Luxemburg steckt mittendrin in der Wohnungskrise. Um der Lage Herr zu werden, hat die Regierung eine ganze Reihe von Maßnahmen angekündigt. Tom Becker (39), Forscher im Bereich Raumplanung und Stadtentwicklung an der Uni Luxemburg, bezeichnet viele dieser Maßnahmen als „politischen Aktionismus“.

Er vermisst eine langfristige Strategie. Das Problem, mit dem die Politiker sich beschäftigen müssten, sei nicht die Wohnungsnot, sondern die Frage, wie es dazu gekommen sei, sagt Tom Becker. Die öffentliche Auseinandersetzung mit dem wirtschaftlichen und demografischen Wachstum werde aber bislang nicht konsequent angegangen.

Tageblatt: Die Wohnungskrise in Luxemburg hat sich in den vergangenen Jahren verschärft und ist zu einem der wichtigsten politischen Themen geworden. Wie konnte es so weit kommen?

Tom Becker: Es ist ein Zusammenspiel verschiedener Faktoren. Die Situation hat sich über 20, 30 Jahre entwickelt. Das kontinuierliche und rasante Wachstum der Luxemburger Wirtschaft ist sicherlich einer der Hauptgründe. Es wurden immer mehr Arbeitsplätze geschaffen, die nicht mehr nur mit Menschen, die in Luxemburg leben, besetzt werden konnten. Es wurde viel in neue Bürofläche investiert, weil es damals lukrativ war.

Zugleich waren die Erschließung von Bauland und der Bau von Wohnungen nicht so hoch, wie sie hätten sein müssen. Es wurde zwar Wohnraum erschlossen, doch nicht unbedingt dort, wo die Arbeitsplätze entstanden. Das bringt mit sich, dass viele Menschen lange Anfahrtswege haben. Ein weiteres Problem stellt die Spekulation mit Bauland dar. Weil die Grundstückspreise rasant steigen, ist es natürlich interessant, darin zu investieren.

Hinzu kommt, dass nach dem Raumplanungsgesetz von 1999 und den neuen Verordnungen über die Bebauungspläne von 2004 die Genehmigungsprozeduren komplizierter und langwieriger wurden, wodurch es viel schwieriger wurde, größere Baulandflächen zu erschließen. Nicht zuletzt wird immer deutlicher, dass der Bausektor langsam an die Grenzen seiner Kapazitäten stöß...

10 Kommentare

  1. Ich glaube das wussten wir schon vor 20 Jahren was da auf uns zukommt. Was haben wir um zu rechnen?
    2600Km2 Fläche,eine gesunde Wirtschaft und menschliche Löhne.Was haben die Nachbarn? Hohe Steuern,Arbeitslosigkeit und unzumutbare Löhne. Was passiert? Alle wollen nach Luxemburg nicht nur zum Arbeiten,auf zum Wohnen. Es wird also gebaut auf Teufel komm raus ,es wird geteert und gepflastert und der Zuwachs will nicht aufhören.Die Preise erreichen astronomische Höhen,eine “normale”Auswirkung der freien Marktwirtschaft die wir ja so bejubelt haben,damals unter dem Namen “Klobasilierung”(Priol). Die Pendler können sich die teuren Wohnungen nicht leisten und deshalb müssen sie eben pendeln.Sogar Luxemburger oder deren Kinder müssen im Ausland nach Wohnungsraum suchen.Da unser Angebot im öffentlichen Transport an seine Grenzen stößt,außer Tramtrassen ab der Grenzen nach Luxemburg-Stadt,ist hier auch keine Lösung in Sicht.Die Kapazitäten in Hospitälern,Schulen usw. sind erschöpft.Wasser wird knapp,usw. Der Kuchen ist zu klein für ALLE.

    • Welchen Wert haben “menschliche Löhne”, wenn er nicht einmal dazu ausreicht, ein Dach über dem Kopf zu bezahlen? Anstelle die Milliardenüberschüsse der letzten Jahrzehnte in Wohnungsbau zu investieren, wurde das Geld an Projekte verschleudert, die dem kleinen Fürstentum prestige bringen sollte, aber bitte keine armen Menschen. Viele Arbeiter und Angestellte können sich Luxemburg schon lange nicht mehr leisten. Im Schengenraum ist es ja auch kein Problem wenn sich diese Menschen im Umland eine neue Heimat suchen, solange sie ihre Steuern in Luxemburg lassen. Die Gemeinden im Umland werden den Zuzug schon irgendwie unterbringen…, die schaffen das!

