Ein musikalischer Cocktail

THE HEAVY:
Sons

Die Indie-Rock-Kombo aus Bath, international vor allem bekannt für den fetzigen Songs „How You Like Me Now“, der durch Verwendung in Serien, Trailern und Videospielen zum „signature track“ der Band avanciert ist, hat eine neue LP auf den Musikmarkt geworfen. Und so viel schon vorneweg: „Sons“ ist das stärkste Album seit „The House That Dirt Built“ von 2009.

Tower of Power haben einst ein Lied darüber geschrieben, dass sie auf den Schultern musikalischer Riesen, namentlich James Brown, stehen. Das gilt sicherlich auch für The Heavy, allerdings hat die Truppe um den beeindruckenden Frontmann Kelvin Swaby diesen Umstand zu einem perfekt choreografierten Tanz über die Köpfe ihrer Idole hinweg entwickelt. Virtuos wachsen hier Funk, Disco und Neo-Soul mit Bluesrock, Surf und Psychedelic Rock zusammen und sogar Hip-Hop-Einlagen blitzen in dieser musikalischen Legierung hervor, ohne zu stören. Die Musik ist zu keinem Moment prätentiös, sondern kommt mit einer organischen Frische und Power daher, die im gekünstelten Indie-Rock vergeblich ihresgleichen sucht.

Der Opener „Heavy For You“ ist richtungsweisend für die nachfolgenden Lieder. Swabys provokanter Frage, ob diese Musik dem Hörer zu heftig sei, muss man mit einem lauten „Nein!“ beantworten – genau diese Musik ist es, die wir wollen. Die Bluesgitarre wird von einem aggressiven Beat getragen, der Song schreit geradezu danach, als Titeltrack im nächsten Guy-Ritchie-Streifen Verwendung zu finden. „The Thief“, das zweite Stück, ist ebenfalls eine programmatische Ansage, hier werden die Wurzeln des Disco-Funk nochmal zelebriert. Wer bei der Bassline die Füße stillhalten kann, besitzt objektiv kein Rhythmusgefühl – und Nummer drei, „Better As One“, ist eindeutig für die Tanzfläche konzipiert.

Auffälligerweise hat das Album keine Ballade wie „Short Change Hero“, sondern hält kontinuierlich Tempo und Energie bis zum Ende – „Burn Bright“ rundet eine Platte ab, die jetzt schon zu den stärksten ihres Genres zählt. Kleine Schwäche zwischendurch ist vielleicht „A Whole Lot Of Love“, das ein bisschen zu langatmig geraten ist – hier schwächelt das Gesamtkonzept für drei Minuten. In dem opulenten, musikalischen Cocktail fällt der Wermutstropfen indes kaum ins Gewicht. Auf „Sons“ ist The Heavy in Höchstform.
Tom Haas


Australischer Ahornsirup klingt wie …

PSYCHEDELIC PORN CRUMPETS:
And Now For The Whatchamacallit

Die psychedelischen Porno-Pfannkuchen aus Perth sind das neue Highlight in der Stoner-Szene und spielen diesen Sommer auch garantiert auf einem Festival in eurer Nähe. Sie sind ebenfalls der Beweis, dass ein möglichst spaciger Bandname mit anrüchigen Wörtern immer noch ein zündender Marketing-Gag ist.

Aber was machen die vier Jungs, die als Support von King Gizzard & the Lizard Wizard bereits erfolgreiche Tourneen über sämtliche Kontinente absolviert haben, denn anders als der Rest der Szene?

Wer „And Now For Rhe Whatchamacallit“ (sperriger Titel) aufdreht, bekommt eine Dröhnung australischer Wüstensounds um die Ohren geblasen, die wie für Festivals komponiert wirken – vital, dreckig und zugleich bunt und verspielt. Die Crumpets klingen, als hätten Kasabian sich mit dem Toningenieur von Monster Magnet im Keller eingeschlossen, um ein Tribute-Album zu Sgt. Pepper von den Beatles zu produzieren.

Das Tempo ist schnell und dürfte so manchen Freund der eher schweren, verklausulierten Soundteppiche des Stoner-Doom verschrecken (oder aufwecken), die Drums und der Bass spielen fast schon Garage-Rock, ohne dabei an technisch anspruchsvollen Parts zu sparen, die Gitarre tanzt fuzzlastige Pirouetten auf dem Grundsound und der Gesang von Frontmann Jack McEwan lässt in seinen stärksten Momenten an Jerry Garcia von The Grateful Dead denken.

Das Konzept des Albums war laut Aussage der Band die akustische Aktualisierung eines Karnevals aus den 30er-Jahren für die digitale Generation. In weiten Strecken ist das Gedankenexperiment, wenn man denn die nötigen Substanzen vorrätig hat, um sich darauf einzulassen, auch gelungen. Schwächen hat das Album dennoch – gerade der Opener „Keen For Kick Ons?“ ist einen Tick zu poppig und zu gefällig geraten.

Wer ihn allerdings überspringt, wird im späteren Verlauf nicht mehr enttäuscht – gerade Nummer zwei der Platte, „Bill’s Mandolin“, ist eine traumhafte Geschichte von der titelgebenden Mandoline, die ohne Instrumentkoffer die Welt bereist und trotzdem heil zurück nach Hause findet. Insgesamt ist die LP eine spannende Akzentuierung eines oft doch sehr im Gleichklang schwingenden Genres.

Die Psychedelic Porn Crumpets spielen im Rahmen der „Congés annulés“ am 3. Juli ein Konzert in den Rotondes.  Tom Haas

 

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