der hintere Maschinenteil, bevor dann nach knapp geschätzten 100 Metern und bei einer Geschwindigkeit von bloß etwa 80 km/h auch die Bugräder den Boden verlassen, Annuschka ihre Flügel gen Himmel richtet und gemütlich in die Lüfte steigt.

Der atemberaubende Blick durchs Bullauge

Wer nun denkt, dass sich unser Pilot jetzt etwas zurücklehnen könnte, ist auf dem Holzweg. Die An-2 will geflogen werden und für Chris ist die Arbeit noch längst nicht getan. Steuerhorn loslassen ist bei diesem Flugzeug nicht! Was in modernen Jets der Autopilot erledigt, muss Chris, wenn er auf Kurs bleiben will, per Hand- und Fußarbeit verrichten. Es ist nun mal ein Flug fast wie zu Pionierzeiten, verbunden mit Nostalgie. Eine Reise in die Vergangenheit, wobei uns nur der atemberaubende Blick durchs Bullauge auf die neuzeitliche Infrastruktur am Boden wieder zurück in die Gegenwart katapultiert.
Der Flug ist angenehm und man merkt, dass Chris seine „Anni“ voll im Griff hat. Im Gegensatz zu dem, was wir am Boden hörten, ist es im Inneren während des Reiseflugs nicht allzu laut.

Mit etwa 140 km braust die An-2 auf ihren Rundflügen über Luxemburg, sie kann aber auch bis auf gemütliche 100 km/h verlangsamen. Wir fliegen in einer Höhe von rund 2.000 bis 2.500 ft (600-800 m) über Grund, was nicht nur sehr viele Landschaftsdetails erkennen lässt, sondern auch zum Fotografieren von großem Vorteil ist. Außerdem kann man zwischendurch auch einen Blick ins Cockpit werfen und aus der typischen, von Glas geprägten Antonow-Kanzel die Welt aus der Vogelperspektive bewundern.

Landepiste in Sicht

Dank der überragenden Kurzstart- und -landefähigheiten sowie dem robusten Fahrgestell kann die An-2 sogar auf unbestigten Pisten landen. Diese Frage stellt sich jetzt allerdings nicht, denn so langsam Annuschka auch fliegen mag, so schnell neigt sich unsere Reise dem Ende zu.

Die Piste ist bereits in Sicht und die Landeklappen sind ausgefahren. Eigentlich schade, denn allzu gerne hätten wir den Flug noch um einige Meilen verlängert. Der weltgrößte einmotorige Doppeldecker ist aber schon auf Landung getrimmt und schwebt der Erde entgegen. Nach einigen Minuten setzt das legendäre Flugzeug sanft auf und rollt zur Parkposition. Willkommen zurück in der Gegenwart! Ein Flugerlebnis mit dem historischen Doppeldecker lohnt sich allemal.

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