      • Mit menschlichem Lohn meinte ich,dass man davon leben können muss und zwar hier und nicht in Bangladesch. Die Preispolitik im Wohnungssektor ist eine andere Sache und kommt eben von der rücksichtslosen Ausbeutung der Nachfrage. Es wird wohl kein Dorf mehr geben in dem nicht ein oder zwei Immobilienhaie ihre “Werkstatt”haben. Aber das Gehalt das z.B. ein Banker in Trier oder eben in Luxemburg verdient,lässt ihn täglich ins Auto oder in den Zug steigen. Oder ein Arzt z.B. verdient hier in Frankreich 24€ für eine Sprechstunde,dafür öffnet ein luxemburger Arzt noch nicht mal die Tür. usw.

      • @Peter
        Die Gemeinden im Umland können sich über eine Kaufkraft freuen, von der andere Regionen in D, F und B nur träumen können. Die höheren Löhne, ein Mindestlohn der seinesgleichen sucht, das hohe Kindergeld, die Studienbeihilfen und zudem die nicht anfallenden Sozialleistungen für die Menschen, die im „kleinen Fürstentum“ Arbeit finden, sind ein Segen für die Grenzgebiete. So gehört das Saarland zu den am stärksten gefährdeten Regionen in D, was nicht nur marode Strukturen sondern auch Bevölkerungsschwund mit sich bringt; neue Bürger mit gut gefüllten Brieftaschen sollten dort mit Freude aufgenommen werden. Und meinetwegen kann das Saarland sich vom erfolgreichen kleinen Fürstentum gerne etwas abschauen, denn mir hängt dieses unverantwortliche Wachstum mit der einhergehenden Minderung der Lebensqualität zum Halse raus.

      • Hallo Peter. Nur zur Information. Luxemburg ist kein kleines Fürstentum sondern ein Grossherzogtum. Unser Staatsoberhaupt ist ein Grossherzog und kein Fürst!
        Da sie aus dem Umland ja wissen (?) was wir in den letzen Jahrzehnten hätten machen müssen wundert es dass sie da so schlecht informiert sind … 🙂

  2. Jeder Mensch der willig ist hat Recht auf ein annehmbares Leben, ob nun Luxemburger, Grenzgänger oder sonst wie Ausländer. Nur wenn eine Firma nur mit Grenzgängern am Laufen gehalten werden kann, dann müsste deren Standort da sein von wo ihre meisten Arbeitskräfte herkommen. Ein Beispiel: Die Firma CLAAS hat ihre Produktion auf 4, im weitem Umkreis liegenden Standorten verteilt, seil man dort hinging von wo ihre Arbeitskräfte herkommen, und es im Interesse ihrer Mitarbeiter ist, dass man die Vorprodukte zu den Mitarbeitern bringt, und nicht die Arbeitskräfte zu den Vorprodukten.
    Ein Bekannter wollte sich ein im Bau befindliches Appartement kaufen. Es gab 6 Bewerber, und nur der erhielt es, wer den größeren Betrag mit eigenem Geld diskret bezahlen konnte.

    • Firmen haben nicht den Ruf immer “edelmütig” zu sein und wenn sie den Standort Luxemburg verlassen wird das schon nicht aus purem Mitgefühl sein.

  3. Diese Problem ist schon seit langen Jahren bekannt,
    da braucht man nicht lange forschen, denn die Politik hat
    dies absichtlich versäumt und wird in Zukunft gar nix tun,
    alles nur heisse Luft.

  4. Sehr geehrter Herr Tom Becker, vielen Dank für ihren Artikel. Einen Punkt habe ich jedoch vermisst; was schlagen Sie vor zum Umgang mit dem Leerstand von bestehenden Wohnungen und Häuser? Könnte man diese kurzfristig mobilisieren, wäre der Druck auf dem Immobilienmarkt vielleicht etwas kleiner und man bräuchte hierfür auch keine neuen Infrastrukturen bauen.

  5. quand on va voir les conséquences de la perte d’attractivité de la place financière suite à l’implementation des politiques fiscales demandées par UE. OECD, G20 etc, et concédées par le gouvernement, la montée explosive des prix immobiliers pourrait vite s’inverser.

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